Indigene in der Corona-Krise

Verwandte trauern um Chief Messias Kokama aus Manaus, der im Mai an Covid-19 gestorben ist. Viele ­Indigene fürchten, dass mit dem Tod ihrer ­Ältesten traditionelles Wissen verloren geht.  

Reuters/BRuno Kelly

Indigene in der Corona-Krise

Kliniken am Amazonas

Die brasilianische Regierung hat kaum etwas getan, um Indigene vor Covid-19 zu schützen. Eine Hilfsorganisation, Ärzte und Indigenen-Vertreter sind gemeinsam in die Bresche gesprungen.

Als im brasilianischen São Paulo die ersten Corona-Fälle nachgewiesen wurden, waren die Indigenen-Vertreter und die Ärzte, die für die indigenen Gesundheitsbezirke im Amazonas zuständig sind, alarmiert. Wenn nichts getan würde, wäre es nur eine Frage der Zeit, bevor sie inmitten eines Alptraums erwachten: Dann müssten sie entscheiden, welcher Patient unter den Ureinwohnern eine Behandlung bekäme und welcher nicht, denn die Dörfer der Indigenen seien in medizinischer Hinsicht allenfalls für leichte Fälle gerüstet, und große Menschengruppen könnte man wegen der Entfernungen und der fehlenden Flugzeuge für den Krankentransport nicht in die Kliniken der großen Städte bringen.

Als die brasilianische Bundesregierung nicht reagierte, errichteten Indigenen-Vertreter und Ärzte Barrikaden, um die weiße Bevölkerung daran zu hindern, in indigene Bereiche vorzudringen. Schotterstraßen wurden abgeriegelt und Fähren stillgelegt. Die 305 ethnischen Gruppen Brasiliens sind einem besonderen Risiko ausgesetzt, weil sie anfälliger für Viren und Infektionskrankheiten sind, vor allem im Bereich der Atemwege. Auch könnte ihre Lebensweise, die mit großer körperlicher Nähe einhergeht, Ansteckungen beschleunigen.

Trotz der Vorsichtsmaßnahmen traten einige Wochen später die ersten Krankheitsfälle im Bundesstaat Amazonas auf: in Manaus, einer der größten Städte in der Region. Ein Grund für die ersten Corona-Erkrankungen bei den Ureinwohnern war die langsame Reaktion der Zentralregierung sowie die fehlende Sicherung indigenen Territoriums durch offizielle Stellen, um Kontakte mit unbefugten und möglicherweise infizierten Personen zu verhindern. Außerdem standen nicht genügend Corona-Tests zur Verfügung.

Immerhin konnten sich Gesundheitsspezialisten und indigene Führer mit der nichtstaatlichen Organisation Expedicionários da Saúde (deutsch: Entsandte der Gesundheit) abstimmen und so noch Schlimmeres verhindern. Die NGO koordiniert seit 17 Jahren Ärzteteams, Krankenschwestern, Zahnärzte und Freiwillige, um kostenlose und moderne medizinische Versorgung in die Dörfer der Ureinwohner zu bringen. Mehrmals im Jahr bauen sie inmitten des Waldes Zelte auf, die als Gesundheitseinrichtungen dienen. Mit moderner Ausstattung und Experten von großen Krankenhäusern bieten sie dort ein paar Tage lang Termine zur klinischen, gynäkologischen und zahnmedizinischen Versorgung an, außerdem Operationen von Leistenbrüchen und des Grauen Stars.

Im Verbund mit Partnern schuf die Organisation nun innerhalb der indigenen Gesundheitsbezirke ihre eigenen Krankenstationen „Wir stellten die Idee der Zentralregierung vor und erfuhren, dass sie bereits geplant hatte, weitere indigene Gesundheitseinheiten zu schaffen“, sagt die Hauptverantwortliche der NGO, Márcia Abdala.

Schwierig war vor allem, die Gesundheitsstationen mit medizinischem Sauerstoff zu versorgen, einem entscheidenden Baustein bei der Behandlung von Covid-19. Als das Projekt im April – und damit zum Höhepunkt der Gesundheitskrise – begann, war er vergriffen. Die Kliniken der Amazonas-Region waren überlastet, und nicht einmal die größten Hersteller im Amazonas konnten die Nachfrage decken. 

Doch die NGO fand eine Lösung: Sie beschaffte Gelder und kaufte davon Sauerstoffkonzentratoren – kleine Geräte, die Sauerstoff aus der Umgebungsluft für die medizinische Verwendung anreichern. „Wir haben nur eine Steckdose gebraucht, aber auch die ist nicht in allen Krankenstationen der indigenen Gebiete selbstverständlich. Also besorgten wir Benzingeneratoren und das elektrische Zubehör, um Geräte daran anzuschließen“, sagt Márcia.

Autorin

Sarah Fernandes

Sarah Fernandes ist Journalistin und Geografin in Brasilien. Sie berichtet über Menschenrechte und entwicklungspolitische Themen in Lateinamerika und Asien.
Das Pilotprojekt lief in São Gabriel da Cachoeira, der Amazonas-Gemeinde mit der höchsten Dichte indigener Menschen im Land und vielen verschiedenen ethnischen Gruppen. Hier leben 45.000 Menschen auf einer Fläche, die so groß ist wie Portugal. Doch es gibt dort nur ein Krankenhaus – ohne Intensivstation. Von São Gabriel aus erreicht man ein Intensivbett mit Beatmungsgerät erst nach 850 Kilometern Luftlinie. Anfangs konnten die Hersteller von Beatmungsgeräten die große Nachfrage nicht bedienen, und Importe zogen sich länger hin als vereinbart. Für die Indigenen von São Gabriel hing die Behandlung mit einem Beatmungsgerät weiterhin von der Verfügbarkeit zweier Flugzeuge für den Krankentransport ab, die aber auch für 70 andere Gemeinden in der Region eingesetzt werden.

Lieber sterben, als die Gemeinschaft zu verlassen

„Mit den Sauerstoffkonzentratoren können wir erreichen, dass der Krankheitsverlauf bei den Menschen in den Dörfern mild oder moderat bleibt, so dass alle versorgt und Leben gerettet werden können“, sagt der Arzt Guilherme Reis, der im Gesundheitswesen in den Dörfern der Ureinwohner von São Gabriel da Cachoeira tätig ist. „Manche Indigene protestierten dagegen, ihr Dorf zu verlassen, um ein Krankenhaus aufzusuchen. Sie sagten, sie würden lieber sterben als von ihrer Gemeinschaft fortzugehen. Es beruhigte sie, als wir ihnen erklärten, dass das nicht nötig sein würde. Außerdem müssten sie auch nicht auf die indigene Behandlung mit Gebeten und Kräutern, die ihnen sehr viel bedeutet, verzichten.“
Die Ausstattung, die die NGO Expedicionários da Saúde zum Aufbau der Feldstationen bereitstellte, enthielt auch Dinge, die für die Arbeit der Ärzte unverzichtbar sind und die sich im Wald nicht auftreiben lassen: Equipment zum persönlichen Schutz, teilchenfiltrierende Atemschutzmasken, Einwegkittel, Gesichtsvisiere und Handschuhe. Mit der Unterstützung von Freiwilligen konnte die NGO die Ausstattung zusammentragen. Gesundheitsspezialisten aus den Gebieten der Ureinwohner durchliefen einen Online-Kurs, der zeigte, wie man sich an- und vor allem auszieht, einer der Momente mit dem größtem Ansteckungsrisiko.

Ständig in Kontakt mit spezialisierten Ärzten

Das Vorhaben erwies sich als wirksam, sodass inzwischen zwölf Kliniken in der Region des oberen Schwarzen Flusses errichtet wurden, in der auch São Gabriel da Cachoeira liegt. Innerhalb der Gesundheitsbezirke übernehmen jeweils mehrere Zentren die Versorgung der Dörfer, 25 sind es in dieser Region. Feldstationen wurden bei jenen Zentren geschaffen, die über Strom oder Internet verfügen. Indigene Patienten aus anderen Gegenden wurden mit dem Boot oder sogar mit dem Helikopter dorthin gebracht.

„Ein weiterer interessanter Aspekt des Projekts war der Austausch mit spezialisierten Ärzten. Wir sind 24 Stunden am Tag in Kontakt mit Lungenspezialisten und Fachleuten für Infektionskrankheiten, besonders in ernsten Situationen. Ich sagte: Ich kann die Sauerstoffversorgung des Patienten nicht verbessern, was kann ich tun? Und sie halfen mir von São Paulo aus dabei, Strategien zu entwickeln, etwa zwei Sauerstoffkonzentratoren für die Versorgung eines Patienten heranzuziehen“, sagt der Arzt Reis. „Ich bin sehr stolz darauf, dass wir jeden behandelt haben, der zu unserer Station kam, und dass wir allen helfen konnten.“
Zwischen dem 26. Mai und dem 12. Juli haben die indigenen Gesundheitsbezirke, die von der NGO ausgestattet wurden, 447 Patienten behandelt. 124 von ihnen wurden in die Feldstation eingeliefert. Nach der Behandlung dort mussten nur 12 Indigene in Krankenhäuser verlegt werden, um dort eine speziellere Versorgung zu erhalten. In den Gesundheitsbezirken wurden keine Todesfälle registriert.

Die Erfahrung von São Gabriel da Cachoeira war so ermutigend, dass die NGO Partner und Unterstützer dazu animierte, sich an eine ehrgeizige Mission zu wagen: indigenen Menschen in allen Regionen des Amazonas zu helfen. In Windeseile und mit großem logistischem Aufwand schafften es Ärzte, Freiwillige, Privatfirmen und soziale Organisationen, 204 indigene Einrichtungen zur Erstversorgung so auszurüsten, dass sie das neuartige Coronavirus bei verschiedenen Ethnien wie den Xavante, den Munduruku, den Yanomami und den Kaiapó behandeln konnten. In Zusammenarbeit mit brasilianischen Fluggesellschaften, die ihre regulären Flüge zu Spitzenzeiten der Pandemie drastisch reduziert hatten, wurden insgesamt 805 Sauerstoffkonzentratoren verteilt. 

Durch diese Bemühungen konnte eine noch höhere Sterberate durch Covid-19 in Brasilien verhindert werden; das Land verzeichnet ohnehin die zweithöchste Zahl an Todesfällen weltweit. 124.000 Todesfälle zählte Brasilien bis Anfang September, mehr gab es nur in den USA. Trotz dem Mangel an Tests wurden Corona-Infektionen bei mindestens einem Drittel der indigenen ethnischen Gruppen des Landes registriert, wie das Nationale Komitee für Indigenes Leben und Erinnerungskultur feststellte. Die Gesamtzahl der Todesfälle unter indigenen Menschen belief sich nach dem Referat für Indigene Gesundheit (Sesai) bis zum 21. August auf 352. Laut der Organisation Artikulation der Indigenen Völker (Apib), die auch Patienten zählt, die nicht in Dörfern leben, starben 700 Indigene an Covid-19.

Dunkelhäutige sterben in Brasilien häufiger an Covid-19

Die Zahl der Todesfälle durch Corona pro eine Million Einwohner liegt bei Indigenen höher als beim Rest der Bevölkerung des Landes: 855 versus 510. Am Coronavirus starben mindestens 25 Häuptlinge und viele der sogenannten Älteren; das sind die Ältesten der Gemeinschaft, die das Wissen der Vorfahren an die Jüngsten weitergeben. Ihr Tod könnte den Verlust einer ganzen Menge alten Wissens bedeuten, das entscheidend zur kulturellen Vielfalt Brasiliens beiträgt. Die Zahlen belegen auch, dass die schwarze Bevölkerung, die aus historischen Gründen ärmer ist und einen schlechteren Zugang zum Gesundheitswesen hat, stärker von Corona betroffen ist als die weiße. 55 Prozent der dunkelhäutigen Menschen, die mit einer Covid-19-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert wurden, sind gestorben – bei den Weißen waren es 38 Prozent, wie ein Forschungsverbund von brasilianischen Wissenschaftlern und Instituten in einer Studie herausfand.

Die Indigenen-Bewegung betrachtet die Schritte, die die Regierung von Präsident Jair Bolsonaro unternommen hat, als ineffektiv. Sechs Monate nach dem Ausbruch der Pandemie in Brasilien gibt es noch immer keine offiziellen Barrieren, die Unbefugte von indigenen Gebieten fernhalten. Im Juli legte Bolsonaro sein Veto gegen 16 Maßnahmen eines Gesetzes zum Schutz der indigenen und traditionell lebenden Völker ein, wozu auch die Versorgung mit Nahrung und Trinkwasser gehörte. Nachdem die Zivilbevölkerung immensen Druck ausgeübt hatte, setzte sich der Nationalkongress über den Widerstand des Präsidenten hinweg. Zu diesem Zeitpunkt gab es 3,5 Millionen bestätigte Krankheitsfälle im Land.

„Der Höhepunkt der Pandemie im Amazonas ist überschritten, und ich bin mit Ärzten anderer indigener Gesundheitsbezirke in Kontakt, die gegenwärtig einen Anstieg der Fallzahlen verzeichnen“, sagt der Mediziner Reis. „Wir tauschen Erfahrungen aus und berichten, was sich hier bewährt hat.“ Wenn die Pandemie überwunden ist, wird die medizinische Ausstattung, die den Feldstationen gespendet wurde, dort bleiben. So haben die Ureinwohner künftig die Möglichkeit, bei Atemwegserkrankungen auch jenseits der Städte eine angemessene Versorgung zu erhalten.

Aus dem Englischen von Julia Lauer.

Mehr Berichte zu den Auswirkungen der Pandemie in verschiedenen Ländern finden Sie in unserem Corona-Dossier 

erschienen in Ausgabe 10 / 2020: Idealismus und Karriere

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