Peru
Elias Aguirre stand mit 17 zum ersten Mal auf einem Surfbrett - und wollte nicht mehr runter.Elias Aguirre stand mit 17 zum ersten Mal auf einem Surfbrett - und wollte nicht mehr runter. Inzwischen engagiert sich der 21-Jährige beim Sozialprojekt "Altoperu" und bringt Kindern und Jugendlichen das Surfen bei.

Luisenrrique Becerra

Peru

Bretter, die Freiheit verheißen

Noch bis vor wenigen Jahren galt Surfen in Peru als Sportart für reiche Jungs. Erst in den letzten Jahren ist das Wellenreiten auch für Durchschnitts-Peruaner erschwinglich geworden. Und wenn es um Wettkämpfe geht, haben die Mädchen die Nase vorn. 

Elias Aguirre nimmt sein Surfboard unter den Arm, schlüpft in seine Badeschlappen und läuft behende die Steilküste zum Strand hinunter. Agua Dulce, Süßwasser, heißt der große Strand im Süden der peruanischen Hauptstadt Lima. Im Juni, wenn in Lima der Winter-Nebel jeden Tag etwas tiefer hängt, ist er weitgehend menschenleer. Für Badegäste ist es zu kalt. Bis vor wenigen Tagen waren die Strände wegen Corona noch gesperrt und nur Surfer und Schwimmer durften über den Strand ins Meer. Nun aber prüft kein Polizist mehr, ob Elias auch wirklich zum Surfen kommt und sich nicht etwa am Strand verabredet. Am Meeresrand angekommen tauscht der junge Mann seine Shorts gegen einen Wetsuit, macht ein paar Dehnübungen, und schon ist er im Wasser und paddelt hinaus in den Pazifik. In der Hoffnung, heute, wieder einmal, eine Welle zu finden, die ihn dem Glück ein wenig näher bringt. 

„Als ich 12 Jahre alt war, wollte ich zum ersten Mal Surfen lernen“, erinnert sich der heute 21-Jährige. Ein Surfbrett hatte er nicht, und er klopfte deswegen im Surfprojekt „Altoperu“ an. Die wollten ihm ein Brett leihen, wenn er 100 Flaschen Altglas bringen könne, als Recyclingglas für sein Board. „Aber ich konnte nicht so viel auftreiben“, erinnert sich Elias Aguirre. Sein Vater verkaufte Kuchen auf der Straße, seine Mutter verdiente als Schneiderin gerade genug zum Leben. Da war kein Surfbrett drin. Elias begann also erst einmal mit einer Kampfsportart, die nichts kostete. Mit 15 Jahren lernte er schwimmen. Und mit 17 klappte es dann doch noch, er konnte den Beitrag aufbringen.  Zum ersten Mal stand er auf einem Surfbrett und wollte fast nicht mehr runter. „Ich war jeden Tag im Wasser“, erinnert er sich. „Ich dachte nur noch an die nächste Welle, und war glücklich, wenn ich eine erwischte“.

Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität

Heute arbeitet Elias beruflich für das Sozialprojekt „Altoperu“, das Kindern und Jugendlichen das Surfen beibringt. „Es geht nicht nur um den Sport. Das Surfen ist auch ein Vorwand dafür, dass wir den Strand reinigen, oder Meditation lernen“. Vor allem lernten die Kinder, einander zu vertrauen und aufeinander aufzupassen.  Also genau das Gegenteil dessen, was sie jeden Tag in ihrem Viertel sehen. „Wenn in Altoperu ein Polizeiauto auftaucht, dann verschwinden alle Jugendlichen von der Straße und verstecken sich“, berichtet Elias. Denn die Polizei kommt normalerweise nach Altoperu, um jemanden zu verhaften, der mit Drogen dealt oder stiehlt. 

 Altoperu ist ein Teil des Fischer- und Badeortes Chorrillos, der wiederum schon längst Teil der 10-Millionen-Stadt Lima geworden ist. Immer noch fahren in Chorrillos Fischer in ihren kleinen Motorbooten jeden Morgen aufs Meer, und blicken dabei auf die Skyline der kilometerlangen Steilküste Limas. Aber das heißt nicht, dass sich die Einheimischen in Chorrillos im Wasser zu Hause fühlen. Zu gut kennen sie auch die Risiken des Ozeans. Auch Elias‘ Großvater war Fischer in Chorrillos. „Mein Vater wollte nicht, dass wir Fischer werden wie er. Er hat uns immer vor den Gefahren des Meeres gewarnt“, erzählt Olga Aguirre, Elias‘ Mutter. Sie kann, wie so viele Fischer, selbst nicht schwimmen, obwohl sie ihr ganzes Leben keinen halben Kilometer vom Pazifik entfernt verbracht hat. Elias ist der Einzige aus der Familie, der je auf einem Surfbrett stand. Chorrillos mag mit seinen Fischerbooten und den bunt angestrichenen Häuschen pittoresk wirken. Dahinter jedoch verbergen sich Armut, Arbeitslosigkeit und auch Kriminalität. „Wir hatten manchmal nicht genug zu essen, wie sollten wir da an ein Surfbrett denken“, erinnert sich der Arzt Enrique Hernandez, der vor 40 Jahren in Altoperu aufgewachsen ist. Dabei hat das Surfen, so eine Theorie, seinen Ursprung in Peru. Schon vor 4000 Jahren haben die Moche auf ihren Schilfbooten die Wucht der Pazifik-Wellen ausgenutzt, um Fische zu fangen. Noch heute kann man im nordperuanischen Badeort Huanchaco beobachten, wie morgens die Fischer auf ihren „Caballitos de totora“, „Schilf-Pferdchen“ genannt, auf Meer hinauspaddeln und den Wellen trotzen. 

 Diego Villaran hat das Sozialprojekt "Altoperu" gegründet. Der 39-jährige Surflehrer will damit auch ärmeren Kindern eine Perspektive geben.Luisenrrique Becerra

Doch die heutige Art des Surfens wird meist nicht mehr mit Peru in Verbindung gebracht, sondern mit Hawaii. „Die ersten modernen Surfbretter kamen aus Hawaii und Kalifornien nach Peru“, erzählt Diego Villaran, der Gründer der Surfschule „Altoperu“, in der Elias arbeitet. Vor rund 60 Jahren, als in Kalifornien die Band „The Beachboys“ das Lebensgefühl einer jungen Generation mit Sonne, Strand und Wellen besangen, reisten junge wohlhabende Peruaner zum Surfen nach Kalifornien und Hawaii und brachten von dort ihre Surfboards und Wetsuits mit. „Surfen hatte damals einen schlechten Ruf, die Surfer wurden als Nichtstuer und Kiffer angesehen“, erinnert sich Diego Villaran (39) an die Erzählungen seines Vaters.  

Autorin

Hildegard Willer

ist freie Journalistin und lebt in Lima (Peru).
Er stand bereits mit fünf Jahren auf einem Surfbrett, sein surfender Vater nahm ihn damals mit ins Meer. Mit 21 gründete er im Jahr 2002 eine eigene Surfschule, die er vier Jahre später zu dem Sozialprojekt „Altoperu“ ausbaute, benannt nach dem Viertel, in dem er wohnt. „Ich fing an, den Jungs aus der Nachbarschaft samstags kostenlos Surfunterricht zu geben, und lieh ihnen dafür auch die Bretter“. Schnell sprach sich das Angebot herum, und rasch fanden sich auch Sponsoren, die Surfbretter und Wetsuits zur Verfügung stellten. Heute hat die NGO „Altoperu“ 15 Mitarbeitende und bietet Jugendlichen aus armen Randvierteln neue Perspektiven durch Sport. 

"Das Meer ist die beste Medizin"

Zum Surfen kam später der Kampfsport Muay Thai dazu sowie das Skaten und der Straßenfußball. „Das Surfen gibt dir eine Ordnung, es hilft dir, Deine Ängste zu besiegen“, sagt der 39-jährige Surflehrer. „Das Meer ist die beste Medizin, und es ist ein Skandal, wie der Staat seinen Bürgern dieses Heilmittel und den Kontakt mit der Natur vorenthält“. Diego Villaran spielt damit auf die Corona-Schutzmaßnahmen an, wegen der die Strände lange Zeit geschlossen waren. Nur einzelne Sportler dürfen deshalb an die öffentlichen Strände, aber kein Surflehrer mit einer Kindergruppe. „De facto hieß das, dass nur die Kinder der Reichen an den Privatstränden ans Meer durften“. 

Geschützte Wellen 

Jahrelang stritten die Fischer von Cabo Blanco und der peruanische Surfverband darüber, was wichtiger sei: ein neuer Fischerhafen mit Mole oder der Schutz der Welle von Cabo Blanco im Norden Perus. Die Welle von Cabo Blanco ist…

Dabei ist das Surfen gerade in den letzten Jahren immer populärer geworden. War für die meisten vor 20 Jahren ein Surfbrett noch unerschwinglich, so ist ein fehlendes Brett oder ein fehlender Wetsuit kein Grund mehr, um nicht zu Surfen, so Diego Villaran.  Zum einen sind die Einkommen gestiegen, zum anderen sind viele gebrauchte Surfbretter auf dem Markt.

Keine finanzielle Förderung von der Regierung

Dennoch ist das Surfen in Peru noch der Sport einiger weniger. Diego Villaran geht deswegen hart mit der peruanischen Sportpolitik ins Gericht. Die mit peruanischen Steuergeldern finanzierte nationale Surfvereinigung fördere einseitig den Spitzensport, also herausragende Talente, die für Peru Medaillen holen sollen. Obwohl Peru eine 2500 Kilometer lange Küstenlinie hat, an der man das ganze Jahr über gute Wellen zum Surfen findet, bietet keine einzige staatliche Schule oder Stadtteilregierung Surfunterricht an.  Auch „Altoperu“ erhält keinen Cent vom peruanischen Staat und finanziert sich zu 80 Prozent aus ausländischen Fördergeldern. Damit bilden sie Multiplikatoren aus, sogenannte „Coaches“, die wiederum die Kinder und Jugendliche im Surfen und im Kampfsport schulen und sie auch in ihrer persönlichen Entwicklung begleiten. Auch Elias Aguirre ist einer der acht Coaches von Altoperu und arbeitet heute hauptamtlich im Projekt mit. 

Noch immer surfen viel mehr Männer als Frauen, rund 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen seien es, so Diego Villaran. „Oft wollen die Eltern nicht, dass ihre Töchter Surfen lernen“. Dabei haben gerade weibliche Surferinnen ihren Sport in Peru landesweit und über die Grenzen hinaus bekannt gemacht. 2004 wurde die Peruanerin Sofia Mulanovich Weltmeisterin im Surfen. 2019 gewann Daniela Rosas eine Goldmedaille bei den Panamerikanischen Spielen, dem für Nord- und Südamerika wichtigsten Sportereignis (außer Fußball). 

Durchs Surfen Perspektive fürs Leben gefunden

Die 19-jährige Daniela Rosas stammt, wie Diego Villaran und seine Surfcoaches, aus Chorrillos-Altoperu und gehört zu den wenigen Mädchen des Viertels, die von ihren surfenden Cousins schon als kleines Mädchen mit aufs Wasser genommen wurde. Als Schülerin wurde ihr Talent erkannt und sie wurde von der peruanischen Surfvereinigung gefördert. Heute, mit 19 Jahren, ist sie hauptberufliche Surferin. Sie trainiert sechs Tage pro Woche, lebt von Sponsorengeldern und hat ihre Nominierung für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio erkämpft. Daniela Rosas steht erst am Anfang ihrer Karriere als Spitzen-Surferin und möchte noch viele sportliche Erfolge feiern. „Das Surfen ist ein Teil von mir geworden, es ist nicht mehr schwierig. Die Herausforderung ist nur, konstant eine sehr gute Leistung zu bringen“. 

Für Diego Villaran und Elias Aguirre dagegen ist der Wettkampf nicht das Wichtigste am Surfen. Ihnen geht es um die Veränderung, die sie bei den Kindern und Jugendlichen und in deren Gemeinschaften auslösen. Nicht wenige junge Surfer haben in den Wellen eine Perspektive für ihr Leben jenseits vom Wettkampfsport gefunden. Während der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Surfunterricht gestiegen. Elias Aguirre verdient sich ein Zubrot mit Privatstunden und unterstützt damit seine Eltern. Vielleicht kann er sich auch irgendwann seinen Traum erfüllen: „Ich möchte Psychologie studieren und dann ein eigenes Surfprojekt ins Leben rufen“. 

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