Pandemie
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Krank auch ohne Corona

Maßnahmen gegen Corona dürfen den Schutz vor anderen lebensbedrohlichen Krankheiten nicht beeinträchtigen, meint Moritz Elliesen.

Moritz Elliesen ist Volontär in der Redaktion von "welt-sichten".
Mancherorts könnten mehr Menschen an den Folgen der Corona-Bekämpfung sterben als am Virus selbst: In 68 Ländern wurden Impfprogramme ausgesetzt, weil Regierungen Ausgangssperren sowie Reisebeschränkungen erlassen haben und Lieferketten unterbrochen sind. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP-Fraktion hervor. Vermeidbare Krankheiten wie Masern, Typhus oder Gelbfieber könnten unter anderem in Bangladesch, Äthiopien und der Zentralafrikanischen Republik wieder ausbrechen, warnt die Bundesregierung. Engpässe drohen auch bei der Versorgung HIV-positiver Menschen mit den für sie überlebenswichtigen antiretroviralen Medikamenten.

Die Versorgungslücken machen die Schattenseiten der weltweiten Pandemie-Bekämpfung sichtbar. Es ist wichtig, die Ausbreitung von Sars-Cov-2 einzudämmen. Das Virus wütet überall dort besonders heftig, wo Regierungen die Gefahr kleinreden oder aus Angst vor wirtschaftlichem Schaden untätig bleiben. Aber wenn Erfolge in der Corona-Prävention mit der Zunahme anderer potenziell tödlicher Krankheiten erkauft werden, ist nicht viel gewonnen. Möglicherweise ist diese eigentlich banale Einsicht hierzulande in Vergessenheit geraten, weil in den meisten Medien das Thema Corona dominiert.

Rückschritte bei der Bekämpfung von Malaria

Die allgemeine Gesundheitsversorgung darf nicht unter den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus leiden. Das müssen in erster Linie die Regierungen sicherstellen – sowohl hier in Europa als auch in Ländern des globalen Südens. Wer Grenzen dichtmacht und Ausgangssperren verhängt, muss sicherstellen, dass Ärzte, Pfleger und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen weiter ihrer Arbeit nachgehen können. Und wer den Flugverkehr einstellt, muss gewährleisten, dass Medikamente und Impfstoffe dennoch ihr Ziel erreichen.

Helfen könnte dabei eine stärkere Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die warnt seit Beginn der Pandemie davor, dass Erfolge in der Corona-Prävention mit Rückschritten bei der Bekämpfung anderer Krankheiten wie Malaria einhergehen können, und drängt darauf, Hilfsprogramme wie die Verteilung von Moskitonetzen nicht einzustellen. Aber die WHO hat keine Befugnisse, um verbindliche Entscheidungen für die Mitgliedsstaaten zu treffen oder Sanktionen auszusprechen. Und für großangelegte Einsätze vor Ort fehlt der chronisch unterfinanzierten Organisation das Geld.

Corona macht viele Missstände wie unter einem Brennglas sichtbar, heißt es oft. Das gilt auch für die globale Gesundheitspolitik. Dass in armen Ländern mit ohnehin schwachen Gesundheitssystemen schnell Engpässe auftreten, ist keine Überraschung. Langfristig muss deshalb mehr Geld und Energie in den Aufbau starker und belastungsfähiger Gesundheitssysteme fließen, statt nur einzelne Krankheiten zu bekämpfen. Denn letztlich sterben in vielen armen Ländern Menschen an vermeidbaren Krankheiten, weil Krankenhäuser, Ärzte und Pfleger am Limit sind – auch ohne Pandemie.     

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