Algerien
Algerien Demokratie AufmacherProtest gegen die Regierung in Algier im Februar 2020. Kurz darauf stoppt das Coronavirus die wöchentlichen Demonstrationen.

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Dem Aufbruch folgt Ernüchterung

Vor zwei Jahren haben die Algerier friedlich den damaligen Macht­haber gestürzt. Doch auch der neue Präsident gehört zur alten Garde und blockiert echten Wandel.

Soumaya gerät ins Schwärmen, wenn sie von den friedlichen Demonstrationen aus dem Jahr 2019 erzählt, die ihr Land verändert haben. Die 30-Jährige promoviert in Pharmazie an der Universität in Algier und hatte sich wie Hunderttausende ihrer Landsleute den Protesten gegen die algerische Regierung, gegen Korruption und Vetternwirtschaft angeschlossen. Die führten schließlich im April 2019 zum Rücktritt des langjährigen Machthabers Abdelaziz Bouteflika. Die Stimmung auf den Straßen sei überwältigend gewesen, erzählt Soumaya, die ihren Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will. „Männer und Frauen marschierten nebeneinander und plötzlich machte es keinen Unterschied, woher du kommst, wie alt du bist, welcher sozialen Schicht du angehörst. Die Jugendlichen schienen die Reife und Gelassenheit der Alten übernommen zu haben, und die Alten wirkten entschlossen und vital wie die Jungen.“ 

Vor genau zwei Jahren, im Februar 2019, hatten die landesweiten Demonstrationen begonnen. Dreizehn Monate dauerten sie an, bevor die Corona-Pandemie ihnen ein jähes Ende bereitete. Bis dahin waren Algerierinnen und Algerier jeden Dienstag und Freitag auf die Straße gegangen: gewaltlos, umsichtig, Ruhe bewahrend. Die Menschen ließen sich von „zufällig“ herumliegenden Pflastersteinen nicht provozieren: Viele meinen, die Sicherheitskräfte hätten sie absichtlich am Rande der Demonstrationszüge platziert, um die Menschen zu Ausschreitungen anzustacheln und dann härter eingreifen zu können. Die Demonstranten kehrten nach den Protesten die Straßen und sammelten den Müll ein, organisierten sich online über die sozialen Netzwerke, dezentral und eigenverantwortlich. Sie gaben sich selbst den Namen „Hirak“, arabisch für Bewegung. „Das Wunder des Hirak ist, dass die Leute sich neu erfunden haben“, erklärt die Politikwissenschaftlerin Naoual Belakhdar von der Freien Universität Berlin. „Sie haben erlebt, dass sie etwas bewirken können.“

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erschienen in Ausgabe 2 / 2021: Gesundheit weltweit schützen

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