Afghanistan
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Flucht aus dem Eldorado der Entwicklungspolitik

Es ist beschämend, wie die Bundesregierung sich mitsamt der staatlichen Entwicklungsindustrie Hals über Kopf aus Afghanistan zurückzieht, meint Tillmann Elliesen.

 Tillmann Elliesen ist Redakteur bei welt-sichten.welt-sichten
Als ich Wahid, der in Wirklichkeit anders heißt, vor gut vier Jahren kennengelernt habe, war er 17 Jahre alt und einige Monate zuvor mit gefälschten Papieren aus dem Iran im Flugzeug nach Deutschland gekommen. Wahids Familie kommt aus Afghanistan und gehört zur schiitischen Minderheit der Hazara. Seine Eltern hatten das Land nach der Machtergreifung der Taliban 1996 verlassen und waren in den Iran geflüchtet; die Taliban betrachten die Hazara als Ungläubige.

Einige Jahre nach dem Einmarsch der Nato in Afghanistan und dem Sturz der Taliban hoffte Wahids Familie auf eine neue Chance und kehrte zurück nach Afghanistan. Es dauerte aber nicht lange, bis die Taliban bei ihnen vor der Tür standen und sie bedrohten: Sie verlangten, Wahids älterer Bruder solle sich ihnen als Kämpfer anschließen. Wahids Eltern beschlossen, mit ihren Kindern wieder in den Iran zu gehen. Als Wahid alt genug war, entschied die Familie, ihn nach Europa zu schicken – mit der Aussicht auf ein besseres Leben. Im Iran waren sie zwar sicher, aber leicht ist es dort für afghanische Flüchtlinge nicht.

Vieles in Afghanistan hat sich verbessert - aber welche Entwicklungserfolge werden bleiben?

Familien wie die von Wahid haben einmal große Hoffnungen auf Länder wie Deutschland, die USA und Großbritannien und deren Engagement in Afghanistan gesetzt – und werden jetzt von ihnen mit ihrem überstürzten, chaotischen Abzug im Stich gelassen. War es von Anfang an der falsche Krieg? Oder war er im Prinzip richtig, nur falsch durchgeführt? Darüber wird derzeit viel diskutiert. Zugleich stellt sich die Frage, ob die Entwicklungsarbeit in Afghanistan in den vergangenen 20 Jahren in die richtige Richtung geführt hat.

Die Antwort fällt zwiespältig aus. Zum einen zeigen Zahlen, dass sich vieles verbessert hat: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den Jahren 2002 bis 2012 fast verdoppelt, seitdem stagniert es bei rund 2200 US-Dollar im Jahr; der Anteil der sieben- bis zwölfjährigen Mädchen, die in die Grundschule gehen, ist seit 2002 von 40 Prozent bis heute auf gut 80 Prozent gestiegen; der Anteil der Mütter, die bei der Geburt eines Kindes sterben, hat sich mehr als halbiert.

Zum anderen haben Fachleute schon früh darauf hingewiesen, dass groß angelegte, flächendeckende Entwicklungsprogramme in fragilen Staaten wie Afghanistan häufig auf tönernen Füßen stehen. Sie überdecken lediglich oberflächlich die politischen und gesellschaftlichen Strukturen, die genau jene Gewalt und Instabilität erzeugen, die bekämpft werden sollen. Sie ändern nichts an diesen Strukturen und drohen deshalb jederzeit wie Kartenhäuser zusammenzufallen, sobald sich die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse ändern. Was von den in Afghanistan erzielten Entwicklungserfolgen bleibt, ist derzeit völlig unklar, da nicht absehbar ist, wer das Land in Zukunft wie regieren wird.

Flucht aus der Verantwortung

Auf jeden Fall gelohnt hat sich das Engagement am Hindukusch für die globale Entwicklungsindustrie. Die Hilfe internationaler Geber für Afghanistan hat sich allein in den ersten zehn Jahren der Intervention verfünffacht und lag im Jahr 2019 bei rund 4,3 Milliarden US-Dollar. Die Entwicklungshilfe aus Deutschland ist seit dem Jahr 2002 von gut 92 Millionen auf über 400 Millionen US-Dollar gestiegen. Afghanistan war ein Eldorado für die Entwicklungspolitik. Neue Konzepte etwa zur zivil-militärischen Zusammenarbeit wurden in unzähligen Studien erdacht, eine Vielzahl neuer, gut dotierter Jobs vor allem in staatlichen Entwicklungsagenturen wurden geschaffen, um diese Konzepte dann umzusetzen. Hinzu kommt: Der Geldregen hat in Afghanistan Korruption und Misswirtschaft befördert und zusätzlich für Konflikte gesorgt.

Vor diesem Hintergrund ist der hektische Abzug auch der deutschen staatlichen Entwicklungspolitik und der fragwürdige Umgang der Bundesregierung mit afghanischen Angestellten peinlich und beschämend. Eine derartige Flucht aus der Verantwortung passt nicht zu einer Branche, die sich nicht nur dem Profit und dem eigenen Wachstum, sondern der Verbesserung von Lebensverhältnissen in anderen Ländern verschrieben hat. In den Hauptstädten der Geberländer muss darüber nachgedacht werden, ob die in Afghanistan praktizierte Entwicklungsarbeit von oben herab sinnvoll war – oder ob die Zukunft der Zusammenarbeit gerade in instabilen Regionen nicht besser in kleineren, dezentralen Vorhaben auf nichtstaatlicher Ebene liegt.

Nötig sind legale Wege zur Auswanderung

Abgesehen davon haben die an der Intervention beteiligten Staaten nach dem von ihnen mitverursachten Desaster eine zweifache Verantwortung: Sie müssen die Afghaninnen und Afghanen, die in ihrem Land bleiben wollen oder müssen, weiter unterstützen. Den anderen, die nicht unter den Taliban leben wollen oder können und in der Region keine Zukunft sehen, müssen sie legale Wege zur Auswanderung Richtung Westen öffnen. Wahid hat übrigens im Sommer seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen. Eine Erfolgsgeschichte, von der es viele gibt und die zeigt, was möglich ist, wenn Migration und Flucht nicht von vornherein als Bedrohung wahrgenommen werden.

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