Der Gründer der Republikanischen Partei erzielte mit 58,3 Prozent der Stimmen einen deutlichen Sieg über seine linke Gegenkandidatin Jeannette Jara, die nur auf 41,8 Prozent der Stimmen kam. Die Wahlbeteiligung war wegen der 2021 eingeführten Wahlpflicht mit 85 Prozent rund doppelt so hoch wie bei den vorigen Präsidentschaftswahlen. Politische Beobachter sind sich einig, dass die hohe Wahlbeteiligung entscheidend dazu beigetragen hat, traditionell politisch desinteressierte Teile der Bevölkerung zu mobilisieren, von denen viele ihre Unzufriedenheit mit der amtierenden Regierung von Präsident Gabriel Boric zum Ausdruck brachten. „Ich bin hier, weil ich sonst eine Geldstrafe bekomme“, sagte beispielsweise ein Wähler in der zentralchilenischen Stadt.
Die unterlegene Präsidentschaftskandidatin Jeannette Jara erkannte ihre Niederlage unmittelbar an. In der der amtierenden Regierung hatte sie als Arbeitsministerin die Erhöhung des Mindestlohns, die Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 44 auf 40 Stunden und die schrittweise Anhebung der Renten ab Januar angestoßen. Der junge Psychologie-Student Bastian Rivera, der zu ihrem Wahlkampfteam in der Region Valparíso gehörte, betont: „Wenn die neue rechtsextreme Regierung nun anfängt, Sozialleistungen zu kürzen, bittet mich nicht, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren. Löffelt aus, was Ihr Euch eingebrockt habt!“
Sorgen um Sicherheit und Migration
Die Anhänger von Kast sind besonders besorgt über Sicherheit und Migration und hoffen, dass ab März, wenn die neue Regierung ihr Amt antritt, die Migration aus Venezuela, Peru und Kolumbien, von der vor allem die Städte im Norden Chiles betroffen sind, gestoppt wird. „Es müssen drastische Maßnahmen ergriffen werden, um die massive und illegale Einwanderung zu verhindern“, erklärt etwa die Hausangestellte Oriana Aguilera. Und fügt hinzu, dass so „auch das Gefühl der Unsicherheit verschwinden kann, das derzeit in den Straßen von Santiago und anderen Regionen des Landes herrscht”.
Der politisch rechtskonservative und wirtschaftsliberale José Antonio Kast hatte seinen Wahlkampf auf das Versprechen aufgebaut, „das Land wieder aufzubauen“ und staatliche Ausgaben zu senken. Der neue Präsident Chiles war von 2002 bis 2018 Abgeordneter und schon zwei Mal Präsidentschaftskandidat. 2016 distanzierte er sich von der traditionellen Rechten und gründete mit der Republikanischen Partei eine Gruppierung, die heute die konservativsten Sektoren der chilenischen Rechten vereint. Er verteidigt öffentlich die Diktatur von Augusto Pinochet und unterstützt Initiativen zur Freilassung von wegen Menschenrechtsverletzungen zu Haftstrafen Verurteilten wie dem ehemaligen General Miguel Krassnoff.
Symbolischer Umzug
Außerdem hat Kast angekündigt, dass er aus Gründen der Sparsamkeit in den Palacio de La Moneda umziehen werde, den Sitz der chilenischen Exekutive. Der ist ein historisches Symbol der demokratischen Macht in Chile, wird jedoch seit 1958 nicht mehr als Präsidentenresidenz genutzt. Am 11. September 1973 bombardierten die znter Pinochet stehenden Streitkräfte den Palast, um den Sturz der Regierung von Salvador Allende zu erzwingen, in einer Aktion, die darauf abzielte, den Putsch durchzusetzen und das Ende der Demokratie zu besiegeln.
Menschenrechtsorganisationen sehen in der Entscheidung ein Symbol in einem Land, das noch immer von den Wunden der Diktatur gezeichnet ist: „Dass ein Rechtsextremer wie José Antonio Kast, ein bekannter Verteidiger Pinochets, in La Moneda wohnt, ist eine Beleidigung für diejenigen, die dort nach dem Militärputsch ums Leben gekommen sind”, meint der Journalist und Schriftsteller Héctor Vera, der während der chilenischen Diktatur Opfer von Menschenrechtsverletzungen wurde.
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