Reife Leistung
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Zukunft ungewiss

Ökolandbau oder Gentechnik? Nach der Trennung von Bill und Melinda Gates droht ein Streit um die Ausrichtung ihrer gemeinsamen Stiftung.

 Wolfgang Ammer
Es steht wahrlich schlecht um die westliche Kultur, wenn in unseren Eliten, also unter Superreichen, nicht einmal die Moral­apostel ihre Beziehungsprobleme in den Griff bekommen. Nein, die Royals sind hier nicht gemeint: Die Rede ist von Bill und Melinda Gates, die gemeinsam die größte wohltätige Stiftung der Welt ins Leben gerufen haben. Nach 27 Ehejahren lassen sie sich jetzt scheiden. Eigentlich war das ja abzusehen: Bill soll vor der Heirat mit Hilfe einer Flipchart ausgetüftelt haben, ob sein Zeitbudget es zulässt, Melinda das Jawort zu geben – und dann hat er 16 Stunden am Tag für die Stiftung gearbeitet.

Und wie immer in Kreisen der Mächtigen sind persönliche Querelen für Unbeteiligte bedrohlich. In diesem Fall für die Gates-Stiftung und alle, denen sie zu Hilfe eilt. Immerhin rund fünf Milliarden US-Dollar vergibt die im Jahr, um die Welt besser zu machen. Während Bill dabei auf technischen Fortschritt schwört, etwa bei Impfstoffen und Gen-Saatgut, setzt sich Melinda für die Förderung von Bildung und Geschlechtergleichheit ein. Von der Steuerung der guten Werke wollen aber beide nicht lassen und weiter die Stiftung gemeinsam führen. 

Da geht nun bei vielen Zuwendungsempfängern – von Hilfswerken über Forschungsgruppen bis zur Weltgesundheitsorganisa­tion – die Sorge vor einem Rosenkrieg im Hause Gates um. Auflösen kann man die Stiftung ja nicht. Wer wird sich also bei der Geldvergabe durchsetzen? Oder wird Melinda gar mit ihrem Vermögensanteil selbst stiften gehen und vielleicht Ökolandwirtschaft propagieren, wo ihr Exgatte sich für Gen-Saatgut starkmacht? Oder Artemisinintee anstelle einer Malariaimpfung? Die Zukunft der Welt, so scheint es, ist dank einer Ehe­krise plötzlich wieder offen.

erschienen in Ausgabe 6 / 2021: Selbst bestimmen!

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