Das Ende des Überflusses

Seit einiger Zeit nehmen liberale Ökonomen das deutsche Gesetz zur Förderung von erneuerbaren Energien aufs Korn: Es trage nicht zum Klimaschutz bei, weil die in Deutschland mit Hilfe von Sonnen- und Windenergie eingesparten CO2-Emissionen im Rahmen des europäischen Emissionshandels einfach an andere Länder weiterverkauft werden. Selbst wenn das klimapolitisch gesehen richtig wäre – was es nicht ist –, ist das Argument kurzsichtig. Denn in nicht allzu ferner Zukunft werden wir noch froh sein, erneuerbare Energien gefördert und damit den Grundstein für eine alternative Energieversorgung gelegt zu haben. Spätestens dann zum Beispiel, wenn uns das Erdöl ausgeht – und das zeichnet sich bereits ab.

Niemand weiß, wie viel vom Schmierstoff der Weltwirtschaft insgesamt noch in der Erdkruste lagert; möglicherweise reicht es sogar noch Jahrhunderte. Entscheidend ist aber, wie viel davon noch zu Tage gefördert werden kann. Unstrittig ist, dass die Ölfelder in traditionellen Fördergebieten wie dem Nahen Osten ihren Zenit überschritten haben und langsam zur Neige gehen – nur der größte Ölproduzent Saudi-Arabien sieht das anders und beschwichtigt, ein Versorgungsproblem sei nicht absehbar.

Dagegen gehen die Meinungen weit auseinander zur Frage, wie viel Öl aus den in jüngster Zeit gefundenen Quellen und aus noch unentdeckten Feldern zu holen ist. Wird es reichen, um den Rückgang der Förderung aus den alten Feldern auszugleichen und zusätzlich die weltweit steigende Nachfrage in den kommenden Jahrzehnten zu befriedigen? Ja, sagt die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris: In ihrem jüngsten Jahresbericht, dem „Welt-Energieausblick 2009“, rechnet sie vor, dass die weltweite Ölproduktion von derzeit gut 80 Millionen Fass am Tag bis zum Jahr 2030 um ein Viertel auf 105 Millionen Fass am Tag steigen wird – genau so viel, wie gebraucht wird, um den geschätzten Bedarf zu diesem Zeitpunkt zu decken.

Aber der Optimismus der IEA verursacht bei Fachleuten zunehmend Kopfschütteln. Und selbst Mitarbeiter der Agentur ziehen die offiziellen Prognosen in Zweifel: Im vergangenen November gingen zwei hochrangige Angestellte an die Presse und erklärten, die Zahlen im IEA-Jahresbericht seien geschönt – aus politischen Gründen. Eine realistische Darstellung der künftigen Fördermengen, so die Furcht, könnte zu einer Panik auf den internationalen Finanzmärkten führen. Kritiker frotzeln schon lange, die IEA sei nach der Ölkrise 1973/74 nur geschaffen worden, um den Regierungen der reichen Länder jedes Jahr zu bestätigen, dass ihre Energieversorgung gesichert ist.

Ölexperten wie Kjell Aleklett von der Universität Uppsala in Schweden sagen, es werde künftig nie mehr so viel Öl gefördert werden wie heute. Ihrer Ansicht nach sind wir gerade dabei, den Gipfel der täglichen Ölproduktion – den „peak oil“ – zu überschreiten. Neue Felder wie die vor den Küsten Brasiliens oder Ghanas könnten die versiegenden alten Quellen nicht ersetzen, weil sie in der Regel kleiner und schwerer zugänglich sind. Um die von der IEA prognostizierten Förderquoten zu erzielen, müssten künftige Quellen schneller erschlossen und ausgebeutet werden als je zuvor – laut Aleklett spricht nichts dafür, dass das gelingen wird.

Die Überschreitung des „peak oil“ bedeutet, dass sich die Kluft zwischen Angebot von und Nachfrage nach Öl stetig verbreitern und der Preis tendenziell steigen wird. Das wird den Wettlauf um die verbleibenden Ressourcen verschärfen. Kriege um das schwarze Gold werden zunehmen, und die Lebensbedingungen für die Bevölkerung in Fördergebieten wie Angola, Sudan oder Ecuador wird das sicher nicht verbessern.

Es führt kein Weg daran vorbei, die Abhängigkeit der Wirtschaft vom Öl zu reduzieren. Das geschieht bereits: In den vergangenen fünfzehn Jahren ist die Ölintensität der Weltwirtschaft – also der Ölverbrauch pro Dollar Wirtschaftsleistung – laut IEA um ein Viertel gesunken. Aber dieser Effizienzgewinn wird vom Wirtschaftswachstum aufgezehrt, die globale Nachfrage nach Öl wächst deshalb weiter. Wird kein anderer Treibstoff ge- oder erfunden, werden die Volkswirtschaften weltweit ins Stottern geraten. Treffen wird das vor allem die Armen, sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern.

Zur Erforschung und Förderung alternativer Energiequellen gibt es deshalb keine Alternative – in Deutschland und anderswo. Auch wenn engstirnige Ökonomen das heute für Geldverschwendung halten.

erschienen in Ausgabe 2 / 2010: Der Mensch als Ware