Kenia
Kenia

Wo der Freitod noch immer verboten ist

Kenia gehört zu den 20 Nationen weltweit, in denen ein Suizidversuch unter Strafe gestellt ist. Überlebenden drohen bis zu zwei Jahre im Gefängnis. Die Psychiater des Landes laufen seit Jahren Sturm gegen das Gesetz. Nun kommt endlich Bewegung in die Angelegenheit. 

Die Geschichte von Janet O. machte vergangenes Jahr Schlagzeilen in Kenia. Die Schülerin, so berichteten mehrere Medien des Landes, wurde von der weiterführenden Schule ihrer Wahl abgelehnt. Nicht etwa wegen schlechter Noten, die waren offenbar hervorragend, sondern weil ihre Familie die Schulgebühren nicht aufbringen konnte. Den Angaben zufolge versuchte das Mädchen danach, sich das Leben zu nehmen, und vergiftete sich. Sie wurde rechtzeitig gefunden, und die Geschichte nahm eine glückliche Wendung: Polizisten hätten das Schulgeld gespendet, so dass Janet doch noch auf der Schule angenommen worden sei.

Der Fall zeigt ein allmähliches Umdenken im Umgang mit Suizid in dem ostafrikanischen Land. Denn in ähnlichen Situationen hat die Polizei Überlebende bislang eher in die Zelle als ins Krankenhaus gebracht. Kenia gehört zu den 20 Nationen weltweit, in denen versuchter Suizid kriminalisiert wird – wie auch in Ghana, Malawi, im Südsudan, Bangladesch und im Libanon. Laut Gesetz drohen in Kenia bis zu zwei Jahren im Gefängnis – dem denkbar schlechtesten Ort zur Behandlung psychischer Erkrankungen.

Zunehmend vehement gehen die Psychiater des Landes gegen Paragraf 226 des Strafgesetzbuchs vor, der in den vergangenen Jahren vor Gericht mehrfach angewendet wurde. Eher in Ausnahmen, aber allein die Androhung dieser Bestrafung erschwert es Betroffenen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen – und das in einem Land, das besonders seit Beginn der Pandemie steigende Zahlen vermeldet: Allein zwischen April und Juni 2021 begingen laut Polizeistatistiken mehr als 500 Kenianer Suizid – mehr als im gesamten Vorjahr zusammen. „Wir haben noch nie zuvor eine so hohe Zahl von Suiziden registriert“, sagte George Kinoti, der die Direktion für kriminalpolizeiliche Ermittlungen leitet, „dies ist nicht nur alarmierend, sondern erfordert dringend Abhilfemaßnahmen.“

Suizide haben mit der Pandemie stark zugenommen

Kinoti vermied Erklärungsversuche, aber die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt finanzielle Probleme als einen der Auslöser für Suizide – und die haben in Kenia wegen der Folgen der Pandemie stark zugenommen. Experten gehen sogar davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt. Denn wegen der Gesetzgebung verschweigen viele Familien die Todesursache; Depressionen und andere psychische Erkrankungen werden in Kenia häufig stigmatisiert. Angehörige von Suizidopfern berichten, dass Religionsführer bei der Beerdigung jegliche Reden untersagen. 

Autor

Christian Putsch

ist freier Südafrika-Korrespondent in Kapstadt (www.christianputsch.de).
Diese Tabuisierung behindert nach Angaben der WHO nicht nur in Kenia, sondern allgemein die Prävention von Suiziden. Über 700.000 Menschen weltweit bringen sich nach Angaben der Organisation jedes Jahr um, fast vier von fünf davon in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Im Jahr 2019 waren Suizide laut Weltgesundheitsorganisation global die vierthäufigste Todesursache bei den 15- bis 19-Jährigen. Auch der Mangel an Daten und öffentlichem Bewusstsein seien problematisch.

Immerhin: Kenias Präsident Uhuru Kenyatta hatte schon einige Monate vor der Pandemie eine Expertenkommission zu dem Thema eingesetzt. Eine der bisherigen Empfehlungen des Gremiums lautet, psychische Erkrankungen sollten zum nationalen Notstand erklärt werden, also mit höchster politischer Priorität behandelt werden. Die Mediziner machen zudem auf das im kontinentalen Vergleich hohe Niveau des Alkohol- und Drogenmissbrauchs in Kenia aufmerksam, was ein Warnsignal auf einen bevorstehenden Suizidversuch sein kann. Und sie richten die dringende Bitte an das Parlament, Paragraf 226 abzuschaffen. 

„Das ist eine der konkreten Empfehlungen, die wir sofort angehen wollen“, sagte der Vorsitzende der Kommission, Frank Njenga, gegenüber der Zeitung „The Nation“: „Wir haben bereits begonnen, mit dem zuständigen parlamentarischen Ausschuss in dieser Angelegenheit zusammenzuarbeiten.“ Njenga will auch den Zugang zu Schusswaffen erschweren, Journalisten zur Berichterstattung zum Thema schulen und neue Programme zur Förderung psychischer Gesundheit schaffen – besonders für junge Menschen. Und er appelliert an andere Länder, derartige Gesetze ebenfalls abzuschaffen.

Ein Überbleibsel der britischen Kolonialherrschaft

In Kenia ist der Paragraf ein Überbleibsel der britischen Kolonialherrschaft, schließlich hatte versuchter Suizid auch in England bis zum Jahr 1961 rechtliche Konsequenzen. Während aber dort entsprechende Gesetze abgeschafft wurden, hielt man in Kenia nach der Unabhängigkeit im Jahr 1963 daran fest – und übernahm das Verbot in das neue Strafgesetzbuch. 

Bereits vor vier Jahren hatte eine Parlamentarierin ohne Erfolg versucht, das aus der Zeit gefallene Gesetz in Kenia zu kippen, und dabei auf die enormen Versäumnisse bei der Behandlung von psychisch Erkrankten in Kenia hingewiesen. Nun rückt die Abschaffung des Suizidverbots auf der Agenda wieder nach oben. 

Schließlich bringt es auch Psychiater, die Überlebende behandeln, in eine rechtliche Grauzone. Wenngleich diese schon jetzt keinen Zweifel haben, wie sie mit der Situation umzugehen haben: „Das Recht auf Gesundheit ist ein grundlegendes Menschenrecht, das in der Verfassung Kenias garantiert ist“, sagte Boniface Chitayi, der Präsident der Vereinigung kenianischer Psychiater, der Webseite „HealthyNation“. „Ein Arzt würde also seinen Patienten niemals zur Polizei bringen, anstatt zu versuchen, ihn zu behandeln.“


Sollten Ihre Gedanken manchmal um Suizid kreisen, holen Sie sich Hilfe. Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber, mit Verwandten oder Freunden. Oder mit der Telefonseelsorge, die anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar ist. Die Telefonnummern sind 0800/1110111 und 0800/1110222. Im Internet: www.telefonseelsorge.de

erschienen in Ausgabe 3 / 2022: Tod und Trauer

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