Mit einer eigenen Währung zum Erfolg

Banco Tupinambá
Ohne bürokratischen Aufwand zum Kredit: Die Banco Tupinambá vergibt Darlehen auch an Leute, die bisher keinen Zugang zu Finanzdienst­leistungen hatten.
Lokale Entwicklung
In einer kleinen Gemeinde im brasilianischen Amazonas vergibt eine lokale Bank günstige Kredite an die Einwohner und hat eine eigene Währung geschaffen. Dadurch ist der Ort, in dem es früher kein einziges Geschäft gab, wirtschaftlich aufgeblüht.

Brasilien ist ein Land mit sehr hohen Zinssätzen, in dem fast 80 Prozent der Einwohner verschuldet und die meisten davon mit ihren Zahlungen im Verzug sind. Während der Pandemie hat die Armut stark zugenommen; ein Großteil der Bevölkerung ist gezwungen, Kredite aufzunehmen, um die täglichen Ausgaben zu decken. Es ist auch das Land, in dem die Banken riesige Gewinne anhäufen und auf der Liste der profitabelsten Geldhäuser der Welt stehen. 

In Brasilien wuchern zudem Finanztechnologie-Start-ups, die versprechen, dass man schnell und bequem Kredite erhält – und die ebenfalls exorbitante Gewinne einfahren. Mit diesem für Banken sehr vorteilhaften Szenario konzentrieren sich die Einkommen stark. Das macht es für die Ärmsten nahezu unmöglich, Geld in die Hände zu bekommen.

In weiten Teilen Brasiliens ist das die Realität. Doch im Herzen des Amazonasgebiets hat eine Initiative die Beziehung der Menschen zu Banken und zum Geld verändert: das Tupinambá-Institut, eine Gemeinschaftsbank, die eine solidarische Wirtschaft fördert, Arbeitsplätze und Einkommen schafft und soziales Unternehmertum anregt. Gegründet wurde sie 2009 in der Gemeinde Baía do Sol, dem abgelegensten Teil der Ilha de Mosqueiro – einer Insel in einem Flussgebiet von Belém, der Hauptstadt des Bundesstaates Pará. Sie bietet Familien und Kleingewerbetreibenden in der Region Kredite zu einem Zinssatz von nur einem Prozent pro Monat. Der durchschnittliche Zinssatz für Privatkredite bei traditionellen Banken in Brasilien beträgt mehr als siebeneinhalb Prozent monatlich.

Die berühmt-berüchtigte Figur des „Bankmanagers“ gibt es hier nicht. Es ist vielmehr die Gemeinschaft selbst – bestehend aus etwa 9000 Menschen – die die Aktivitäten managt und über Kredite und Investitionen entscheidet. Das ist sogar der Hauptpfeiler einer Gemeinschaftsbank: dafür zu sorgen, dass die gesamte soziale Kontrolle von der Bevölkerung ausgeübt wird. Die hat das Recht, Vorschläge zu machen, wie die Bank verbessert werden könnte. 

„Unsere Gemeinde hatte keine Strukturen und kaum Dienstleistungen zu bieten. Alle wirtschaftlichen Aktivitäten fanden außerhalb statt: Wollten die Menschen eine Rechnung bezahlen oder einen Einkauf tätigen, mussten sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln mindestens eine Stunde lang auf die andere Seite der Insel Mosqueiro fahren. Rein gar nichts passierte, um die Wirtschaft zu fördern“, sagt der Koordinator des Instituts und der Banco Tupinambá, Marivaldo do Vale Silva.

Vor Ort einzukaufen war schlicht unmöglich

Tatsächlich floss das gesamte Geld, das die Einwohner von Baía do Sol – zumeist Fischer und städtische Bedienstete – verdienen, aus der Gemeinde heraus. Denn Märkte, Apotheken, Bäckereien oder andere Geschäfte, wo man hätte einkaufen können, gab es nicht. Im Jahr 2009 konsumierten gerade mal zwei Prozent der Bevölkerung von Baía do Sol in der Gemeinde. Die lokale Wirtschaft war daher schwach, es zirkulierte kaum Geld.

„Mit unserer Investition haben wir das Ziel verfolgt, Geld in der Gemeinde selbst in Umlauf zu bringen und kleinen Händlern die Möglichkeit zu geben, Einkommen zu generieren. Und das haben wir erreicht“, sagt Silva.

Daten des Tupinambá-Finanzinstituts zeigen, dass im laufenden Jahr praktisch die gesamte Bevölkerung in Geschäften vor Ort einkauft. „Es gab keine einzige Bäckerei in Baía do Sol, heute haben wir neun. Es gab keine Metzgerei, heute sind es fünf. Es gab kein Bekleidungsgeschäft, heute haben wir fünf, dazu kommen drei Hotels, wo vorher keines existierte. All dies hat mehr Infrastruktur und Versorgungsmöglichkeiten gebracht“, sagt er. Derzeit zählt die Gemeinde mindestens 300 Geschäfte und Dienstleister, und im Durchschnitt werden pro Jahr zehn neue Unternehmen gegründet.

Wie die lokale Währung funktioniert

Das Geheimnis für diese Entwicklung liegt im Moqueio: Das ist jetzt nicht mehr nur der Name eines traditionellen Fischgerichts in der Region, sondern auch der einer eigenen Währung der Gemeinschaft. Geschaffen wurde sie von der Banco Tupinambá, akzeptiert wird sie nur von Einheimischen und lokalen Unternehmen.

Wer von der Banco Tupinambá einen Kredit benötigt, bekommt ihn leichter als bei herkömmlichen Banken, zu niedrigen Zinssätzen und mit deutlich weniger bürokratischem Aufwand. Der gewünschte Betrag wird an Ort und Stelle in Moqueios zur Verfügung gestellt. Die können auf Märkten, in Geschäften und bei Dienstleistern in Baía do Sol als Zahlungsmittel verwendet werden.

„Wenn ich eine Bestellung für Süßigkeiten erhalte, gehe ich zur Banco Tupinambá und nehme, um die benötigten Zutaten zu kaufen, einen Kredit von etwa 100 Moqueios auf, mit einem Zinssatz von einem Prozent pro Monat. Dann zahle ich mit unserer Währung auf dem Markt unserer Gemeinde“, sagt die 46-jährige Bäckerin und Pädagogikstudentin Ana Carla Gomes da Silva. Auf diesem Markt in Baía do Sol verkaufen Händler industriell hergestellte Zutaten wie Mehl und Zucker, die sie für Reais einkaufen und dann gegen Moqueios verkaufen. „So wird sichergestellt, dass das umlaufende Geld in unserer Gemeinschaft bleibt, und das schafft Entwicklung für alle.“

Autorin

Sarah Fernandes

ist Journalistin und Geografin in Brasilien. Sie berichtet über Menschenrechte und entwicklungspolitische Themen in Lateinamerika und Asien.

Der Moqueio ist gleichwertig mit der offiziellen Währung Brasiliens, dem Real. Diejenigen, die ihn in Geschäften nutzen, können sogar in der einen Währung bezahlen und das Wechselgeld in der anderen erhalten – je nachdem, was der Kunde bevorzugt.

In den vergangenen 14 Jahren hat die Banco Tupinambá mit mehreren Kampagnen den Moqueio in der Bevölkerung bekannt gemacht. Sie hat bewiesen, dass er eine sichere Währung ist. Seitdem hat sie bereits mindestens 800.000 Verbraucherkredite in Moqueio und 500 Kredite für Kleinunternehmen in Real in Höhe von insgesamt sechs Millionen R$ (circa 1,1 Millionen Euro) vergeben, die zur Entwicklung der Gemeinde beigetragen haben. Ein Fonds der Bank in Real wird unter anderem aus Gebühren für Bankdienstleistungen und aus Preisgeld gefüllt, das sie als Auszeichnung für ihr Engagement erhalten hat.

Ein Lebenstraum wird wahr

„Ich habe bereits ganz unkompliziert Kredite aufgenommen, um Waren zu kaufen, die Auswahl an Produkten für die Gemeinde zu vergrößern und einen besseren Preis bei den Lieferanten zu erzielen“, sagt der Händler Raimundo Rocha Silva, der heute zwei Märkte in der Gemeinde und ein Haushaltswarengeschäft besitzt. „Kredite helfen, aber der Hauptantrieb hinter der Gemeindeentwicklung war die Sozialwährung. Sie garantiert, dass Geld in der Gemeinschaft zirkuliert – den ganzen Monat hindurch.“

Raimundo hat schon immer von einem eigenen Unternehmen geträumt, doch sein Einkommen reichte nicht aus, um bei traditionellen Banken einen Kredit zu bekommen. Lange hat er als Angestellter in einem kleinen Markt außerhalb der Gemeinde gearbeitet – bis die Banco Tupinambá kam.

„Wir haben mit wenig angefangen: Wir haben Eier, Mehl, Milch und etwas Gemüse und Obst verkauft. Die Bank hat uns unterstützt und wir wuchsen. Heute habe ich zwei Märkte und ein Geschäft für Baumaterialien, ich konnte ein Auto und ein Haus kaufen“, sagt er. „Und diese Entwicklung war nicht nur für mich, sondern für alle. Es ist, als wären wir eine Fahrradkette: wir bewegen uns gemeinsam, im gleichen Takt, um vorwärts zu kommen.“

Umfassende Dienstleistungen – digital und kostenlos

„Viele Jahre musste ich einen Bus nehmen und fast eine Stunde fahren, um zur Bank zu gelangen und eine Rechnung zu bezahlen. Ich gab Geld für Transport und Lebensmittel aus und konnte an diesen Tagen nicht arbeiten“, sagt Ana Carla. „Wir leben in einer kleinen, isolierten Gemeinde. Das war sehr schwierig.“

Doch heute können die Einwohner von Baía do Sol bei der Banco Tupinambá die ganze Palette von Bankdienstleistungen in Anspruch nehmen. Beispielsweise können sie Geld abheben, Rechnungen bezahlen und Leistungen aus Sozialhilfeprogrammen empfangen.

Und die Veränderungen gehen noch weiter: Heute ist das Finanzinstitut Teil der sozialen Plattform E-Dinheiro, einem Netz solidarischer digitaler Banken in Brasilien, das den Kunden den Zugang zu komplexeren Bankdienstleistungen ermöglicht – zu hundert Prozent digital und kostenlos. Zusätzlich zu einem Bankkonto, das für alle Transaktionen geeignet ist, können die Nutzer die Plattform nutzen, um Bankbelege auszustellen, Überweisungen zu tätigen und Zahlungen zu leisten.

Das ist einer der Grundpfeiler der Gemeinschaftsbanken in Brasilien: Sie dienen als Verbindung zu den Geschäftsbanken und ermöglichen es, Finanzdienstleistungen zu nutzen, ohne die Gemeinden verlassen zu müssen.

Bienenzucht und Tanzwettbewerbe

Studien des Tupinambá-Finanzinstituts zeigen: Allein das Angebot digitaler Bankdienstleistungen bringt der 9000-Seelen-Gemeinde Einsparungen von mindestens 100.000 R$ im Monat – auf diesen Betrag hatten sich zuvor die Aufwendungen für Bustickets, Bootsfahrten, Lebensmittel und Taxis summiert.

Doch wer glaubt, dass das Tupinambá-Institut Unternehmertum nur durch Kredite befördert, der irrt. Es finanziert auch Kurse, bei denen der Bevölkerung Fertigkeiten vermittelt werden, die man in bestimmten Wirtschaftsbereichen benötigt, etwa wie man Süßigkeiten und Snacks für den Verkauf herstellt oder Honig aus einheimischer Bienenzucht kultiviert.

Um den einkommensschaffenden Kreislauf zu schließen und den Verkauf von Produkten zu beleben, unterstützt das Tupinambá-Finanzinstitut zudem Feste und Veranstaltungen in der Gemeinde, die auch Außenstehende anziehen: so etwa Tanzwettbewerbe, Neujahrspartys, traditionelle Feste, Konzerte und lokale Kulturevents.

Von Armutsgebieten zu prosperierenden Vierteln

„Als Einwohner der Gemeinde bekomme ich mit, wie sehr sie sich in den letzten 14 Jahren verändert hat. Der Wandel war ein wirtschaftlicher, denn die Ressourcen begannen zu zirkulieren, aber am wichtigsten war der soziale Wandel“, sagt Institutschef Silva. „Das Verhalten änderte sich deutlich: Der Gemeinschaftssinn wurde erheblich gestärkt und die Menschen haben begriffen, dass sie einander brauchen, um gut zu leben.“

Die Banco Tupinambá ist eine brasilianische Gemeinschaftsbank, die formell als „Community Development Bank“ anerkannt ist. Sie war die erste, die in dieser Form im Amazonasgebiet tätig wurde, und die vierunddreißigste in Brasilien, wo es inzwischen mindestens 150 solcher Gemeinschaftsbanken in verschiedenen Bundesstaaten und Regionen gibt. Sie werden von den lokalen Regierungen anerkannt und gefördert.

Alle haben das Ziel, die Entwicklung einkommensschwacher Gebiete durch die Schaffung lokaler Netzwerke von Produzenten und Verbrauchern zu fördern. In Brasilien war die erste Gemeinschaftsbank die Banco Palmas. Sie wurde im Januar 1998 in der Favela Conjunto Palmeira, einem Armenviertel in Fortaleza, der Hauptstadt des Bundesstaates Ceará, eingeweiht. Mittels dieser Initiative gelang es, die Gemeinde in ein wirtschaftlich dynamisches Wohngebiet zu verwandeln.

„Wir haben uns gegenseitig als Gemeinschaft gestärkt“

Von hier aus nahm die Banco Tupinambá Gestalt an. Gemeindeleiter aus Baía do Sol reisten nach Ceará, um sich über die Initiative zu informieren, und wurden eingeladen, das Projekt in der Gemeinde Baía do Sol zu kopieren. Eine Partnerschaft wurde unterzeichnet, mit Unterstützung der Banco Palmas, von Universitäten in der Region und öffentlichen Banken des brasilianischen Staates wie der Caixa Econômica Federal und der Banco do Brasil. Diese stellten einen Teil ihrer Einkünfte für erste Darlehen zur Verfügung.

„Die Banco Tupinambá war ein wichtiger Teil meiner beruflichen, aber vor allem auch meiner persönlichen Entwicklung. Wir haben uns gegenseitig als Gemeinschaft gestärkt“, sagt der Kaufmann Rocha. „Ich erinnere mich an eine Episode, als das Haus eines Einwohners des Ortes Feuer fing. Das war ein großer Schreck. Doch die Bank hat ganz schnell einen Kredit für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt, und wir haben das Haus unseres Freundes zusammen wieder aufgebaut“, erzählt er.

Die in den vergangenen 14 Jahren geleistete Arbeit des Tupinambá-Finanzinstituts ist bereits mit acht nationalen Auszeichnungen für gute Praktiken und menschliche Entwicklung honoriert worden. Die Preisgelder haben der Bank geholfen, ihre Tätigkeit fortzuführen und auszuweiten.

„Wir präsentieren dem Amazonas und Brasilien den Entwurf einer neuen Wirtschaft. Man ist an ein Modell gewöhnt, bei dem es nur um Profit geht. Aber für uns ist die Entwicklung jedes einzelnen Menschen hier das Wichtigste“, sagt Silva. „Zu sehen, dass ein Bürger, der mit einem Problem zur Bank kommt, sich wohl fühlt, wenn er mit uns spricht, ist der schönste Lohn.“

Aus dem Englischen von Anja Ruf.

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erschienen in Ausgabe 5 / 2023: Wenn's ums Geld geht
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