Honduras
 Im August dieses Jahres demonstrieren in der Hauptstadt Tegucigalpa Angehörige der afroindigenen Minderheit in Honduras für ihre Rechte. An der Spitze: Miriam Miranda, Koordinatorin der Bewegung Ofraneh.

Knut Henkel

Honduras

Mit Kokospalmen gegen das Großkapital

In Honduras streiten Gemeinden der Garífunas um Landflächen, die ihnen rechtlich gesehen gehören. In Vallecito haben sie ein Widerstandsdorf geschaffen, das traditionelle Formen der Landnutzung wiederbelebt.

Der Pick-up mit vier uniformierten Soldaten auf der Ladefläche ruckelt über die von Kokospalmen gesäumte Buckelpiste. Miriam Miranda winkt von Beifahrersitz einem Mann an der Gemeinschaftsküche und den Kindern zu, die gerade aus der Schule von Vallecito kommen. Der Wagen kommt knapp fünfhundert Meter weiter vor dem Holzhaus von Miriam Miranda zum Stehen. Darin wohnt die Ofraneh-Koordinatorin, wenn sie nach Vallecito kommt, und das ist oft der Fall. 

Für ihre uniformierten Leibwächter stehen zwei Zelte vor dem Haus. Deren Schutz braucht die mittelgroße Frau mit den hochgesteckten Dreadlocks und der markanten Brille: Als Mitinitiatorin des Widerstandsdorfes hat sie etliche Morddrohungen erhalten, einmal wurde sie entführt, weshalb die Interamerikanische Menschenrechtskommission den honduranischen Staat aufgefordert hat, sie zu schützen. Seitdem begleiten Uniformierte die unbequeme Frau, die sich für die Rückgabe von Land an die Garífuna einsetzt – auch in Vallecito, einem 1500 Hektar großen Landstreifen mitten in der von Großgrundbesitz dominierten Palmölregion Colón von Honduras.

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Die 1978 gegründete Organisation Ofraneh tritt für die Rechte schwarzer und indigener Gemeinden ein und hat sich in Honduras zur Interessenorganisation des afroindigenen Volks der Garífuna entwickelt hat. Das Volk ist aus der Verschmelzung von karibischen Indigenen und gestrandeten westafrikanischen Sklaven hervorgegangen. Es lebt in der Küstenregion mehrerer Karibikstaaten und wehrt sich gegen die Vertreibung aus den ursprünglich von ihnen besiedelten Territorien – auch in Vallecito.  

Früher war Vallecito in der Hand von Drogenbanden

„Vallecito ist ein Meilenstein unseres Widerstands. 1991 haben wir unsere Ansprüche auf dieses Land bei den staatlichen Behörden angemeldet, zwei Jahre später schließlich sechs Landtitel über insgesamt 1500 Hektar zugesprochen bekommen“, sagt die charismatische Frau. Aber etwa ab 1997 kontrollierte eine Drogenbande mehr als zehn Jahre lang Vallecito und schickte von der Landepiste, die sich nur ein paar Hundert Meter oberhalb der heutigen Schule befand, mit Kokain beladene Kurierflugzeuge in Richtung USA. So lange, bis die Garífuna, angeführt von Miriam Miranda, 2012 das Eingangstor zum 1500-Hek­tar-Terrain öffneten und mit Trommeln und Gesang ein zweites Mal in Besitz nahmen, was ihnen von Rechts wegen gehört.

Heute wachsen Tausende Kokospalmen auf einem Teil des weitläufigen, zum Teil von Dschungel bedeckten Areals. „Knapp hundert Hektar haben wir mit Kokospalmen bepflanzt, bauen aber auch Yucca, Bananen, Gemüse und etwas Obst an, um uns peu á peu selbst zu versorgen“, erklärt Miranda. Dabei knüpfen die Garífuna an die eigenen Traditionen an. Sie besinnen sich auf ihre Ernährungs- und Anbaugewohnheiten, pflegen ihre musikalischen Rituale und die eigene Sprache, das Igñeri.

Die eigene Identität stärken

An der honduranischen Küste sind viele Landstriche, wo knapp 50 Garífuna-Gemeinden einst siedelten, von Privatleuten, Tourismuseinrichtungen oder auch Palmölplantagen belegt worden. Sie setzten sich oft mit staatlicher Billigung über die kollektiven Landtitel der Ethnie hinweg. Doch mit weniger Land schwinden auch die Perspektiven für die Jüngeren, immer mehr sind in die USA ausgewandert. 

 Idner Gutiérrez, Agronom in der afroindigenen Gemeinde Vallecito, hat mit Kollegen ein knappes Dutzend traditioneller Kokosnusssorten ermittelt, die jetzt hier gepflanzt werden.Knut Henkel

Auch dagegen kämpft Ofraneh an, etwa indem sie versucht, die eigene Identität zu stärken. Ein wesentlicher Bestandteil davon ist die Kokospalme. Die ist in der Region heimisch, wurde aber systematisch von der Ölpalme verdrängt. Heute ist das mittelamerikanische Land nach Kolumbien und Brasilien der drittgrößte Palmölproduzent Lateinamerikas. Im Verwaltungsbezirk Colón, wo auch Vallecito liegt, säumen monotone Plantagen riesige Flächen nahe der Küste.

In Vallecito spielt dagegen die Kokosnuss eine zentrale Rolle. Ihr Fruchtfleisch, Wasser und Öl sind wichtige Bestandteile der traditionellen Ernährung der Garífuna. „Als wir unsere Arbeit hier vor sieben, acht Jahren begannen, mussten wir händeringend nach traditionellen Sorten suchen. Die Kokospalme war in der Region fast ausgestorben“, erinnert sich der Agronom Idner Gutiérrez, der in Vallecito gemeinsam mit Kollegen für das mit Ofraneh abgestimmte Agrarkonzept zuständig ist. Der großgewachsene, muskulöse Mann hat mit seinem Kollegen Henry Norales mittlerweile ein knappes Dutzend unterschiedlicher Spezies ausfindig gemacht, nachgezogen und in Vallecito angepflanzt.

Es geht darum, traditionelles Wissen neu zu verbreiten

Die Agronomen haben Samenbanken und ein großes Treibhaus aufgebaut, um nicht nur Saatgut für sich selbst zu ziehen, sondern es auch an andere Gemeinden weiterzugeben. Mehr als dreißig Sorten Yucca hat Gutiérrez in einem Feldversuch auf zwei, drei Hektar ausgesät. Durch Kreuzen will er irgendwann eine eigene ertragreiche und schmackhafte Vallecito-Sorte kreieren. Doch derzeit geht es den beiden Agronomen vor allem darum, traditionelles Wissen neu zu verbreiten. Darum vermitteln sie den knapp zwei Dutzend Kindern aus der Schule von Vallecito Wissen über Bio-Anbau und den Nutzen traditioneller Pflanzen wie der Kokospalme.

Autor

Knut Henkel

ist freier Journalist in Hamburg und bereist mehrmals im Jahr Lateinamerika.
Ein wesentlicher Vorteil ist für Idner Gutiérrez beispielsweise, dass eine Kokospalme deutlich weniger Wasser braucht als eine Ölpalme. „Der Klimawandel macht sich immer stärker bemerkbar. Schmaler werdende Strände, abnehmende Niederschläge und Versorgungsprobleme beim Trinkwasser sind in Punta Piedra, einer Kleinstadt mit rund 6000 Einwohnern, zentrale Probleme“, sagt Gutiérrez. Für ihn sind die endlosen Palmölplantagen eine Ursache dafür. 

In Vallecito haben sie noch einen anderen alarmierenden Effekt. „Das Wasser aus unserem Brunnen weist Pestizid-Rückstände auf, so dass wir Trinkwasser einkaufen müssen“, sagt er und deutet auf große blaue Zwanzig-Liter-Plastikflaschen im Schatten einer Kokospalme. Zwei Arbeiter im Yucca-Feld weist er an, dem Unkraut mit der Machete zu Leibe zu rü cken. Bald steht die Ernte an und dann sollen Cassava-Brot hergestellt und andere Garífuna-Gemeinden wie Punta Pierda beliefert werden. 

Kokosöl zum Selbstkostenpreis

Setzlinge für Gemüse, Yucca und Kokospalme geben die Dorfbewohner aus Vallecito umsonst ab, während das Kokosöl aus der erst im September eingeweihten Fabrik zum Selbstkostenpreis angeboten werden soll. Dort wird es nach traditionellen Verfahren produziert. „Es geht nicht um eine an Effizienzkriterien orientierte Massenproduktion, sondern darum, begrenzte Mengen für unsere Garífuna-Gemeinden herzustellen“, erklärt Idner Gutiérrez. 

Elementar für die Arbeit von Ofraneh sind die Recuperaciones: Ländereien zurückzugewinnen, die den Garífuna-Gemeinden genommen wurden. Dass sie rechtmäßig den Garífuna gehören, daran herrscht juristisch oft kaum ein Zweifel. Das bestätigen zwei Urteile des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom Oktober 2015, die die Regierung zur Rückgabe verpflichten. Sie sind jedoch immer noch nicht umgesetzt, sagt Miriam Miranda. Sie beklagt das ihrer Meinung nach viel zu langsame Reformtempo der neuen Regierung unter Xiomara Castro, der ersten am 27. Januar 2022 vereidigten Frau im Präsidentenpalast von Tegucigalpa. Deshalb hat Miriam Miranda im August gleich zweimal die Ofraneh-Aktivisten und -Aktivistinnen zum Protest in der Hauptstadt aufgerufen. Sie wollten die Justiz des Landes unter Druck setzen, endlich zu handeln. 

Rückgabe von Land lautet die Kernforderung. „Doch unser Ziel ist es auch, fragwürdige Investitionsprojekte wie die Sonderwirtschaftszonen für Entwicklung und Anstellung (ZEDE) zu verhindern und deren Ausbau zu blockieren“, sagt Melissa Martínez. Sie lebt auf der Karibikinsel Roatán, der teuersten Tourismus-Location von Honduras, und hat mit weiteren acht Frauen für Ofraneh in dem idyllischen Garífuna-Fischerdorf Punta Gorda einen von zwölf Ofraneh-Gesundheitsposten in Honduras aufgebaut. „Wir beraten die Menschen bei der Ernährung, nutzen traditionelles Wissen, um präventiv gegen Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht vorzugehen, und organisieren Proteste für die Rückgewinnung von Land“, erklärt sie. 

Neue Sonderwirtschaftszonen sind neuerdings verboten

Die Sonderwirtschaftszonen drohen den Landraub von traditionell kollektiv genutzten Garífuna-Flächen weiter zu verschärfen. Deshalb ist Ofraneh seit 2012 die Speerspitze des Widerstands gegen diese strikt neoliberalen Zonen, die die von der alten, hochkorrupten Regierung unter Juan Orlando Hernández gefördert wurden. Dort haben die Investoren formell alle Rechte und genießen einen autonomen Status. De facto sind die ZEDE ein Staat im Staat mit eigener Regierungsstruktur, mit Treuhandfonds, eigener Besteuerung, Mechanismen zur Streitbeilegung, Schiedsgerichten und vielem mehr. Sie haben sogar ein eigenes Strafrechtssystem und das Recht, eine eigene Währung einzuführen.

Doch damit ist seit dem 24. April Schluss. An dem Tag hat das Parlament einstimmig das Gesetz mit den weitreichenden Rechten für ZEDE annulliert, so dass keine weiteren Sonderwirtschaftszonen eingerichtet werden können. Ungeklärt ist jedoch, was mit den vier schon bestehenden passiert, darunter der ZEDE Próspera auf der Karibikinsel Roatán. Diese ist am weitesten fortgeschritten. Momentan wird auf dem 22,5 Hektar großen Areal nach zwei Bungalows ein vierstöckiger Funktionsbau hochgezogen – trotz der Annullierung des Gesetzes und lokaler Proteste. 

Anders als die Regierung hoffte, haben die Investoren das Projekt nach der Annullierung der grundlegenden Gesetze nicht aufgegeben. Es haben sich sogar lokale Unternehmen der ZEDE Próspera angeschlossen, die der Homepage zufolge rund 300 Hektar umliegender Flächen im Visier hat, um zu wachsen. Das macht den Bewohnern des Dorfes Crawfish Rock Angst, das nur wenige Meter Strand von der ZEDE Próspera trennen und laut den Plänen der Investoren irgendwann aufgekauft werden soll. „Das kann uns in Punta Gorda auch passieren, wenn wir den Widerstand gegen derartige Investitionsprojekte nicht koordinieren“, sagt die Ofraneh-Aktivistin Melissa Martínez.

Die Investoren drohen, den Staat zu verklagen

Viele hoffen, dass der ZEDE-Beauftragte der Präsidentin, Fernando García, das Problem lösen wird. Der 74-jährige Wissenschaftler ist ausgewiesener ZEDE-Experte und sammelt alle Informationen, Dokumente und Vereinbarungen rund um die vier Sonderwirtschaftszonen, um den honduranischen Staat in einem möglichen Schiedsgerichtsprozess zu vertreten. Er hofft, einen Prozess zu vermeiden und sich außergerichtlich mit den Investoren einigen zu können. 

Danach sieht es derzeit allerdings nicht aus, denn die Investoren um Geschäftsführer Erick Brimen behaupten, über Rechtsgarantien für den Sonderstatus als „Sonderzonen für Arbeit und Entwicklung“ für 50 Jahre zu verfügen. Dazu hat García bisher keine Unterlagen in den staatlichen Archiven gefunden und hält auch die Ängste vor einem Schiedsgerichtsverfahren mit Schadensersatzforderungen in Höhe von Hunderten von Millionen US-Dollar für unrealistisch. Er begrüßt aber die Proteste vor Ort: „Ofraneh ist dabei nicht nur zentraler Mobilisierungsfaktor, sondern steht mit Vallecito auch für ein partizipatives Gegenmodell von unten.“

erschienen in Ausgabe 12 / 2022: Schlaue Maschinen

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