Wer die Familie Nseko auf ihrer Kaffeefarm in Kyetumo, einem Dorf in der Provinz Mityana im Herzen von Uganda besucht, stößt auf eine grüne, artenreiche Oase. Mit Unterstützung der Hanns. R. Neumann-Stiftung haben Josefine, Charles und ihr Sohn Michael natürliche Auffangbecken für Regenwasser angelegt, um die Bewässerung zu garantieren, anstelle von chemischem Dünger wird Tierdung verwendet, und Bananenbäume spenden den Kaffeepflanzen den nötigen Schatten. „Liebe deinen Garten, dann liebt er dich”, so beschreibt Charles das Erfolgsrezept der Familie.
Nicht alle der rund 3,5 Millionen Kleinbauern, die im ostafrikanischen Uganda Kaffee anbauen, wirtschaften bereits derart nachhaltig wie die Nsekos. Doch von großflächiger Abholzung kann auch auf ihren Farmen nicht die Rede sein. Denn was wirtschaftlich ein Nachteil ist, nutzt in gewisser Weise der Umwelt: Ugandas Kaffeeanbau ist stark fragmentiert, große Plantagen oder Kooperationen gibt es kaum. Meistens sind es kleine familienbetriebene Kaffeegärten.
EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten wird erneut verschoben
Geht es nach der Europäischen Union (EU), müssen die ugandischen Kaffeebauern – genauso wie ihre Kollegen in anderen Anbauländern – künftig dennoch nachweisen, dass ihrer Bewirtschaftung kein Wald zum Opfer gefallen ist, um weiter nach Europa exportieren zu können. So sieht es die EU-Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten (EU Deforestation Regulation, EUDR) vor, eines der Werkzeuge der EU im Kampf gegen globale Umweltschäden und den Klimawandel.
EUDR soll die Einfuhr von und den Handel mit Produkten verhindern, die in Verbindung zu Entwaldung oder Waldschädigung stehen – darunter Soja, Palmöl, Holz, Kautschuk, Rindfleisch, Kakao und eben auch Kaffee. Unumstritten ist das nicht. Zwar ist die Verordnung bereits seit 2023 in Kraft, aber ihre Anwendung wurde zunächst von Ende 2024 auf Dezember 2025 verschoben. Besonders die Importeure in der EU hatten sich gegen die Verordnung in der vorliegenden Form gewandt. Zu schwierig sei die technische und praktische Handhabe, allen voran der Nachweis der Sorgfaltspflicht. Denn die notwendigen Geolokalisierungsdaten seien in vielen Ländern schwer zu ermitteln. Und auch die EU selbst habe mit der Datenverarbeitung in ihren IT-Systemen noch große Probleme.
Im September hatte die EU-Kommission deshalb dafür plädiert, EUDR um ein weiteres Jahr zu verschieben. Ende November stimmten sowohl der Europäische Rat als auch das Europäische Parlament dem zu; der endgültige Beschluss Mitte Dezember ist damit eine Formsache. Die Reaktionen darauf sind kontrovers. Für die Umweltorganisation Fern mit Sitz in Brüssel etwa ist eine neuerliche Verschiebung nur ein Manöver in einem „größeren Kampf“, nämlich zwischen „denen, die die Natur bewahren, und denen, die sie zerstören wollen“. Fern bezichtigt verschiedene europäische Politiker, darunter Bundeskanzler Friedrich Merz, sie wollten die Verordnung torpedieren. Das würde den Kleinbauern im Süden, „die bereits viel Zeit und Ressourcen“ aufgewendet hätten, um EUDR gerecht zu werden, erheblich schaden.
Workshops und Trainings für Kaffeebauern
Manche Farmer und ihre Vertreter in den Erzeugerländern sehen das etwas anders. So auch die Kaffeebauern in Uganda. Sie sind nicht prinzipiell gegen die EU-Verordnung, bräuchten aber mehr Zeit, sich auf sie einzustellen, sagt Samson Emong, Geschäftsführer der Organisation Café Africa, die Kaffeebauern unterstützt und berät. Zusammen mit der Uganda Coffee Federation und dem Ministerium für Landwirtschaft gehört Café Africa zu einer Task Force rund um EUDR und die europäische Richtlinie über die Sorgfaltspflichten von Unternehmen (CSDDD). Sie soll die Produzenten für die neuen Anforderungen fit machen. „Bis vor kurzem wussten die meisten Kaffeebauern und Exporteure hierzulande nicht, was EUDR eigentlich ist“, sagt er. „Wir gehen zu ihnen und erklären es ihnen in Workshops und Trainings – unter anderem mit Hilfe von leicht verständlichen Broschüren und Comics.“
Die EU-Verordnung stehe „in Einklang mit unserem eigenen Ziel, eine nachprüfbare Lieferkette aufzubauen und die Kaffeeproduktion sowohl transparent als auch ökologisch zu gestalten“, sagt Emong. Zugleich haben die ugandischen Bauern großes Interesse, den Zugang zum europäischen Markt zu erhalten. Kaffee ist mit einem Gesamtwert von 2,2 Milliarden US-Dollar das wichtigste Exportgut des Landes; zwei Drittel der Ausfuhren zwischen Juli 2024 und Juni 2025 gingen nach Europa.
Allerding erschwere die Kleinteiligkeit des Kaffeesektors in Uganda die Datensammlung erheblich. Das sei etwa in Kenia leichter, weil es dort viele große Kaffeefarmen gebe. In Uganda hingegen müssen die erforderlichen Angaben in mühsamer Kleinarbeit bei den vielen Bauern eingeholt werden, um ein EUDR Data Warehouse (DWH) zu kreieren, einen Datenknotenpunkt, an dem alle nötigen Geodaten und Informationen der Produzenten zusammenkommen. Zudem wird an einer Traceability App gearbeitet, mit der Händler die Herkunft von geliefertem Kaffee zurückverfolgen und belegen können. Und noch ist in Uganda, wie in vielen anderen Erzeugerländern, nicht ganz klar, wie die Daten an die EU übermittelt werden sollen.
„Wir sind vom guten Willen der EU in dieser Sache überzeugt“
Dass der neuerliche Aufschub von EUDR politisch motiviert ist und letztlich dazu führen könnte, dass die Entwaldungsverordnung gar nicht mehr kommt, glaubt Emong hingegen nicht. „Wir sind vom guten Willen der EU in dieser Sache überzeugt.“ Überdies sei es nun mal nicht einfach, Umweltschutz und die Interessen der Kleinbauern in Einklang zu bringen. Die hoffen nämlich darauf, „dass Kaffee, der eine gute Geschichte erzählen kann, auch besser bezahlt wird“ – und wenn man das richtig machen wolle, „dauert das eben“, sagt Emong.
Falls wider Erwarten aus der EU-Verordnung doch nichts wird, dann wäre das zwar „enttäuschend“. Doch Emong lässt keinen Zweifel daran, dass die ugandischen Kaffeebauern dann trotzdem weiter daran arbeiten, eine nachprüfbare Lieferkette aufzubauen. EUDR sei da „nur ein Vehikel“, um dieses Ziel schneller zu erreichen. Und geholfen habe die Verordnung jetzt schon. Samson: Emong: „Zum ersten Mal wissen wir durch unsere Datenerhebungen genauer, wie viele Kaffeebauern es im Land wirklich gibt.“
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