Kein Ende der Entführungen

REUTERS/Valerie Baeriswyl
Beten für bessere Zeiten: In einer Kirche in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince beten Christen für ein Ende der zahlreichen Entführungen in ihrer Heimat.
Haiti
Die Bevölkerung von Haiti lebt in ständiger Angst vor Entführungen und Gewalt. Mitte April wurden mehrere Kirchenvertreter verschleppt. Die katholische Kirche wirft der Regierung vor, sie sei mitschuldig.  

Haiti gilt als das ärmste Land des amerikanischen Doppelkontinents. Gleichzeitig befindet es sich in einer anhaltenden politischen Krise. Die Sicherheitslage verschlechtert sich zunehmend. Der Staat unternimmt so gut wie nichts gegen Plünderungen, Raubüberfälle und Entführungen, mit denen kriminelle Banden versuchen, an Geld zu kommen. Mitte April wurden auf der Fahrt zu einer Priesterweihe vier Priester, drei Ordensleute und zwei Laien in der Nähe von Port-au-Prince entführt. Die Entführer verlangten eine Million US-Dollar als Lösegeld. Einige Tage zuvor waren ein Priester und mehrere Kirchenbesucher entführt worden.

Für die katholische Kirche war der Punkt gekommen, sich öffentlich gegen die Regierung zu stellen. Sie tue nichts, um diese Krise zu lösen – im Gegenteil: „Wir prangern ihre Mitschuld und Komplizenschaft an“, sagte Max Leroy Mésidor, Erzbischof von Port-au-Prince gegenüber französischen Medien. Auch die haitianische Ordenskonferenz gab ihrer Wut in einer Erklärung Ausdruck: Die Menschen lebten in ständiger Angst und die politische Führung zeige sich „zunehmend ohnmächtig“. Sie sei nur um den eigenen Machterhalt besorgt. 

Streik in katholischen Schulen und Universitäten

Von einer „Entführungsdiktatur“ sprach die haitianische Bischofskonferenz in einer Stellungnahme und verhängte über alle katholischen Schulen und Universitäten einen dreitägigen Streik. „Wir dürfen den Banditen nicht die Macht überlassen, uns zu töten, zu vergewaltigen und zu entführen.“ Mit dem Streik solle „das Gewissen des Landes aufgerüttelt werden und die Behörden aufgefordert werden, sich mit der Frage der Entführungen zu befassen und Lösungen zu finden“, schrieben die Bischöfe. Mehr als die Hälfte der elf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in dem Inselstaat sind katholisch. 15 Prozent aller Schulen gehören der katholischen Kirche. 

Hintergrund der Krise sind Machtkämpfe zwischen der Opposition und Präsident Juvenel Moise, dessen Amtszeit in den Augen der Opposition nach vier Jahren, nämlich Anfang Februar, hätte enden müssen. Moise hingegen geht von einer fünfjährigen Amtszeit aus und stellt Neuwahlen und eine Verfassungsreform für kommendes Jahr in Aussicht. 

Dass hinter den Entführungen von Kirchenvertretern auch politische Interessen stecken könnten, will man in den Reihen der Bischöfe nicht ausschließen. „Jeder weiß, dass unsere Politiker kriminelle Banden benutzen, um bestimmte Gebiete zu kontrollieren. Die Grenze zwischen organisiertem Verbrechen und Politik ist fließend“, sagte Bischof Jean Désinord von der Diözese Hinche in einem Interview mit einem katholischen Hilfswerk. 

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