Palmöl in Indonesien
 Harte Arbeit, aber ein Einkommen: Auf einer Plantage in Deli Serdang in Nordsumatra, ­Indonesien, werden Palm­früchte geerntet.

Picture Alliance/dpa

Palmöl in Indonesien

„Wir können Standards nicht sofort liefern“ 

Die Ausweitung der Palmölproduktion in Indonesien hat zu Kahlschlägen des Regenwaldes geführt und gleichzeitig Millionen Jobs geschaffen. Mit Mindestanforderungen, die Produzenten erfüllen müssen, soll die Palmölherstellung nachhaltiger werden. Jaboury Ghazoul erklärt, wie das funktionieren kann und welche Rolle Europa dabei spielt.

 Jaboury Ghazoul ist Professor für Ecosystem ­Management an der ETH Zürich. Er leitet das Projekt „Oil Palm Adaptive Landscapes“ (OPAL) in Indonesien, Kamerun und Kolumbien.Alessandro della Bella
Ist es möglich, den globalen Palmölkonsum weiter zu steigern, das Öl aber ohne weitere Abholzung zu erzeugen? 
Es ist definitiv möglich, die Fläche für Ölplantagen ohne neue Abholzungen zu vergrößern. Es gibt Millionen von Hektar auf der ganzen Welt, die vielleicht vor Jahrzehnten für Kautschuk, Reis oder anderes gerodet wurden und sich nun in einem schlechten Zustand befinden. Diese Gebiete sollten für die Expansion priorisiert werden. Nicht nur für Palmöl, sondern auch für jeden anderen landwirtschaftlichen Rohstoff, dessen Produktion erweitert werden muss. Es gibt aber starke wirtschaftliche Gründe, warum Menschen degradiertes Land nicht nutzen: Die Böden sind vielleicht weniger fruchtbar und zugänglich und es ist teurer, in diese Gebiete zu investieren. Es kommt also auf den politischen Willen an: Können Regierungen die Wiedererschließung von bereits degradiertem Land fördern?

Sollte Europa lieber weniger Palmöl nachfragen, um damit die nicht nachhaltige Produktion im globalen Süden zu verringern? 
Das würde höchstwahrscheinlich nicht funktionieren. Selbst wenn wir Palmöl vollständig aus unseren Lieferketten eliminieren könnten: Dann müsste eine sehr große Menge an Pflanzenöl ersetzt werden. Die Produktion von Raps in Europa würde auf keinen Fall ausreichen, um den europäischen Bedarf an Pflanzenöl zu decken. Wir könnten es durch Soja ersetzen. Aber Soja ist noch umweltschädlicher, sowohl was den Einsatz von Chemikalien und Pestiziden als auch was die Abholzung von Wäldern angeht. Und noch ein Punkt ist wichtig: Europa ist ein großer Importeur von Palmöl, aber nicht so groß wie einige andere. Dennoch hat es eine Menge Einfluss und kann einen Dialog vorantreiben, wie man die nachhaltige Palmölproduktion verbessert. Sobald jedoch ernsthafte Beschränkungen für Palmölimporte eingeführt werden, verliert Europa diesen Einfluss, da die Erzeugerunternehmen auf andere Märkte ausweichen werden. Wir sollten nicht daran arbeiten, Importe zu reduzieren, sondern Palmöl auf zertifizierte nachhaltige Quellen zu beschränken. 

Bis heute ist nur ein Fünftel der globalen Palmölproduktion vom Roundtable on Sustainable Palmoil (RSPO) zertifiziert. Heißt das, wenn Europa nur zertifiziertes Palmöl importiert, wird unzertifiziertes Öl einfach an andere Großkunden wie Indien oder China verkauft?
Ja, und das passiert auch. Einige große Importeure, insbesondere China und Indien, sind bei der Beschaffung von Palmöl weniger strikt als Europa. Das ist ein großes Problem. Denn wenn wir in Europa zu restriktiv sind, könnte Indonesien einfach sagen, dass der europäische Markt, der etwa 10 oder 15 Prozent des globalen Palmölmarktes ausmacht, es einfach nicht wert ist. Ein weiteres Problem ist, dass die Lieferkette nicht transparent ist: Viele Unternehmen beziehen Palmöl von mehreren Produzenten. Einige sind zertifiziert, andere nicht. Sie dürfen beides nach dem Massenbilanz-Ansatz zusammenmischen, sollten aber den Überblick darüber behalten, welcher Anteil zertifiziert ist. Doch es kann schwierig sein, über die gesamte Lieferkette hinweg eine gute Buchhaltung zu führen. Auch das untergräbt das Vertrauen in die Zertifizierung. 

Der Druck, mehr nachhaltiges Palmöl zu produzieren, müsste also durch eine stärkere Nachfrage aus Indien oder China kommen? 
Ja. Das könnte durchaus passieren, auch wenn es Zeit brauchen wird. Vor allem multinationale Unternehmen sind im Ölgeschäft tätig. Unilever ist zum Beispiel ein Vorreiter bei den Zielen für nachhaltiges Palmöl. Wenn ein Unternehmen, das einen globalen Markt hat, diese Politik übernimmt, wird sie auch weltweit übernommen. Es beginnt, die Kultur etwa in Indien und China zu verändern. Und es ist nicht nur Unilever. Mehrere andere Unternehmen bewegen sich ebenfalls in diese Richtung, und oft treiben die europäischen Niederlassungen dieser Unternehmen dies voran.

Wie wirksam ist der 2004 eingeführte RSPO-Standard? 
Wir haben Nachhaltigkeitsstandards, aber sie werden ständig nachverhandelt und entwickelt. Wir können nicht sofort Standards liefern. Es ist meiner Meinung nach auch völlig kontraproduktiv, darauf zu bestehen, dass Kleinbauern in Indonesien die RSPO-Standards übernehmen. Sie sind dazu nicht in der Lage, würden dann von allen Märkten ausgeschlossen und das hätte enorme Auswirkungen auf ihren Lebensunterhalt. Stattdessen folgen wir mit unserem Projekt einem schrittweisen Verfahren und fragen: Was sind die Mindeststandards oder Maßnahmen, die sie umsetzen können? Und wenn wir andere Organisationen einbeziehen, um die Kleinbauern besser zu unterstützen, können wir diese Standards höhersetzen.

Kleinbauern produzieren etwa 40 Prozent des Palmöls in Indonesien. Was muss getan werden, damit sie höhere Standards erfüllen können?
Die indonesische Regierung hat 2011 den indonesischen Standard für nachhaltiges Palmöl (ISPO) eingeführt, der von vielen Ländern als zu schwach kritisiert worden ist. Verglichen mit dem, was wir gerne sehen würden, ist er sicherlich nicht stark genug, aber er ist ein erster Schritt, um die gesamte ölproduzierende Gemeinschaft in Indonesien zu ermutigen, diese Mindeststandards zu erfüllen. Der Standard ist als verpflichtend konzipiert. Jeder einzelne Kleinbauer muss ihn erfüllen. Wenn das erreicht werden kann, wird das schon eine wesentliche Veränderung in der Palmölproduktion bewirken. Aber der ISPO sollte kein Endziel sein. Es ist ein Schritt entlang des Weges. 

Das OPAL-Projekt 

Bei Ihrem OPAL-Projekt in Indonesien setzen Sie Brettspiele ein, um ein Bewusstsein für die Probleme der Palmölproduktion zu schaffen? 
Ja, viele verschiedene Spiele. In den vergangenen drei Jahren haben wir ein Spiel verwendet, bei dem es darum geht, wie indonesische Kleinbauern durch die neu entwickelten Palmölplantagen größerer Unternehmen beeinträchtigt werden. Das Spiel stellte die Landschaften dar, die verschiedene Ressourcen beinhalteten wie Wasser, Fisch und Land. Dann haben wir eine Reihe von Kleinbauern dieses Spiel spielen lassen und ebenso lokale Fischer, Politiker, Vertreter lokaler Palmölfirmen. Während des Spiels entscheiden die Teilnehmer zum Beispiel, Ölpalmen anzubauen, Wald zu roden oder zu fischen. Ihr Handeln hat Auswirkungen auf das Land, die natürlichen Ressourcen der Landschaft sowie auf die Wirtschaftlichkeit ihres Haushalts oder Unternehmens? Durch die Spiele können wir Menschen aus dem gesamten Gebiet einbinden. Es geht darum, Wissen zu teilen und Konflikte, die entstehen könnten, zu identifizieren und zu lösen. Wir können die Spiele auch nutzen, um alternative Strategien zu entwickeln, mit denen die Menschen ihre Landschaften effektiver verwalten könnten. 

Und was haben die Spieler gelernt?  
Sie konnten die Perspektiven der anderen Spieler verstehen und auch, wie sich ihre Entscheidungen auf andere auswirken. Viele der Kleinbauerngemeinschaften verstehen jetzt viel besser, wie sie ihre Farmen bewirtschaften können, insbesondere was den Einsatz von Düngemitteln und Chemikalien angeht. Die Ölpalmenbauern verstehen besser, dass die Fischer in der Gemeinde vom Ölpalmanbau beeinträchtigt werden können. Sie sind darüber besorgt, denn schließlich wollen sie ja den Fisch von diesen Fischern kaufen. Und große Plantagenbesitzer haben ein besseres Verständnis dafür, wie sich ihre Entscheidungen auf die umliegenden Gemeinden auswirken könnten. 

Was hat das Projekt insgesamt bewirkt?  
Die Distriktbeamten sagen uns, dass ihnen die weitreichenden Auswirkungen der Palmölentwicklung auf die Umwelt und die Ressourcen der Menschen jetzt viel bewusster sind. Sie entwickeln nun neue Wege, um enger mit den Plantagenunternehmen zusammenzuarbeiten. Auch unsere wissenschaftlichen Partner in Indonesien verstehen die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Interessengruppen und deren Entscheidungen besser. Sie können dieses neue Wissen in nationale, politische Dialoge einbringen. In Kamerun, Kolumbien und Indonesien – also den drei Ländern, in denen wir arbeiten – haben wir Menschen dazu gebracht, zu erkennen, dass wir einen viel größeren Landschaftsmaßstab betrachten müssen als nur eine Farm oder eine Plantageneinheit. Wir konnten auch klarmachen, dass Verhandlungen, Diskussionen und der Aufbau eines gemeinsamen Verständnisses absolut entscheidend sind, bevor wir überhaupt Lösungen zum Thema Nachhaltigkeit liefern können. 

Wir haben über die Palmölproduktion von Kleinbauern gesprochen. Sind große Plantagen in Bezug auf Nachhaltigkeit tendenziell besser oder sogar schlechter?
In Indonesien sind etwa 50 Prozent der Palmölplantagen, gemessen an der Fläche, im Besitz von Großunternehmen. Man kann argumentieren, dass einige der großen Unternehmen mit Tausenden von Hektar sehr produktiv sind und damit geringere negative Auswirkungen pro produziertem Liter Palmöl haben. Sie sind in der Lage, sehr große Mengen Palmöl auf einer relativ kleinen Menge Land zu produzieren. Kleinbauern können höchstens ein Viertel oder ein Drittel so viel Palmöl pro Flächeneinheit produzieren. 

Im September 2018 hat Indonesien ein Moratorium für neue Plantagen verhängt. Heißt das, dass die Rodung von Waldflächen jetzt illegal ist? 
Ja, das ist richtig. Aber man muss sich die Details anschauen. Soweit ich weiß, werden keine neuen Konzessionen an Ölfirmen vergeben, um unberührte Wälder zu roden. Aber bestehende Konzessionen, die in den vergangenen Jahren vergeben wurden, können weiterentwickelt werden. Das heißt, es ist weiterhin möglich, sekundäre oder „degradierte“ Wälder zu roden, obwohl viele dieser Wälder weiterhin gut für die Biodiversität sind und sich wahrscheinlich mit der Zeit erholen würden. Abholzung findet also in einigen Gebieten immer noch statt. Es gibt großen öffentlichen Druck, dies zu stoppen, auch wegen der Waldbrände. Die indonesische Regierung versucht, die Abholzung zu begrenzen und Waldbrände zu verhindern. Aber natürlich ist die Regierung kein homogenes Gebilde. Es gibt viele verschiedene Interessengruppen, auch Korruption ist ein großes Problem.

Das Gespräch führte Melanie Kräuter. 

erschienen in Ausgabe 4 / 2021: Abholzen, abbrennen, absperren

Neuen Kommentar schreiben