„Was für uns schlecht ist, kann für andere nicht gut sein“

In der Landwirtschaft ist das Insektizid DDT längst verboten. Im Kampf gegen Malaria ist es jedoch erlaubt, die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt es sogar. In vielen Ländern ist ein ordnungsgemäßer Gebrauch aber nicht gewährleistet; das Mittel landet zunehmend wieder auf Feldern. Auf einer internationalen Konferenz in Genf im November standen Alternativen zum DDT-Einsatz zur Debatte.

Bevor es vor knapp vierzig Jahren in vielen Ländern verboten wurde, galt Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) als Wundermittel –  in der Landwirtschaft und zur Bekämpfung von krankheitsübertragenden Insekten. Anfang der 1950er Jahre besprühten Flugzeuge in aller Welt ganze Landstriche mit dem Insektizid. In der Schweiz gingen die Flüge als „Maikäferkrieg“ in die Geschichte ein. Der Schweizer Paul Hermann Müller hatte die insektizide Wirkung des Mittels 1939 entdeckt und später dafür den Medizin-Nobelpreis erhalten.

Schon früh gab es allerdings Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen. DDT reichert sich im Körpergewebe an, seine Abbauprodukte haben hormonähnliche Wirkung. Das Mittel gilt außerdem als krebserregend. Doch nicht nur für die menschliche Gesundheit zeichneten sich Gefahren ab: Vögel legten Eier mit zu dünnen Schalen, in Gebieten mit hoher DDT-Dosierung fielen sie buchstäblich vom Himmel.

Anfang der 1970er Jahre wurde DDT in den meisten Industrieländern verboten. 2001 unterzeichneten 122 Staaten die Stockholmer Konvention, eine Übereinkunft über das Verbot von Schadstoffen wie DDT. Die Konvention, die 2004 in Kraft getreten ist, enthält jedoch eine Ausnahmeklausel: Zur Bekämpfung von Mücken, die Malaria übertragen, ist der Einsatz des Giftes zulässig – sofern keine unbedenklichen, wirkungsvollen und erschwinglichen Alternativen vorhanden sind.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt den Einsatz von DDT seit 2006 ausdrücklich – und zwar für die Anwendung im Rauminnern: Dabei werden Wände von Zimmern und Hütten mit einer DDT-Lösung besprüht. Wenn sich die Malariamücken dort absetzen, sterben sie. Außer der WHO propagieren vor allem die USA den DDT-Einsatz. Die Befürworter machen geltend, dass das Mittel Leben retten kann: Angesichts von jährlich über einer Million Malariatoten wäre es zynisch, das Insektizid wegen möglicher Gesundheits- oder Umweltschäden pauschal zu ächten, gibt der Malariaspezialist Marcel Tanner zu bedenken. Zudem drohten bei der niedrigen Dosierung im Hausinneren keine Schäden.

Und doch erfüllt Tanner die erneut zunehmende Verbreitung von DDT mit Sorge. Das Problem seien unsinnige und missbräuchliche Anwendungen, sagt der Leiter des Schweizerischen Tropeninstituts (STI) in Basel. Auf der Basis von Erfahrungen in Südafrika propagierten manche Spezialisten „eine DDT-Besprühung vom Kap bis nach Kairo“. Die Regierung von Mosambik betrachte DDT gar als Ersatz für Moskitonetze. Der Einsatz von DDT sei aber nur in bestimmten Situationen und als Teil eines umfassenden Maßnahmenpakets sinnvoll. Bei übermäßiger Anwendung drohten Resistenzen.

Sind große Mengen DDT im Umlauf, steigt auch die Gefahr, dass das Mittel in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Abgesehen von Gesundheitsrisiken kann das für die betroffenen Staaten wirtschaftlich verhängnisvoll sein: Unter Umständen können sie ihre Produkte nicht mehr exportieren. Die Welthandelsorganisation (WTO) erlaubt es nämlich, für Produkte mit DDT-Rückständen Importsperren zu erlassen. Marcel Tanner vermutet deshalb, dass die USA und andere Industrieländer, die den Einsatz von DDT propagieren, auch wirtschaftspolitische Interessen verfolgen: DDT-Rückstände seien ein willkommener Anlass, Produkte aus Entwicklungsländern vom eigenen Markt fernzuhalten. Von einer solchen Importsperre war einst auch die Schweiz betroffen: Die USA und Kanada untersagten 1968 den Import von DDT-haltigem Schweizer Käse.

Hinweise auf verbreitete Anwendungen von DDT auf Feldern in Entwicklungsländern gibt es bereits, wie das Genfer Sekretariat der Stockholmer Konvention in einem neuen Bericht schreibt. Eine zunehmende Zahl von Staaten führe DDT ein, ohne einen ordnungsgemäßen Gebrauch gewährleisten zu können. Leider seien in den vergangenen Jahren alternative Ansätze in der Malariabekämpfung von DDT verdrängt worden.

Laut dem Bericht werden jährlich weltweit 4000 bis 5000 Tonnen DDT eingesetzt, Tendenz steigend. Im Hauptherstellerland Indien ist die Produktion von 2005 bis 2007 um 50 Prozent gestiegen. Die Vertragsstaaten der Stockholmer Konvention wollen sich an einer Konferenz im kommenden Frühjahr mit den Problemen befassen. Bereits im November trafen sich auf Einladung des Sekretariats der Konvention in Genf Forscher und Vertreter von Regierungen und nichtstaatlichen Organisationen, um das Vorgehen zu diskutieren.

Hans Rudolf Herren, Ko-Präsident des Weltlandwirtschaftsrates und Präsident der Schweizer Stiftung BioVision für nachhaltige Landwirtschaft, ist entschieden dagegen, Malaria weiter mit DDT zu bekämpfen. Das Mittel sei nicht ohne Grund verboten worden, gibt der Agronom zu bedenken. Der Einsatz von DDT in Entwicklungsländern sei ein Skandal. „Was für uns schlecht ist, kann für andere nicht gut sein“, kritisiert Herren. Auch Philippe Roch, Biochemiker und ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Umwelt, engagiert sich im Kampf gegen DDT. „Es geht nicht an, unter dem Vorwand der Malariabekämpfung die Menschen und die Umwelt zu vergiften“, sagt Roch.

Die DDT-Gegner verweisen auf bereits vorhandene Alternativen und propagieren einen integrierten Ansatz: Biologische Larvenbekämpfung, imprägnierte Moskitonetze und Raumbesprühung – aber nicht mit DDT, sondern mit den harmloseren Pyrethroiden. In Kenia konnten laut Herrens Stiftung BioVision mit diesen Mitteln die Malariainfektionen erheblich gesenkt werden. Das Erfolgsrezept liege in der Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung, sagt Projektleiter Charles Mbogo. Den Einwand, DDT sei nicht nur die wirkungsvollere, sondern auch die billigere Lösung, lassen die Gegner nicht gelten: Einen sauberen, seriösen Umgang mit dem Insektizid zu gewährleisten, wäre unbezahlbar, argumentieren sie.

Charlotte Walser, InfoSüd

erschienen in Ausgabe 12 / 2008: Wirkung der Entwicklungshilfe

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