Die Kölner Rechtsanwältin und Mediatorin Bettina Janssen hat seit 2022 drei Missbrauchsfälle aufgearbeitet: Pfarrer Leonhard Meurer bei missio missbrauchte in Deutschland mehrere junge Mädchen und möglicherweise auch bei seinen zahlreichen Reisen nach Afrika; bei Pfarrer Winfried Pilz bei den Sternsingern ist es offenbar zu „sexualbezogenen Grenzverletzungen“ gegenüber jungen Männern gekommen; und Bischof Emil Stehle von Adveniat, der junge Frauen missbraucht hat.
Solche Skandale würden von den Kirchenoberen gern als „Einzelfälle von Verstorbenen“ behandelt, so Janssen. Gefordert sei aber eine breitere Aufarbeitung. Doch immer noch würden in vielen katholischen Institutionen „Risikovermeidung und Reputationsangst“ dominieren, sagte sie auf einer Fachtagung zum Thema von Adveniat, missio Aachen und den Sternsingern im November in Frankfurt am Main.
Die Interessen der Opfer will Matthias Katsch vom Opferverband Eckiger Tisch in den Mittelpunkt stellen. Er fordert ein „globales Genesungswerk“, in dem Erfahrungen und Therapien geteilt werden können. Die Erfahrungen der Betroffenen seien entscheidend, um Wiederholungen zu vermeiden. Katsch wünscht deshalb, die Betroffenen viel stärker aktiv an der Aufarbeitung zu beteiligen.
Der Fall Bischof Stehle: Nur deutsche Opfer im Blick
Autor
Frank Braßel
ist Historiker und Journalist. Er hat unter anderem für die Menschenrechtsorganisation FIAN und die Hilfsorganisation Oxfam gearbeitet.Was in Deutschland schwierig ist, trifft im globalen Süden häufig auf noch größere Hindernisse. So im Fall des langjährigen Adveniat-Geschäftsführers und Bischofs der ecuadorianischen Stadt Santo Domingo, Emil Stehle. Sein gegenüber jungen Frauen übergriffiges Verhalten war bereits in seiner aktiven Zeit augenscheinlich, aber Adveniat und die Deutsche Bischofskonferenz haben erst 2022 – zwanzig Jahre danach – eine umfassende Untersuchung durchführen lassen. Ausgangspunkt war seine Mithilfe bei der Entsendung zahlreicher Geistlicher nach Lateinamerika, die in Deutschland Abhängige missbraucht hatten. Dabei kam ans Licht, dass er selbst Mädchen und junge Frauen missbraucht hat.
Die Untersuchung berücksichtigt nur die deutschen Opfer; ob es auch lokale Opfer gab, wurde nicht untersucht. „Wir haben manchmal Vermutungen, aber keine Person möchte offen über sexuellen Missbrauch durch Stehle und andere Priester sprechen“, resümiert das Team des lokalen SOS-Kinderdorfs die ersten Erfahrungen mit Workshops zum Thema im Rahmen eines 2024 gestarteten Adveniat-Projekts. Die Diözese und die Kommune von Santo Domingo verehren Stehle bis heute wie eine Lichtgestalt; eine Schule und eine breite Avenida sind nach ihm benannt.
Partner im globalen Süden reagieren sehr unterschiedlich auf das Engagement für Aufarbeitung. Bischof Bob John Koroma von der Diözese in Sierra Leone leistete zum Beispiel einen sehr engagierten Beitrag zur Fachtagung. Dagegen geben sich der heutige Leiter von Stehles Diözese im ecuadorianischen Santo Domingo, der aus der Schweiz stammende Bischof Bertram Wick, sowie die gesamte Amtskirche des südamerikanischen Landes mehr als zurückhaltend bei der Aufarbeitung sowohl des Falls Stehle als auch möglicher heutiger sexueller Übergriffe in der Kirche.
Prävention und neue Standards im Umgang mit Missbrauch
Inzwischen geht das Engagement katholischer Hilfswerke gegen Missbrauch über deutsche Priester hinaus, deren Zahl im Ausland stark abgenommen hat. Missio Aachen hat umfassende Handlungsvorgaben bei Missbrauchsverdacht, intern sowie mit Partnern. Im Haus werden regelmäßig Informations- und Sensibilisierungskurse durchgeführt, „die durchweg positiv und dankbar angenommen werden“, so Johanna Streit, die Leiterin der Missio-Stabsstelle „Safeguarding“. „Umfragen haben ergeben, dass Machtmissbrauch und sexuelle Gewalt gegen Ordensschwestern ein sehr großes Problem sind“, erläutert Streit. Die Täter sind überwiegend Priester und Bischöfe, aber auch Ordensoberinnen.
Missio unterstützt die Arbeit mit betroffenen Schwestern und weiblichen Laien sowie Präventions- und Sensibilisierungsprojekte etwa in Nigeria, Indien und Kamerun. Johanna Streit ist auch Mitkoordinatorin eines globalen Netzwerks zum Thema, das im Juni 2025 in Rom „sichere Räume“ gefordert hat, in denen Ordensschwestern über ihre Erfahrungen und Hoffnungen sprechen können.
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