Biosprit und Ernährung zusammen denken

„Es geht nicht um Tank oder Teller. Bioenergie ist nicht des Teufels.“ Diese Diskussion, sagt Bundesumweltminister Sigmar Gabriel, ist verkürzt. Ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU) zum Thema: „Zukunftsfähige Bioenergie und nachhaltige Landnutzung“ bestätigt den Minister teilweise, widerspricht ihm aber beim Thema Treibstoffe für den Verkehr.

Auf fast 350 Seiten hat das Wissenschaftler-Team um die Umweltökonomin Renate Schubert (Zürich) und den Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber (Potsdam) aufgeschrieben und mit Diagrammen, Karten und Statistiken unterlegt, wo die Vor- und Nachteile der Bioenergie liegen. Es kommt zu dem Schluss, dass es weltweit große Potenziale für die Gewinnung von Energie aus Biomasse gibt und dass sie genutzt werden sollten. Es gehe nicht um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Da macht auch das Beiratsmitglied Dirk Messner vom Deutschen Institut von Entwicklungspolitik (DIE), keine Ausnahme: „Wir brauchen eine Bioenergie-Strategie.“

Rund zehn Prozent des Weltenergiebedarfs könnten mittelfristig aus Pflanzenabfällen sowie aus speziell angebauten Energiepflanzen wie Zuckerrohr, Ölpalme oder Jatropha gewonnen werden, so das Gutachten. Pflanzen, die jedes Jahr umgepfügt werden wie Raps und Mais, seien dabei aber sehr kritisch zu bewerten. Zudem müsse sichergestellt sein, dass der Anbau von Energiepflanzen weder mit Natur- und Klimaschutzzielen kollidiert noch die Ernährungssicherheit gefährdet. Doch genau das ist laut dem Gutachten bislang nicht gewährleistet. Die Umweltbilanz etwa des Ölpalm-Anbaus auf den Tropenwaldflächen Indonesiens oder Malaysias ist katastrophal. Und einer der Gründe für die Proteste in vielen Ländern gegen hohe Nahrungsmittelpreise in diesem Jahr ist der Anbau von Mais oder Getreide zur Gewinnung von Bioethanol und Strom.

Die Untersuchung stellt heraus: Die Erzeugung von Strom aus Pflanzen an sich ist nicht von Übel und weit besser, als Autosprit daraus zu machen. Aber es sollten vor allem Abfallstoffe wie Holzreste genutzt werden, weil die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen. Soweit „Energiepflanzen“ wie Zuckerrohr oder Ölpalmen extra angebaut werden, müsse dies ökologisch nachhaltig, sozial verträglich und bevorzugt auf bislang ungenutzten oder degradierten Flächen erfolgen. Und im Verkehr hält der WBGU Elek_tromotoren für sinnvoller als Agrar­treibstoffe.

Mit Blick auf die Entwicklungsländer betonen die Forscher: Kaum etwas ist schädlicher als die „traditionelle Bioenergienutzung“, das heißt die Verbrennung von Holz, Dung und Ernteabfällen zum Kochen und Heizen. Vielerorts mache sie 90 Prozent der Energieversorgung aus. Hier, so Messner, hülfen schon ordentliche Öfen weiter. Dem Klima wie der Gesundheit zuliebe.

Unterm Strich, so die Gutachter, müsse immer bedacht werden: Bioenergie ist durch andere Energieträger ersetzbar; Nahrungsmittel sind es nicht. Und die Weltbevölkerung wächst. Der Weg, den der Beirat weist, ist so einleuchtend wie schwer umsetzbar: Erforderlich sei ein integriertes „Landnutzungsmanagement“, das Ernährungs-, Energie- und Klimafragen gleichermaßen umfasst – und zwar global.

Johannes Schradi

 

erschienen in Ausgabe 12 / 2008: Wirkung der Entwicklungshilfe

Schlagworte