Pharmazieassistenten in Kamerun lernen, wie sie mit Hilfe von Kleinlaboren Medikamente testen können.

Dialog zwischen Welten

Seit mehr als 20 Jahren sind die beiden großen Kirchen in Deutschland im Gespräch mit der Pharmaindustrie, um deren Geschäftsgebaren in Entwicklungsländern zu beeinflussen. Das hat ihnen wiederholt Kritik eingebracht, und greifbare Ergebnisse sind schwer festzustellen.
Bei dieser Tablette war alles falsch: Herkunft, Chargennummer und Inhalt – frei erfunden. Das vorgebliche Medikament zur Behandlung von Malaria enthielt kaum eine Spur des Wirkstoffs Chinin, therapeutischer Nutzen: Fehlanzeige. Für Patienten kann das tödlich ausgehen. Das gefälschte Mittel konnte im August in der Demokratischen Republik Kongo aufgespürt werden, mangels staatlicher Kontrollmöglichkeiten mit einem sogenannten „Mini-Lab“. Das Kleinlabor, mit dem die Qualität von knapp 60 verschiedenen Arzneimitteln überprüft werden kann, ist in zwei Koffern untergebracht und kann auch an abgelegenen Orten etwa im ländlichen Afrika eingesetzt werden.
 
Entwickelt wurde es in den 1990er Jahren unter Mitarbeit des Missionsärztlichen Institutes in Würzburg, hergestellt wird es vom Darmstädter Pharmakonzern Merck: Das „Mini-Lab“ ist im Rahmen des Dialogs entstanden, den die evangelische und die katholische Kirche seit 1992 mit Unternehmen der Pharmaindustrie führen. Die Geschäftsführung liegt bei der Gemeinsamen Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE). Das erklärte Ziel des Pharmadialogs: arme Menschen in Entwicklungsländern mit preisgünstigen und qualitativ hochwertigen Medikamenten zu versorgen und ihre Gesundheitssituation zu verbessern. „Kooperation statt Konfrontation“ lautet die Devise.  
 

Dauerbrenner im Dialog: Patentfragen und Lizenzvergaben

Zweimal im Jahr trifft sich eine Arbeitsgruppe aus Vertretern kirchlicher Hilfsorganisationen und Arzneimittelherstellern. Neben der Fälschung von Medikamenten hat sie sich in der Vergangenheit unter anderem mit der Angebotspalette von Pharmaunternehmen in Entwicklungsländern und der korrekten Formulierung von Beipackzetteln beschäftigt. „Dauerbrenner“ im Dialog, die laut der Leiterin des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (DIFÄM), Gisela Schneider, sehr kontrovers diskutiert werden, sind die Patentierung von Medikamenten, die Beteiligung an einem Patentpool sowie die Vergabe freiwilliger Lizenzen zur Herstellung von günstigeren Nachahmerpräparaten (Generika). 

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".
Die Gespräche finden hinter verschlossenen Türen statt, eine Praxis, die wiederholt auf Kritik gestoßen ist. Die Pharmaindustrie „scheut das Licht der Öffentlichkeit“, moniert Jörg Schaaber von der BUKO-Pharmakampagne, der den ganzen Ansatz der Zusammenarbeit für „schwierig“ hält. Zu groß sei die Gefahr für die Kirchen, „sich einwickeln zu lassen“ und kritische Positionen abzuschwächen. Die bisherigen Ergebnisse der Gespräche seien nicht besonders überzeugend. Zwar habe sich die Pharmaindustrie in den vergangenen zehn Jahren bewegt, aber „sicher nicht aus Menschenliebe, sondern eher auf öffentlichen Druck“. Die Entwicklung der „Mini-Labs“ hält Schaaber im Übrigen für eine Strategie der Pharmaunternehmen, von den heiklen Punkten wie der Verbesserung ihres Arzneimittelangebotes oder der Senkung der Preise abzulenken.
 
Öffentliche Kritik mussten sich Kirchen und Pharmaindustrie zuletzt 2009 anhören, als sie zur Bundestagswahl gemeinsame Empfehlungen für die deutsche Gesundheitspolitik in Entwicklungsländern vorlegten. Von „wenig glaubwürdig“ bis „schädlich“ reichten die Kommentare. Immerhin befasst sich seit April 2010, wie in dem Papier gefordert, ein neuer Unterausschuss des Bundestages mit der Förderung von Gesundheitssystemen in armen Ländern sowie mit Patent- und Handelsfragen bei der Medikamentenversorgung und der Forschung und Entwicklung zu vernachlässigten Krankheiten.
 

Nur die Industrie kann neue Medikamente entwickeln

 
Gisela Schneider vom DIFÄM verteidigt denn auch den Dialog. Er sei „kein Kuschelkurs“ und biete die Chance, brisante Themen immer wieder auf den Tisch zu bringen, etwa die Erforschung von Medikamenten für vernachlässigte Tropenkrankheiten wie die Schlafkrankheit. Der öffentliche Druck auf die Pharmaunternehmen, etwa allen HIV-Infizierten und Aidskranken bezahlbare Medikamente zugänglich zu machen, gehöre aber auch dazu. „Wir brauchen beides, den Druck von außen und das Gespräch von innen“, sagt Schneider, deren Institut auch Rechtsträger des „Aktionsbündnisses gegen Aids“ ist – das seine Stimme oft sehr deutlich und kritisch gegenüber der Pharmaindustrie erhebt. Schneider stellt nüchtern fest: „Als kirchliche Einrichtungen können wir keine neuen Medikamente entwickeln. Das muss die Industrie tun. Und ich möchte, dass sie es für die Patienten tun, die mir am Herzen liegen.“ 
 
Vonseiten der Pharmaindustrie hat der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VfA) die Federführung in dem Dialog, den VfA-Referent Harald Zimmer als Versuch beschreibt „zwei Welten zusammenzubringen“. Die Unternehmen schätzten die Kirchen als wichtige und glaubwürdige Akteure im Gesundheitswesen, die an positiven Ergebnissen orientiert seien, unterstreicht er. Mit gutem Grund – in manchen afrikanischen Ländern leisten die Kirchen rund 40 Prozent der Gesundheitsdienste. Im Laufe der Gespräche sei es gelungen, entwicklungspolitische Themen, die zuvor wenig beachtet wurden, stärker in die Unternehmen hineinzutragen – allerdings mit Einschränkungen, wie Zimmer einräumt. Nur wenige Pharmahersteller, darunter Merck, Boehringer Ingelheim und Bayer, haben ihren Hauptsitz in Deutschland. Die Entscheidungen über Forschung und Preisgestaltung für Medikamente in Entwicklungsländern werden häufig in Chicago, Paris oder Tokio getroffen – weitab von den Debatten im deutschen Pharmadialog.
 
Auf der – von allen Beteiligten betonten – „guten gemeinsamen Basis“ werden Meinungsverschiedenheiten deutlich. Zum Beispiel bei Medikamentenspenden. Harald Zimmer verweist darauf, dass das Engagement der Firma Merck, der Weltgesundheitsorganisation WHO jährlich alle benötigten Tabletten mit dem Wirkstoff Praziquantel zur Behandlung der Tropenkrankheit Bilharziose bis zu deren Ausrottung zu spenden, seine Wurzeln im Pharmadialog habe. Gisela Schneider vom DIFÄM sieht Medikamentenspenden hingegen kritisch, weil damit der lokale Markt blockiert werde. Und Klaus Fleischer, ehemaliger Vorsitzender des Missionsärztlichen Institutes, bezweifelt, dass die Arzneimittel gerecht verteilt werden. 
 
Außer einer Reihe gemeinsamer Stellungnahmen kann der Pharmadialog nur wenig greifbare Ergebnisse vorweisen – aber das liegt wohl auch an der komplexen Natur der Gesundheitsversorgung, an der so viele Akteure aus Staat, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft beteiligt sind, dass Ursache und Wirkung sich nur schwer eindeutig bestimmen lassen. Das räumen auch die Beteiligten ein: Es sei ein „steiniger Weg“, resümiert Klaus Fleischer, der lange Jahre an den Gesprächen beteiligt war. Einige Dinge hätten sich „kaum bewegt“, sagt Gisela Schneider. Doch zur „kritischen Begleitung“ gebe es keine Alternative. Konkreter soll es nun mit sogenannten Dreieckskooperationen zwischen kirchlicher und staatlicher Entwicklungszusammenarbeit und der Pharmaindustrie werden – die, so ist zu hören, allerdings nur schleppend in Gang kommen. Als erster Schritt ist ein Pilotprojekt im tansanischen Moshi geplant. Dort will man gemeinsam Pharma-Assistenten ausbilden, die nach zwei Jahren in der Lage sein sollen, eine ländliche Apotheke zu leiten. 
erschienen in Ausgabe 11 / 2012: Die Wirtschaft entwickeln

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