„Niemand sagt: Ich gehe jetzt mal nach Deutschland“

MAHMUD TURKIA/AFP via Getty Images
Migranten aus Afrika an der libysch-tunesischen Grenze in Ras Jedir: Die Gruppe von 140 afrikanischen Migranten hatte am 26. Juli 2023 um Rettung aus einem Wüstengebiet zwischen Libyen und Tunesien gebeten, nachdem die tunesischen Behörden Dutzende von ihnen dort angeblich ohne jegliche Versorgung abgesetzt hatten, berichten Grenzschutzbeamte, Migranten und NRO-Mitarbeiter.
Migration
Sachleistungen statt Geld, Arbeitspflichten, mehr Grenzkontrollen: So kann man das Problem der "irregulären Migration" nicht lösen, sagt Federico Soda von der Internationalen Organisation für Migration.

Federico Soda ist Direktor des Department of Operations and Emergencies bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf. Davor war er vier Jahre lang Chef der IOM-Mission in Libyen.
 In Deutschland und in Europa dreht sich die Debatte über Migration fast nur noch darum, wie man die Zahl der Menschen, die nach Europa kommen, möglichst klein halten kann. Hat das Aussicht auf Erfolg? 
Nein, Migration kann man nicht einfach stoppen. Sie ist eine Reaktion von Menschen auf verschiedene Arten von Druck: auf wirtschaftlichen und sozialen Druck, auf Druck infolge von Umweltveränderungen und infolge von Konflikt und Krieg. Diese verschiedenen Arten von Druck vermischen sich zunehmend und verstärken sich gegenseitig. Es ist eine naive Illusion, man bräuchte nur eine Mauer hochzuziehen, um damit umzugehen. Natürlich hat jeder Staat das souveräne Recht, seine Grenzen zu sichern. Aber das muss in Balance gehalten werden zur Möglichkeit von Menschen, sicher zu migrieren. In einigen Teilen Europas werden die zwei Seiten der Medaille nicht richtig wahrgenommen. Auf der einen Seite gibt es in vielen Ländern einen Mangel an Fachkräften, auf der anderen Seite gibt es starke Kräfte, die gegen Migration als vermeintliches Sicherheitsrisiko mobilisieren.
 

Im Juli hat die EU mit Tunesien vereinbart, dass es Migranten davon abhält, übers Mittelmeer zu fahren, und dafür Entwicklungshilfe erhält. Was halten Sie davon? 
In dem Abkommen geht es ja auch um Hilfen zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in Tunesien. Das unterstützen wir. Wenn es aber nur darum geht, Migration zu stoppen, dann schafft man große Risiken für die Migranten und macht sie verletzlich. Ich war bis vergangenen Mai Chef der IOM-Mission in Libyen. Die Migranten, die dort festsitzen, kriegen bestenfalls noch humanitäre Hilfe. Ansonsten sind sie Schmugglern, Menschenhändlern und bewaffneten Milizen ausgeliefert. In dieser Situation gibt es nur Verlierer: Die Migranten verlieren, die libysche Gesellschaft verliert, nur die Kriminellen gewinnen, die damit Geld verdienen. Es braucht in Europa ein größeres Verständnis dafür, was eigentlich passiert, wenn ein Mensch beschließt, sich auf den Weg zu machen. Die Migrationsrouten sind zum Teil sehr gefährlich; nicht nur die Fahrt übers Mittelmeer, auch der Weg durch den Sahel.

Ist die EU mitverantwortlich für die miserable Lage der Migranten in Libyen? 
Es braucht zumindest ein größeres Verständnis dafür, dass viele Menschen dort in Gefahr sind und irgendwie raus müssen. Abgesehen davon brauchen wir aber auch längerfristige Ansätze im Umgang mit Migration. Dazu gehören die Stabilisierung und wirtschaftliche Entwicklung der Herkunftsländer. Europa und andere Zielregionen sollten außerdem anerkennen, dass sie von Migration profitieren können, wenn sie geordnet verläuft. Potenzielle Migranten können in ihren Heimatländern ausgesucht, ausgebildet und für bestimmte Jobs qualifiziert werden, so dass sie zu den Arbeitsmärkten in Europa passen.

Wird das schon irgendwo probiert?
Ja, es gibt Pilotprojekte, auch in Europa. Jetzt muss es darum gehen, solche Projekte auszuweiten, so dass es nicht mehr nur um 50 Leute, sondern um 5000 oder sogar 50.000 geht. Das passiert bislang nicht. Es gibt gute Ideen, etwa für eine befristete Einwanderung oder für zirkuläre Migration, bei der Menschen zwischen ihren Heimat- und den Zielländern pendeln. Das ist alles nicht neu. Vor dem Jahr 2014 wurde in der EU-Kommission viel über solche Modelle diskutiert, aber dann hat sich der Fokus auf die Migrationsabwehr verschoben. Ich hoffe, dass wieder ganzheitlicher mit Migration umgegangen wird.

In Deutschland wurde zuletzt hitzig diskutiert, ob sogenannte Pull-Faktoren wie Sozialleistungen Migranten anlocken. Was ist Ihre Erfahrung aus der Arbeit mit Migranten? 
Es ist wesentlich komplizierter. Zunächst einmal: Die meisten afrikanischen Migranten bleiben auf ihrem Kontinent, die meisten sogar in ihrer Heimatregion. Die meisten wandern von ländlichen Regionen in die Städte auf der Suche nach Jobs und einem besseren Leben. Die Leute wissen, es gibt Orte, an denen es ihnen möglicherweise besser geht. Das heißt aber nicht, dass alle nach Deutschland wollen. Auszuwandern ist eine sehr persönliche Entscheidung, die von vielen Faktoren beeinflusst wird. Niemand sagt: „Ich gehe jetzt mal nach Deutschland, weil es dort so angenehm ist“. Über das Ziel entscheiden unter anderem kulturelle Faktoren oder ob bereits Landsleute am Zielort sind. Das war schon immer so, schon vor mehr als tausend Jahren. Aber die Kommunikationsmöglichkeiten heute beschleunigen das enorm. Die Welt dreht sich immer schneller und entsprechend beschleunigt sich auch die Mobilität.

Was halten Sie von Versuchen, mittels Entwicklungszusammenarbeit die Ursachen für Migration etwa in afrikanischen Ländern abzustellen? 
Das sind wichtige und notwendige Initiativen. Aber auch hier gilt: Das allein löst das Problem nicht. Noch einmal: Es ist eine Illusion, Migration stoppen zu wollen. Wir müssen akzeptieren, dass es Migration gibt – und uns dann überlegen, wie wir sie besser regeln können. Entwicklungspolitische Initiativen sollten die Wahlmöglichkeiten der Leute in den Herkunftsländern erweitern, ob sie gehen oder doch bleiben wollen. Migranten sind sehr widerstandsfähig – resilient, wie man heute sagt. Sie wollen nicht nur ein besseres Leben, sondern sie sind auch bereit, dafür sehr viel zu riskieren. Das ist ein sehr großes Potenzial, das im Idealfall ihren Heimatländern zugutekommen sollte.

Schauen wir über Europa hinaus: Wo ist die IOM derzeit besonders gefordert? 
Die vier größten Krisenherde in Bezug auf Migration sind derzeit die Ukraine, die Demokratische Republik Kongo, Sudan und Haiti.

Wandern die Leute von Haiti in andere Länder? 
Nein, hier geht es vor allem um interne Vertreibung und Migration aufgrund der eskalierenden Bandengewalt und Kriminalität.

Wie ist die Lage im Sudan? 
Sudan hat derzeit den traurigen Titel des Landes in Afrika mit den meisten intern Vertriebenen. Hinzu kommen 1,2 Millionen Menschen, die in benachbarte Länder geflüchtet sind, einschließlich Südsudan, Tschad und Zentralafrikanische Republik, die selbst sehr instabil sind. Und es werden immer mehr.

Versuchen Sudanesen auch, übers Mittelmeer nach Europa zu kommen?
Bislang kaum. Ich denke, viele Sudanesen, die ihre Heimat verlassen mussten, haben noch Hoffnung, dass der Krieg bald endet. Es ist einfach enorm schwer zu akzeptieren, dass man die Heimat aufgeben und mit der gesamten Familie gehen muss.

Das Gespräch führte Tillmann Elliesen. 

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