Vergangenheitsbewältigung
 Mitarbeitende der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Burundi exhumieren 2017 Opfer von einem der vielen Massaker im Bürgerkrieg. Die 2014 eingesetzte Kommission untersucht Verbrechen aus der Zeit bis 2008, als die letzte Rebellen­bewegung die Waffen niederlegte.

Ndabashinze/Anadolu Agency/picture alliance

Vergangenheitsbewältigung

Bestrafen, offenlegen, beschweigen

Nach Gewaltkonflikten gehen Gesellschaften ganz unterschiedlich mit ihrer Vergangenheit um. Der Weg, den sie wählen, prägt das weitere Zusammenleben entscheidend. 

Nach einem Bürgerkrieg, der Herrschaft eines autokratischen Regimes oder auch nach einem Völkermord endet die gewaltsame Zeit nicht mit dem Sturz der Regierung oder mit einem Friedens­schluss. Im Gegenteil: Diese Vergangenheit wirkt weiter. Im Stadtbild sind vielleicht noch Einschusslöcher zu sehen, Schulbücher lehren noch immer diskriminierende Versionen der Geschichte. Vor allem lebt die Vergangenheit aber in den sozialen Beziehungen weiter und prägt, wie sich Menschen gegenseitig wahrnehmen, sich vertrauen, sich zueinander verhalten, kurzum: ob und wie sie miteinander leben können. Welche Maßnahmen können Gesellschaften nach einem Konflikt ergreifen, um mit einer gewaltsamen oder autokratischen Vergangenheit umzugehen? Und welche Folgen für das Zusammenleben können verschiedene Arten des Umgangs damit haben?

Es ist die Politik, die den Umgang mit der Vergangenheit gestaltet. Sie ruft Institutionen ins Leben oder setzt Programme dazu auf. Grundsätzlich können die Beteiligten hier zwei Ziele betonen: die Bestrafung der Verantwortlichen oder die Wiederherstellung guter gesellschaftlicher Beziehungen, mit den Fachbegriffen retributive oder restaurative Aufarbeitung. Auch eine Entscheidung gegen besondere Maßnahmen gilt als bewusste Entscheidung zum Umgang mit der Vergangenheit, die Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen haben wird. 

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erschienen in Ausgabe 9 / 2021: Die langen Schatten der Gewalt

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