Gewinn für die Großen

Gewinn für die Großen

In Vietnam könnte der Anstieg der Lebensmittelpreise die Armut verringern helfen

Von Axel Neubert und Le Viet Thai

Vietnam ist der zweitgrößte Reisexporteur weltweit. Von den steigenden Preisen auf dem Weltmarkt profitieren dort vor allem Zwischenhändler und verarbeitende Unternehmen. Die Einkommen der Bauern erhöhen sich auch, aber nur langsam. Städtische Arbeiter und Geringverdiener hingegen sind die Verlierer des Agrarbooms. Eine kluge Politik könnte allerdings dafür sorgen, dass er die Armut im Land insgesamt sinken lässt.

In Vietnam hat sich der Preis für das Grundnahrungsmittel Reis in den vergangen Monaten um rund 75 Prozent erhöht. Mit einem Preisanstieg von 34,1 Prozent tragen Lebensmittel wesentlich zu der Inflationsrate von 21,4 Prozent bei, die das höchste Niveau seit Anfang der 1990er Jahre erreicht hat und zu den höchsten in Südostasien zählt. Da die Einkommen nicht im gleichen Maße steigen, erleiden viele einen Kaufkraftverlust. Das gilt vor allem für die Ärmsten der Armen – in den Städten und auf dem Land.

Seit Beginn der Wirtschaftsreformen 1986 hat sich Vietnam von einem Netto-Importeur zu einem Netto-Exporteur von Nahrungsmitteln entwickelt. Heute ist das Land weltweit der zweitgrößte Exporteur von Reis und Kaffee, die allein Erlöse in Höhe von jährlich 3,3 Milliarden US-Dollar bringen. Andere wichtige Agrarprodukte sind Pfeffer, Tee, Sojabohnen und Cashewnüsse. Aber auch Meeresfrüchte tragen mit 3,8 Milliarden US-Dollar wesentlich zu den Ausfuhrerlösen bei.

Die fruchtbarsten Gebiete des Landes befinden sich in den Deltaregionen des Mekong im Süden und des Roten Flusses im Norden. In den vergangenen Jahren konnte die landwirtschaftliche Produktion kontinuierlich gesteigert werden. Doch da die Flächen bereits intensiv genutzt werden, sind weitere Steigerungen pro Hektar künftig nur noch schwer möglich. Zudem werden die Anbauflächen in den fruchtbaren Deltagebieten immer knapper, weil sich Vietnams Industrialisierung und Urbanisierung auf diese beiden Regionen konzentriert. Steigerungen der Produktion und des Exports werden künftig eher durch den Anbau höherwertiger Sorten und besseres Saatgut als durch eine Ausdehnung der Anbaugebiete erreicht werden. Auf den Agrarsektor entfällt ein Fünftel des Bruttosozialproduktes; er ist damit eine wichtige Stütze der vietnamesischen Wirtschaft. Noch immer sind von der Landwirtschaft mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze in Vietnam direkt oder indirekt abhängig. Seit der Bodenreform der 1980er Jahre verfügen die Bauern über eigentumsähnliche Nutzungsrechte.

Ihre durchschnittlichen Nutzungsflächen zählen jedoch zu den kleinsten weltweit. Sie lassen teilweise nur eine Subsistenzwirtschaft zu, manche  Landwirte müssen für die eigene Versorgung sogar Lebensmittel zusätzlich einkaufen. Eine Weiterverarbeitung der meist geringen Überschüsse lohnt sich für viele Kleinbauern nicht. Sie vermarkten sie lokal oder verkaufen sie an die überwiegend staatlichen Lebensmittelunternehmen. Diese organisieren die Weiterverwertung, die Vermarktung und den Vertrieb.

Nahrungsmittelexporte werden vom Staat mit Hilfe der Vergabe von Lizenzen an Einzelunternehmer gesteuert. Ferner  legt die Regierung ein jährliches Gesamtkontingent für den Export von Grundnahrungsmitteln fest. Sollte es überschritten werden, behält sich die Regierung einen Exportstopp vor.

Die Lebensmittelpreise auf den lokalen Märkten unterliegen hingegen keinen staatlichen Kontrollen und werden von Angebot und Nachfrage bestimmt. Als Reaktion auf die stark gestiegenen Preise hat die vietnamesische Regierung seit Jahresbeginn die Vergabe von Exportlizenzen eingeschränkt. Wirtschaftlich, aber vor allem auch psychologisch bedeutender ist jedoch die von der Regierung beschlossene Verringerung des Exportkontingents für Reis, weil dadurch die Produktionsanreize für die Bauern sinken.

Die Bauern, die mehr produzieren, als sie selbst verbrauchen, sind die Gewinner. Die anderen, die Lebensmittel zukaufen müssen, sind die Verlierer der Preisentwicklung. Lohnempfänger, Selbstständige außerhalb der Landwirtschaft, kinderreiche Familien, Rentner und andere Geringverdiener geben überproportional viel ihres Einkommens für Lebensmittel aus und sind deshalb am härtesten betroffen. Seit 2003 wurde zwar der Mindestlohn von 210.000 Vietnam Dong (etwa neun Euro) viermal angehoben. Doch auch die jüngste Anhebung im Januar 2008 auf nun 540.000 Vietnam Dong (22 Euro) im Monat gleicht die gestiegenen Lebenshaltungskosten nur teilweise aus. Es besteht die Gefahr, dass Arbeiter und Angestellte mit diesem Mindestlohn wieder unter die Armutsgrenze rutschen.

Vietnam hat Beachtliche Erfolge im Kampf gegen die Armut erzielt

Zugute kommen die gestiegenen Preise vor allem den größeren staatlichen Lebensmittelunternehmen, die über Exportlizenzen und Marktzugang verfügen. Diese wenigen Betriebe profitieren von der kleinteiligen landwirtschaftlichen Produktion, aber auch von der schlechten regionalen Infrastruktur. Zahlreiche landwirtschaftliche Produkte und Meeresfrüchte können lokal nicht verarbeitet werden. Viele Gebiete des Flussdeltas sind aufgrund schlechter Straßen nicht mit größeren Lastwagen zu erreichen. Daher wird der Markt vom Oligopol der vor Ort ansässigen weiterverarbeitenden Unternehmen beherrscht. Sie geben die gestiegenen Weltmarktpreise nur verzögert und nicht in vollem Umfang an die Kleinbauern weiter. Zusätzlich verteuern die ebenfalls gestiegenen Preise für Dünger, Wasser und Energie die landwirtschaftliche Produktion .

Dennoch hält die Preisentwicklung schon so lange an, dass sich die Einkommen vietnamesischer Landwirte erhöht haben. Dies wird vermutlich die Armut im Land verringern. Bereits 1998 und 2004 sind in Vietnam die Lebensmittelpreise deutlich gestiegen. In der Folge sank die Armut unter der ländlichen Bevölkerung um 0,8 beziehungsweise um 1 Prozent. Bereinigt um den Anstieg der Armut in urbanen Gebieten von jeweils 0,2 Prozent ging die landesweite Armut als Folge des Preisanstiegs um 0,5 Prozent beziehungsweise 0,7 Prozent zurück. Dies war fast ausschließlich auf die Erhöhung des Reispreises zurückzuführen, da Landwirte, die kleine Flächen bewirtschaften, eher Grundnahrungsmittel wie Reis anbauen.

In den vergangen Jahren hat Vietnam beachtliche Erfolge bei der Bekämpfung der Armut erzielt – vor allem dadurch, dass arme Bevölkerungsgruppen in das Wirtschaftsleben integriert wurden und am wirtschaftlichen Aufschwung des Landes teilhatten. Innerhalb von zehn Jahren konnte so die Armut mehr als halbiert werden. 1993 waren 58 Prozent der Vietnamesen arm, heute sind es nur noch 18 Prozent. Die Mehrzahl von ihnen lebt auf dem Land.

In den Städten ist extreme Armut wesentlich weniger verbreitet. Trotz steigender Lebensmittelpreise   ist die Landflucht ungebrochen. Doch erstmals seit Beginn der Wirtschaftsreformen Mitte der 1980er Jahre profitieren nicht mehr alle Bevölkerungsgruppen vom Aufschwung. Um Armut weiter effektiv zu bekämpfen, muss umverteilt werden. Die vietnamesische Regierung befindet sich dabei in dem schwierigen Dilemma, dass sie die Kaufkraft der städtischen Geringverdiener erhöhen muss, ohne die Einkommenschancen der Bauern zu schmälern. Dabei muss sie nicht nur die Interessen der armen Bevölkerung berücksichtigen. Eine Anhebung des Mindestlohns etwa kann nur schrittweise erfolgen, da sonst die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen gefährdet würde. Darüber hinaus käme eine Lohn-Preis-Spirale in Gang, die nur schwer zu stoppen wäre.

Die steigenden Lebensmittelpreise in Vietnam sind keine Folgen einer Lebensmittelknappheit im Land, sondern Konsequenzen eines globalen Trends. Die daraus resultierende Inflation kann deshalb auch nur bedingt durch klassische geldpolitische Maßnahmen wie Zinsänderungen oder die Steuerung der Geldmenge bekämpft werden. Die von der Regierung angekündigte Senkung von Importzöllen für Nahrungsmittel wird wenig Wirkung haben, da Vietnam diese Zölle nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO im Jahr 2007 ohnehin schon stark gesenkt hat. Auch die gegenwärtige Strategie, Nahrungsmittelexporte zu beschränken, kann nur kurzfristig erfolgreich sein. Sie wirkt ähnlich wie die staatliche Kontrolle von lokalen Lebensmittelpreisen. Beides verschlechtert die Chancen der Kleinbauern auf höhere Einkommen und benachteiligt sie.

Langfristig sollte die Regierung deshalb ihre Investitionspolitik überdenken, die sich zu einseitig auf die Industrialisierung konzentriert. Um die Armut langfristig zu verringern, muss insbesondere der Marktzugang für die ländliche Bevölkerung verbessert werden. Dies kann durch Investitionen in die lokale Infrastruktur, aber auch durch eine bessere Organisation von Kleinbauern gewährleistet werden. Die Fördermaßnahmen dürfen den erforderlichen Strukturwandel von der Landwirtschaft zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft jedoch nicht behindern. Vietnam wird es sich auf die Dauer nicht leisten können, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung häufig sehr ineffektiv in der Landwirtschaft beschäftigt ist.

Le Viet Thai ist Abteilungsdirektor des Central Institute for Economic Management in Hanoi, das die Regierung Vietnams in wirtschaftspolitischen Fragen berät.

Axel Neubert arbeitet als CIM-Experte und Berater des Institutes.

welt-sichten 6-2008

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2008: Welternährung
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