Die neue Macht der Multis

Die Macht von transnationalen Konzernen ist seit den 1970er Jahren gewachsen. Die größten von ihnen kontrollieren heute weltumspannende Produktionsketten mit zahllosen Zulieferern, sie spielen auf den Finanzmärkten mit und verschieben Gewinne, um Steuern zu vermeiden. Doch von der Forderung, Konzernen strenge Zügel anzulegen, ist nur der Ruf nach Selbstverpflichtungen und mehr Transparenz geblieben. Und er klingt hohl, denn Geheimhaltung ist ein Prinzip der Geschäftswelt, wo Wissens- und Informationsvorsprünge Profit bringen.

Wenn Sie in Deutschland demnächst mit O2 oder E-Plus telefonieren, Daten versenden oder in den Niederlanden einen Anschluss bei KPN beantragen, könnte es auch in der Kasse von Carlos Slim Helú klingeln. Das Telekommunikationsunternehmen„América Móvil“, mit dem der reichste Mann der Welt ein Quasi-Monopol auf dem mexikanischen Markt unterhält, tätigt eine milliardenschwere Investition auf dem europäischen Mobilfunkmarkt. Mit der Aufstockung seines Anteils am Aktienvermögen des ehemaligen niederländischen Staatskonzerns Royal KPN hat erstmals ein Investor aus einem Schwellenland einen Fuß in die lukrative Telekommunikationsbranche Europas gesetzt. Slim Helú folgt der Strategie US-amerikanischer Hedge Fonds und von Private-Equity-Investoren, die ganze Unternehmen aufkaufen und verkaufen: Mittels Beteiligungen an bislang konkurrierenden Telekommunikationsunternehmen sollen die Gewinne auf hohem Niveau stabilisiert werden.

Autor

Stephan Hessler

ist Politikwissenschaftler und Volkswirt und lehrt an der Universität Frankfurt am Main. Er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac, stellvertretender Vorstand des Vereins Business Crime Control und Mitherausgeber der Zeitschrift BIG Business Crime.

So könnten O2 und E-Plus fusioniert und mit der belgischen Firma BASE zu einem einzigen Mobilfunkanbieter zusammengelegt werden. Ziel des Investors scheint zu sein, die aus der Privatisierung von Staatsbetrieben hervorgegangenen Telekommunikations-Anbieter in ein Oligopol aus möglichst wenigen Unternehmen zu überführen. Die Rechnung ist simpel: Je geringer die Zahl der Anbieter, desto geringer der Wettbewerb und umso höher der Gewinn. Machtwirtschaft statt Marktwirtschaft! In Mexiko hat das Prinzip funktioniert. Binnen weniger Jahre stieg Carlos Slim Helú laut der Forbes-Liste zur reichsten Person der Erde auf: Er hatte das mexikanische Staatsmonopol für Telekommunikation mit freundlicher Unterstützung des damaligen Präsidenten Carlos Salinas in sein privates Monopol überführt.

Die indische Niederlassung des Weltkonzerns Siemens lancierte im Sommer 2010 eine Erfolgsnachricht: Immer mehr Importe teurer Medizintechnik aus Europa würden durch Geräte ersetzt, die der Konzern in Indien selbst entwickele und herstelle. Zum Beispiel sei für den indischen Markt ein Röntgengerät entwickelt worden, das bei Unfällen, Knochenbrüchen und Operationen Aufnahmen für ein Zehntel des Preises herstellen könne. Es solle zunächst in Indien eingesetzt werden, wo man sich einen riesigen Markt erhoffe. Hierzulande ist das Gerät nicht vermarktbar, da Sicherheits- und Strahlenschutzbestimmungen den Einsatz preiswerter Verfahren behindern – noch.

Neigung zur Korruption

Das Beispiel zeigt: Die Internationalisierung der Produktion ersetzt den Export von Waren. Bei dem „deutschen“ Elektrokonzern Siemens sind nur noch ein Drittel der Mitarbeiter im Stammland beschäftigt. Zur Strategie der Geschäftsführung zählt neben der Verlagerung von Produktions- und Forschungsabteilungen in Schwellenländer wie Indien und China auch die Nutzung von Steueroasen – etwa des schweizerischen Kantons Zug, wo über 2000 Mitarbeiter tätig sind. Statt Güter und Dienstleistungen zu exportieren, importiert die Deutschlandzentrale mitunter Standards und Geschäftspraktiken, die in vielen autokratisch regierten Schwellenländern zum„normalen“ Unternehmensgebaren zählen: Je größer der Geschäftsanteil dieser Schwellenländer am Gesamtumsatz und der Mitarbeiterzahl wird, um so höher wird auch die Korruptionsneigung. Zahlreiche Verurteilungen und gerichtliche Vergleiche belegen, dass die Internationalisierung des Konzerns von großen Korruptionszahlungen begleitet war. So sorgte etwa der Import eines Mitbestimmungsmodells aus China und anderen autokratischen Systemen in hiesigen Medien und Staatsanwaltschaften für Empörung: Mit der Gründung firmeneigener Gewerkschaften hatte man in Bayern versucht, den klassischen Arbeitnehmervertretungen eine selbst finanzierte Hausgewerkschaft als Alternative entgegenzustellen.

Finnland zählt unter den europäischen Staaten zu den Vorbildern für Innovation, Bildung, Wissensmanagement und demokratische Transparenz. Doch das Joint-Venture-Unternehmen Siemens Nokia Networks, das seinen Stammsitz dort hat, spielte während der grünen Revolution im Iran 2009 eine unrühmliche Rolle. Es stellte den lokalen Ermittlungsbehörden Überwachungssysteme zur Verfügung, mit denen der gesamte Daten- und Telefonverkehr abgehört und zugeordnet werden konnte. Zudem wurden die iranischen Sicherheitskräfte im Umgang mit Ortungssoftware geschult, um die Nutzer mobiler Geräte aufzuspüren, die Nachrichten über den iranischen Widerstand und den Einsatz von Polizeikräften ins Ausland schickten. In den USA sind deshalb Klagen von Exiliranern gegen Nokia anhängig.

erschienen in Ausgabe 7 / 2012: Konzerne: Profit ohne Grenzen

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