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Kommunale PartnerschaftenIn einem Bildungszentrum im türkischen Kilis unterrichtet Lamiya Alito ­Mädchen, die wie sie selbst aus Syrien geflohen sind. Bei der Integration von Geflohenen kommt Hilfe auch aus Mannheim.

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Wie kommunale Partnerschaften die Stadtgesellschaft stärken

Entwicklungszusammenarbeit zwischen Städten kann die Teilhabe gesellschaftlicher Gruppen in den verpartnerten Kommunen fördern. Mannheim und Kilis in der Türkei machen vor, wie das geht.

In Mannheim steht das Thema gesellschaftliche Teilhabe ganz oben auf der Agenda. Gleichzeitig sieht sich die Stadt in Baden-Württemberg mit ihren rund 300.000 Einwohnern auch als einen Vorreiter in der internationalen Zusammenarbeit von Kommunen. 
Im März 2019 hat der Gemeinderat eine Strategie für die Stadtentwicklung bis zum Jahr 2030 verabschiedet. Orientiert hat er sich dabei an der Frage, wie sich die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen bis zum Ende des Jahrzehnts auf lokaler Ebene umsetzen lassen. Herausgekommen ist das Leitbild „Mannheim 2030“, das sieben strategische Ziele enthält, unter anderem Bildungsgerechtigkeit, urbane Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Klimaneutralität, Digitalisierung, eine solidarische Stadtgesellschaft und das Bekenntnis, „Vorbild für die internationale Zusammenarbeit von Städten“ werden zu wollen. 

Das Leitbild sei der „zentrale Handlungsrahmen für die Stadt“ und die Basis für den Haushaltsplan, sagt Christian Hübel vom Fachbereich Demokratie und Strategie der Stadt Mannheim. Die Umsetzung der Ziele werde jährlich anhand von Indikatoren gemessen. Rund 2500 Personen aus Zivilgesellschaft, Unternehmen, Institutionen und Hochschulen waren in die Erstellung des Leitbildes eingebunden. 

Menschen mit Migrationsbiografie leisten wichtigen Beitrag

Beteiligt war auch das Eine-Welt-Forum der Stadt mit seinen mehr als 25 Mitgliedsgruppen. Das habe sich etwa beim Stellenwert von globalem Lernen, nachhaltiger Beschaffung und fairem Handel niedergeschlagen, sagt Susanne Kammer vom Eine-Welt-Forum. „Das Leitbild ist als Argumentationsgrundlage für uns im Dialog mit der Stadt extrem hilfreich“, meint Kammer, zum Beispiel um eine nachhaltige Beschaffung anzuschieben. Hier ist die Stadt noch nicht ganz so weit wie andere, etwa Nürnberg. Zwar werden die Kernnormen der ­Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) berücksichtigt, wenn die Stadt für ihre Einrichtungen einkauft. Doch die Vorgaben sollen durch einen Beschluss im Gemeinderat im Juli noch einmal verschärft werden, so dass auch Nachhaltigkeitskriterien wie etwa der CO2-Ausstoß während der Produktion in Zukunft berücksichtigt werden müssen. 

Als zentrale Aufgaben der Entwicklungspolitik von Kommunen nennt das Leitbild Bildungsarbeit und nachhaltige Beschaffung und auf globaler Ebene Partnerschaften mit Städten in Entwicklungs- und Schwellenländern. Mannheim ist mit Zhenjiang und Qingdao in China, Haifa (Israel) und mit El Viejo in Nicaragua verpartnert. In seiner internationalen Zusammenarbeit „nutzt die Stadtverwaltung das Engagement der in Mannheim lebenden Menschen mit Migrationshintergrund für ihre Herkunftsländer“, heißt es weiter im Text. 
„Menschen mit Migrationsbiografie leisten in Mannheim wichtige Beiträge in der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit“, sagt Susanne Kammer. „Dieses Engagement sichtbarer zu machen und weiter zu fördern ist wichtig.“

Bildungszentrum für syrische und türkische Frauen

Am deutlichsten wird das in der Kooperation mit der türkischen Stadt Kilis in Südostanatolien. Etwa ein Viertel der Mannheimer Bürgerinnen und Bürger hat einen Migrationshintergrund, die größte Gruppe ist türkischstämmig. Durch persönliche Kontakte aus dem Arbeitskreis Islamischer Gemeinden in Mannheim (AKIG) und dem Verein Duha e. V. für kultursensible Sozialarbeit nach Kilis ist 2017 die Idee entstanden, sich dort zu engagieren. Kilis liegt nur zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, direkt auf der Fluchtroute von Aleppo in die Türkei. Die große Zahl von syrischen Geflüchteten – etwa 100.000 – in Kilis schafft Probleme und Aufgaben für die Wirtschaft und das Zusammenleben. Die Einwohnerzahl von Kilis hat sich durch den Krieg im Nachbarland verdoppelt.  

Mit Mitteln aus der Initiative Kommunales Know-how für Nahost der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) konnte Mannheim im September 2021 ein Bildungszentrum in Kilis eröffnen. Dort erhalten jährlich mehr als 440 geflüchtete syrische, aber auch türkische Frauen eine Grundausbildung zum Beispiel in der Kinder- und Altenpflege, absolvieren Sprachkurse und erhalten psychosoziale Unterstützung. Mit Kosten von mehr als 300.000 Euro ist es bisher das aufwendigste Projekt Mannheims. Im November letzten Jahres waren dann 14 türkische Ausbilderinnen der Alten- und Kinderpflege vom Bildungszentrum in Kilis zur Weiterbildung an der Mannheimer ­Akademie für soziale Berufe. 

Mit dem Bildungszentrum unterstützt Mannheim Kilis dabei, die Situation für die Flüchtlinge und damit den sozialen Zusammenhalt in einer Stadt zu verbessern, in der jeder zweite ein Geflüchteter ist. 

erschienen in Ausgabe 6 / 2022: Afrika schaut auf Europa

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