Klimagipfel
Klimagipfel

Warnrufe allenthalben

Anlässlich der UN-Klimakonferenz prüfen mehrere Studien den Stand des globalen Klimaschutzes. Mit unterschiedlichen Methoden kommen sie zu mehr oder weniger deprimierenden Schlüssen.

Das UN-Umweltprogramm UNEP hat zum zwölften Mal den jährlichen Emissions Gap Report vorgelegt. Er modelliert, wie der globale Ausstoß an Treibhausgasen sich entwickelt, wenn die Emissionen bis 2030 in allen Staaten entsprechend ihrer selbst gesetzten Klimaschutzpläne zu- oder abnehmen. Diese Pläne, die „nationally determined contributions“ (NDCs), haben viele Staaten im vergangenen Jahr verschärft. Werden sie eingehalten, dann senkt das laut UNEP die Emissionen in 2030 um 7,5 Prozent gegenüber der Projektion von 2020. Es wären aber 30 Prozent nötig, um das 2-Grad-Ziel wahrscheinlich zu erreichen. Wenn eine Chance auf Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels gewahrt werden soll, müssten die Emissionen sogar bis 2030 nochmals fast halbiert werden. Die geltenden NDCs führen laut UNEP zu einer Erderhitzung um etwa 2,7 Grad bis 2100.

Grund zur Hoffnung sieht der Bericht darin, dass viele Staaten sich ein langfristiges Zieldatum für Klimaneutralität gesetzt haben – dann soll nicht mehr emittiert werden, als gleichzeitig mit Ökosystemen wie Wäldern oder auch technisch der Atmosphäre entzogen wird. Für den Fall, dass dies umgesetzt wird wie versprochen, ergebe sich eine Erderhitzung von etwa 2,2 Grad bis 2100. Allerdings sind viele dieser Netto-Null-Versprechen laut UNDP vage, unvollständig und vor allem: Sie sind in den meisten Fällen unvereinbar mit den NDCs derselben Staaten für die kürzere First.

Pläne der Förderländer unterlaufen Klimaschutz

Ergänzend untersucht der Production Gap Report, den das UNDP gemeinsam mit vier anderen Organisationen erstellt hat, wie viele fossile Brennstoffe Staaten noch fördern wollen. Dahinter steht die Erkenntnis, dass für wirksamen Klimaschutz ein Großteil der bekannten Öl-, Gas- und Kohlereserven unter der Erde bleiben muss, am meisten bei Kohle. Das entspricht aber keineswegs den Plänen der Förderländer: Die laufen laut dem Bericht darauf hinaus, die Gesamtförderung bis mindestens 2040 noch zu erhöhen. Die Emissionen daraus wären laut dem Bericht in 2030 um fast die Hälfte höher als mit dem 2-Grad-Ziel vereinbar und mehr als doppelt so hoch, wie für das 1,5-Grad-Ziel erforderlich.

Anders als der Emission Gap Report, der alle Treibhausgase erfasst, lässt dieser Bericht Emissionen außen vor, die nicht aus der Nutzung fossiler Brennstoffe entstehen – etwa die aus Landwirtschaft und Abholzung. Er rückt das Angebot an fossilen Brennstoffen in den Blick, was auf wirtschaftliche Interessen an der Förderung verweist.

Versprechen vieler Konzerne sind nichts wert

Die Klimaschutz-Versprechen der dort tätigen Konzerne nimmt ein Bericht von Carbon Market Watch (CMW) auseinander: Für 18 Energiekonzerne wie Shell, BP, Total, Gazprom, Petronas und Petrochina wird geprüft, was ihre Versprechen wert sind, „klimaneutrales“ Erdgas und in zwei Fällen Erdöl zu liefern. Ergebnis: gar nichts. Statt zuerst Emissionen zu mindern, kompensierten sie diese mit Zertifikaten für Klimaschutz anderswo. Wie glaubwürdig diese sind, lasse sich nicht prüfen, weil keine Firma offenlege, was für Zertifikate das sind oder was sie kosten. Und ein Drittel der Firmen rechne bei der Kompensation nicht einmal die Emissionen aus der Nutzung der verkauften Brennstoffe mit – das ist der weitaus größte Teil –, sondern nur die aus Förderung und Vertrieb. Der Fall bestätigt: Bekenntnisse von Unternehmen zu Klimaneutralität haben Konjunktur, sind aber oft zweifelhaft.

Die komplexeste neue Studie stammt vom Systems Change Lab, einem gemeinsamen Projekt von fünf Organisationen, darunter das WRI (World Resources Institute) und der Climate Action Tracker. Statt einfach Klimapläne hochzurechnen, nimmt sie die nötige Transformation der gesamten Wirtschaft in den Blick: Fortschritte in Stromerzeugung, Verkehr, Landwirtschaft, Gebäuden und Industrie werden mit zahlreichen Indikatoren erfasst, zum Beispiel Rückgang der Kohlenutzung, Anteil elektrisch betriebener Autos und Busse, Ausbau der Wasserstoffproduktion, Ertragsanstieg in der Landwirtschaft und Senkung der Emissionen in der Zement- und Stahlerzeugung. Dabei werden manche Trends linear fortgeschrieben; bei anderen wird berücksichtigt, dass technische Umbrüche sich oft selbst beschleunigen. Wechselwirkungen sind ausgeblendet.

Es geht voran, aber nicht schnell genug

Ergebnis: Auf vielen Feldern geht es voran, aber auf keinem einzigen schnell genug, um 2030 ein mit dem 1,5-Grad-Ziel vereinbares Emissionsniveau zu erreichen. Drei Indikatoren – nämlich der Anteil der mit dem PKW zurückgelegten Wege, die Entwaldung und die Emissionen der Landwirtschaft – zeigen sogar Rückschritte. Der Bericht ist informativ und zeigt wesentlich besser mögliche Handlungsfelder als die ersten beiden Studien. Allerdings vertraut er praktisch vollständig auf die Entwicklung und Verbreitung von grüner Technik wie emissionsfreier Kraftstoffe und Entnahme von Kohlendioxid aus der Luft; nur beim Fleischkonsum und beim Verkehr kommt eine Begrenzung des Konsums in reichen Ländern in den Blick.

Alle Projektionen in den Berichten sind sehr unsicher – nicht zuletzt weil politische Absichten sich oft ändern und Versprechen als hohl erweisen. Auch welche Emissionen zu welcher Erhitzung führen, lässt sich stets nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sagen. Klar ist aber nach Durchsicht der vier Berichte: Wenn das 1,5-Grad-Ziel noch eingehalten würde, käme das fast einem Wunder gleich.

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