„Europa macht sich nur verbal für die Demokratie stark“

Syrien
Omar Alshogre ist 2015 aus Syrien geflohen. Als Teenager hatte er drei Jahre Haft und Folter durchlebt. Heute setzt er sich für die Menschenrechte in Syrien ein. Auf Einladung von Amnesty International war er Ende November in Deutschland.

Omar Alshogre hat nach dem syrischen Frühling drei Jahre in Haft verbracht und setzt sich heute von Stockholm und den USA aus für die Menschenrechte in Syrien ein.

Seit 2011 der „syrische Frühling“ vom Assad-Regime niedergeschlagen wurde, herrscht im Land ein Dauerkriegszustand, der oft als Bürgerkrieg bezeichnet wird. Wie ist es so weit gekommen?
Der Wunsch nach Freiheit und der Hass auf die Korruption des Regimes waren 2011 so groß, dass alle glaubten, das Regime würde innerhalb von Tagen fallen. Das war ein Fehler, denn so verzichteten die Anhänger von Freiheit und Demokratie darauf, sich zu koordinieren und zu organisieren. Stattdessen standen etwa auf dem Land die Dörfer nicht alle gleichzeitig gegen Assad auf, sondern nacheinander. So hatte das Militär die Möglichkeit, eines nach dem anderen zu überwältigen und aus den dortigen Familien, Schulklassen oder anderen Verbänden „Geiseln“ zu nehmen: Diese Menschen wurden verhaftet, und den anderen wurde gesagt „Wenn Ihr sie wieder haben wollt, verhaltet Euch kooperativ“. Den Verhafteten wiederum machte man klar, dass sie ihre Familien gefährden würden, wenn sie sich gegen das Regime stellten.

Das ist niederschmetternd, aber daraus muss kein Bürgerkrieg entstehen, oder?
Gleichzeitig versteht sich das Assad-Regime hervorragend darauf, verschiedene Bevölkerungsgruppen – Sunniten, Armenier, Turkmenen, Alawiten, Kurden – gegeneinander aufzuwiegeln. Dazu kommt, dass diejenigen, die sich 2011 dem Befehl widersetzten, auf Demonstrierende oder Oppositionelle zu schießen, natürlich auf Hilfe angewiesen waren. Sie brauchten Unterstützer, die sie versteckten, ihnen Essen brachten und sie mit dem Nötigsten versorgten. Aus einigen dieser Unterstützergruppen entwickelten sich über die Jahre die Konfliktparteien, die heute das Land bestimmen und die längst zum Arm ausländischer Regierungen geworden sind.

Welche Gruppen sind das?
Die mit Russland verbündete Assad-Regierung kontrolliert im Westen rund die Hälfte des Landes mit den Städten Damaskus, Aleppo und Homs. Im Südosten, an der Grenze zum Irak, wo auch viele Flüchtlingscamps angesiedelt sind, dominiert die von den USA unterstützte Freie Syrische Armee. Der Nordosten wiederum wird von den SDF beherrscht, den Syrischen Demokratischen Kräften, die von Kurdenmilizen und örtlichen arabischen Stämmen geführt werden. Der Nordosten galt einmal als Kornkammer des Landes, heute ist er eher für seine Erdölvorkommen bekannt. Die Gebiete nördlich von Aleppo sind mehr oder weniger in der Hand der Türkei, die dort alles tut, um einen zusammenhängenden kurdischen Staat im Norden Syriens zu verhindern. In der Region Idlib im Nordwesten Syriens dominiert das HTS, das „Komitee zur Befreiung der Levante“, das eng mit dem IS, dem Islamischen Staat, verbunden ist. Es geht also längst nicht mehr nur um Syrien.

Wie verwurzelt sind diese Bewegungen in der Bevölkerung?
Im Grund kaum. Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Ich hatte in meinem Heimatdorf einen guten Freund. Er war ein sehr liebenswürdiger, absolut friedlicher Mensch. Als das Assad-Regime zur Vergeltung gegen die Demokratiebewegung ganze Dörfer zerstörte und hemmungslos Menschen ermordete, verlor er seine ganz Familie, sein Haus wurde abgebrannt, er stand vor dem Nichts und floh in den Nordosten des Landes. Dort schloss er sich dann den Kämpfern von ISIS an. Leid schafft Extremismus. Die meisten Menschen in Syrien wollen nur noch überleben. Sie klammern sich an das, was sich ihnen bietet. Und sie fühlen sich von der Welt im Stich gelassen. 

Registriert die Bevölkerung in Syrien, dass das Land beispielsweise in der deutschen Diskussion in den Hintergrund geraten ist? 
Ja, auf jeden Fall. In den sozialen Medien klagen die Menschen viel darüber, dass Europa sich nur verbal für eine Demokratie in Syrien stark macht und beispielsweise zugelassen hat, dass russische Raketen ungestört den Norden Syriens zerbombt haben. 

Sie selbst waren nicht politisch aktiv, als Sie ins Gefängnis kamen, oder?
Nein, ich war 15 Jahre alt und empfand die Demonstrationen in meinem Heimatdorf zunächst einmal als eine Riesenparty. Alle liefen auf die Straße, riefen „Freiheit“, tanzten und sangen auf der Straße. Als die Polizisten kamen und mich und andere festnahmen, war ich völlig schockiert. Ich war immer davon ausgegangen, dass die Polizei nur Kriminelle festnimmt. Ich hatte zwei Onkel, die einmal im Gefängnis gesessen hatten. Damals mied ich sie und schämte mich für sie. Heute weiß ich, dass sie vom Regime verfolgt wurden. Die Zeit im Gefängnis hat mir die Augen geöffnet.

Wie haben Sie später als 17-Jähriger die Haft überstanden?
Ich dachte erst, ich müsste sterben. Wir hatten kaum Platz, wir haben meistens gehungert, wir wurden regelmäßig geschlagen und misshandelt. Der Jüngste von uns war zwölf Jahre alt, ein Kind, auch ihm wurde nichts erspart. Die Wachen erlaubten uns Gefangenen nicht, miteinander zu reden. Aber wir flüsterten, wir tauschten uns aus und lernten voneinander – Ärzte, Juristen, Ingenieure. Wir nannten das die „University of Whispers“, die „Flüsteruniversität“. Das Ziel, unser Wissen zu vergrößern und nach unserer Haft die Welt besser zu machen, hielt uns am Leben.

Wie setzen Sie sich heute für die Menschen in Syrien ein?
Als Mitglied der Syrian Emergency Task Force versuche ich immer wieder, durch Reden und Texte das Schicksal der Menschen in Syrien ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und auf ein Ende des Assad-Regimes hinzuwirken. Zum anderen wirke ich in Strafprozessen zu Verbrechen der syrischen Regierung vor europäischen Gerichten mit. Ein großer Erfolg ist hier beispielsweise, dass das Oberlandesgericht Koblenz den Syrer Anwar R. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt hat. 

Das Gespräch führte Barbara Erbe.

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