Als Reyes, der in Wirklichkeit anders heißt, vor drei Jahren von den Philippinen nach Österreich kam, wusste zunächst niemand so recht, was zu tun ist, weder er noch sein neuer Arbeitgeber, ein Pflegeheim. Wie läuft die Anerkennung seiner Ausbildung ab? Wie kommt er zu einem Deutschkurs? Welche Dokumente sind für den längeren Aufenthalt notwendig? Reyes versuchte, das alles neben seinem neuen Job selbst zu organisieren. „Es war ein schwieriger Start“, sagt er. Heute sei sein Arbeitsalltag aufgrund des allgemeinen Personalmangels sehr stressig, doch die Kolleginnen und Kollegen seien nett und hilfsbereit.
Reyes’ Geschichte zeigt die Schwierigkeiten, mit denen Pflegekräfte aus Ländern außerhalb der EU konfrontiert sind. Doch genau sie braucht Österreich, denn schon heute fehlen Tausende Beschäftigte: Bis 2030 werden rund 50.000 zusätzliche Pflege- und Betreuungspersonen benötigt, langfristig noch mehr. Die Bevölkerung altert, die Geburtenrate sinkt, einige verlassen den Beruf wegen hoher Belastung und mangelnder Anerkennung.
Um gegenzusteuern, richtet Österreich den Blick zunehmend über die eigenen Grenzen hinaus. Denn auch innerhalb der EU ist die Konkurrenz um qualifiziertes Pflegepersonal groß. 2023 startete die Bundesregierung deshalb eine internationale Fachkräfteoffensive. Gezielt angeworben werden seither Arbeitskräfte aus sogenannten Fokusländern außerhalb der EU, darunter die Philippinen, Brasilien, Indonesien, Albanien, Nordmazedonien und der Kosovo. Sie sollen Mangelberufe besetzen, insbesondere in der Pflege, aber auch in technischen und IT-nahen Bereichen.
Österreich hinkt hinterher
Für die Arbeitsmarktexpertin Ulrike Famira-Mühlberger vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) ist dieser Schritt unausweichlich. Österreich hinke hinterher, sagt sie, andere Länder – etwa Deutschland oder die skandinavischen Staaten – seien deutlich früher aktiv geworden. Entsprechend groß sei der internationale Wettbewerb, vor allem mit Ländern, in denen Englisch als Arbeitssprache möglich sei und Migration gesellschaftlich stärker akzeptiert werde als in Österreich. Daten aus dem Gesundheitsberuferegister 2024 zeigen: Rund zwölf Prozent der in Österreich tätigen Pflegekräfte haben ihre Ausbildung in einem Drittland absolviert.
Tatsächlich ist die Zahl internationaler Pflegekräfte seit der der Fachkräfteoffensive gestiegen. 2022 wurden noch 315 Aufenthaltskarten für Pflegeberufe an Drittstaatsangehörige ausgestellt, 2025 waren es bereits 1276. Zuletzt kamen die meisten von ihnen aus Bosnien und Herzegowina, Kolumbien und den Philippinen. Aus den offiziellen Fokusländern der Fachkräfteoffensive kamen in den letzten drei Jahren insgesamt etwas mehr als 600 Pflegekräfte.
Wie stark dieser Anstieg auf politische Initiativen zurückzuführen ist, lässt sich schwer beurteilen. In der Praxis rekrutieren vor allem die Bundesländer, landeseigene Spitalsträger sowie kirchliche Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen eigenständig im Ausland – häufig aus akutem Personalmangel heraus.
Internationale Rekrutierung
So setzt auch das Klinikum Wels-Grieskirchen in Oberösterreich, eine Einrichtung der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz und der Franziskanerinnen, inzwischen auf internationale Rekrutierung. 2023 begann es erstmals systematisch Pflegekräfte aus Drittstaaten anzuwerben. Gleichzeitig wurden ein Integrationsmanager eingesetzt, eine regionale Pflegeschule eingebunden und Pilotstationen im Klinikum vorbereitet. „Internationale Anwerbung ist zeitintensiv und funktioniert nicht nebenbei“, sagt Integrationsmanager Wolfgang Kuttner.
Im Sommer 2024 nahm das Klinikum 25 Pflegekräfte aus den Philippinen auf, weitere folgten im Winter 2025. Ausschlaggebend für dieses Herkunftsland seien die Ausbildungsstandards und die Zusammenarbeit mit einer dort tätigen Vermittlungsagentur gewesen. „Philippinische Pflegekräfte sind prinzipiell gut ausgebildet und werden deshalb gerne rekrutiert“, sagt Kuttner.
Bis zum Einsatz auf den Stationen vergingen mehrere Wochen. Besonders die Sprache erwies sich als zentrale Hürde. Zwar müssen Bewerberinnen und Bewerber vor der Einreise ein B1-Deutschzertifikat vorweisen, medizinische Fachsprache und regionale Dialekte werden darin jedoch kaum abgebildet. Auch das bestehende Personal habe man für die neuen Kolleginnen und Kollegen erst sensibilisieren müssen.
Anerkennung dauert zu lange
Für viele internationale Pflegekräfte kommt hinzu, dass ihre Ausbildung erst in einem langwierigen Verfahren in Österreich anerkannt wird. „Die meisten Pflegekräfte von den Philippinen haben einen vierjährigen Bachelor in Nursing“, erklärt Marjorie Albeza vom Bund der philippinischen Pflegekräfte in Österreich. Viele seien hochqualifiziert und bräuchten dennoch im Schnitt rund zwei Jahre, bis sie in Österreich als diplomierte Pflegekraft anerkannt würden. Bis dahin können sie nur Assistenztätigkeiten wie Körperpflege oder Essensausgabe durchführen. „Wenn der Prozess zu schwer und langwierig wird, gehen die Leute woandershin, etwa in englischsprachige Länder“, sagt Albeza. Zwar sollen im Rahmen der Fachkräfteoffensive die Anerkennung ausländischer Qualifikationen beschleunigt und mehr kostenfreie Beratungs- und Unterstützungsangebote geschaffen werden. Doch die Berufsanerkennung ist weiter kompliziert und läuft in jedem Bundesland anders.
Auch Reyes konnte zunächst nur als Assistenz arbeiten. Bald möchte er sich zur diplomierten Pflegekraft qualifizieren. Den Weg empfindet er als frustrierend, auch wenn er einräumt, dass die Praxis seinem Spracherwerb geholfen habe. Sorgen bereiten ihm die weiter steigenden Lebenskosten aufgrund der Inflation. Dennoch kann er sich vorstellen, langfristig in Österreich zu bleiben: „Ich liebe die Landschaft und die Sicherheit.“ Die meisten Menschen seien freundlich, sagt Reyes, rassistische Kommentare habe er aber auch schon erlebt. Ob dringend benötigte Pflegekräfte wie Reyes bleiben, wird angesichts der internationalen Konkurrenz stark von den Bedingungen abhängen, die ihnen geboten werden.
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