Nur das gelegentliche Schreien der Möwen durchbricht am Morgen die Stille vor der Moschee Hassan II. in Casablanca. Das Gotteshaus mit seinen farbigen Mosaiken und orientalischen Bögen ist ein würdiger Ort des Gebets. Mit gewaltigen Dimensionen und einem 200 Meter hohen Minarett erinnert das 1993 eingeweihte islamische Gebetshaus die Gläubigen daran, dass sie nur ein Staubkorn im Universum sind.
Die Moschee, benannt nach dem 1999 verstorbenen König Hassan II., steht direkt am Atlantik. Im Hintergrund ist die Uferpromenade der Wirtschaftsmetropole Casablanca mit ihren Hochhäusern zu sehen. Moschee und Hochhäuser können als Symbole für eine ehrgeizige Politik der Modernisierung stehen, für die auch der Islam genutzt wird.
Der Islam ist mit der Monarchie verbunden
Denn die Moschee ist nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch eine Machtdemonstration des marokkanischen Herrscherhauses. Islam und Monarchie sind in Marokko eng verbunden. Der König führt den Titel „Amir al-Muminine“ – Anführer der Gläubigen – und bezieht seine Legitimität daraus, dass seine Vorfahren bis auf die Familie des Propheten Mohammed zurückgehen sollen. Über 90 Prozent der Marokkaner sind sunnitische Muslime, und der Islam ist laut der Verfassung von 2011 die „Religion des Staates“, ohne dass dadurch andere Religionen abgewertet werden sollen. Der Titel „Anführer der Gläubigen“ bezieht sich aber auch Menschen anderen Glaubens: Der König sieht sich als Schutzherr auch der kleinen christlichen und jüdischen Minderheiten im Land.
Religion spielt eine wichtige Rolle im Leben der meisten Marokkaner, und der König beansprucht für sich die Deutungshoheit über den Islam. Am islamischen Opferfest Eid al Adha opfert er im staatlichen Fernsehen nach einem Gebet vor laufenden Kameras ein Schaf, wie es die Tradition verlangt. Doch der König nutzt den Islam auch als strategisches Instrument, um die diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Ziele des Königshauses und der führenden Businessclique im Land, Makhzen genannt, zu erreichen.
Die Gelehrten folgen nicht immer dem König
Allein entscheiden kann der König allerdings nicht, wie der Islam in Marokko zu verstehen ist. Im Herzen der Hauptstadt Rabat hat Mohammed Eriouiche seine Kanzlei. Er ist Notar und Experte für den Islam in Marokko, er kennt die wissenschaftlichen Debatten und die Praxis. Er hat es mit Eheverträgen und Scheidungsurkunden zu tun genauso wie mit Diskussionen über das Spezifische des Islam in Marokko. Am französisch anmutenden Platz Mohammed V. erklärt er in einem Café das komplexe Gefüge islamischer Institutionen in Marokko.
Oberstes Gremium des Islam ist der Rat der Gelehrten. „Der Conseil des Ulémas wird zwar vom König ernannt, doch bei den Gelehrten handelt es sich um gut ausgebildete Fachleute, die durchaus unterschiedliche Auffassungen vertreten“, sagt er. Sie würden ihre Meinungen nach den Regeln des Ijtihad, der eigenständigen Auslegung des Koran, gewinnen und sie dann in Form von Lehrschreiben, den sogenannten Fatwas, veröffentlichen. Er vergleicht die Methode des Ijtihad mit einem Auto: „Jedes Auto hat einen anderen Motor.“ Und jeder Gelehrte seine eigene Auffassung.
Nicht immer folgen die Gelehrten den Wünschen des Königs etwa bei der geplanten Reform des Familienrechts, die Mohammed VI. im Jahr 2022 angestoßen hat. Sie haben in zentralen Punkten Widerspruch formuliert, an dem auch der König nicht einfach vorbeikann. So lehnten sie zum Beispiel verpflichtende DNA-Tests bei Vaterschaftsklagen als unislamisch ab. Die Gelehrten beanspruchen für sich, darüber zu urteilen, was im marokkanischen Kontext islamisch ist, erklärt der Notar. Dabei ließen sie sich weder von den einflussreichen Scheichs der Azhar in Kairo reinreden noch von radikalen Fernsehpredigern vom Golf. Sie setzen auch die rund 50.000 vom Staat bezahlten Imame im Land ein. Die Gelehrten stehen für einen traditionellen, konservativen, aber toleranten Islam. Sie untermauern mit ihren Auffassungen den Anspruch des Königshauses, das marokkanische Islamverständnis in die gesamte Region zu tragen.
Hinwendung zu Afrika südlich der Sahara
Seit seinem Amtsantritt im Jahr 1999 hat Mohammed VI. Marokko als logistische und wirtschaftliche Drehscheibe zwischen Afrika und Europa positioniert – im Gegensatz zu seinem Vater, der kaum Beziehungen zu Afrika pflegte und sich an Frankreich orientierte. Dabei verfolgt M6, wie er in Marokko genannt wird, langfristige strategische Ziele. Mit mehr als 50 Besuchen in 25 Ländern hat er seit 1999 die Beziehungen zu den Ländern südlich der Sahara intensiviert wie kein anderer Herrscher vor ihm. 2017 erneuerte Marokko seine Mitgliedschaft in der Afrikanischen Union, der es nach einem Streit über die Westsahara jahrelang ferngeblieben war.
Autorin
Claudia Mende
ist freie Journalistin in München und ständige Korrespondentin von „welt-sichten“. www.claudia-mende.de„Nordafrika war immer ein Teil Afrikas, auch wenn das in Europa bestritten wurde“, sagt der marokkanische Anthropologe und Diplomat Youssef Belal. „Der deutsche Philosoph Friedrich Wilhelm Hegel zum Beispiel vertrat die Idee, Nordafrika gehöre zu Europa und sei vom Rest Afrikas abgetrennt. Mit dieser Vorstellung war er lange sehr einflussreich.“ Aber diese Trennung zwischen Nordafrika und der Sahelregion ist eine europäische Fiktion. Historisch gesehen gab es seit Beginn der islamischen Ausbreitung in Afrika einen regen Austausch.
Eine Pipeline für Gas aus Nigeria
An diese Tradition knüpft Marokko heute an und verfolgt damit gleich mehrere Ziele. Zum einen will es seine Handels- und Wirtschaftsbeziehungen stärken. Unter Mohammed VI. ist der Handel zwischen Marokko und den Ländern südlich der Sahara deutlich gestiegen. Die Exporte dorthin sind nach Angaben des Marokko-Radars der Konrad-Adenauer-Stiftung im Zeitraum 2004 bis 2024 von 300 Millionen auf über drei Milliarden US-Dollar gestiegen. Marokko ist führend bei der Produktion von Phosphat, das zur Herstellung von Düngemitteln benötigt wird, sowie bei Bewässerungstechnologien. Beides sind begehrte Exportgüter in die Länder des Sahel und darüber hinaus bis nach Äthiopien.
Mit seiner Royal Initiative for Sahel Access vom November 2023 hat Marokko den Binnenstaaten Mali, Burkina Faso, Niger und Tschad für ihren Handel mit Europa über seine Häfen Zugang zu Atlantik und Mittelmeer ermöglicht. Zentrale Rolle spielt dabei der Hafen von Dakhla im äußersten Süden der Westsahara, der bis 2029 fertig ausgebaut sein soll.
Ein gewaltiges Projekt ist die im Bau befindliche Nigeria-Marokko-Gaspipeline, die Gas aus Nigeria über Marokko mehr als 6000 Kilometer weit nach Europa transportieren soll. Finanziert wird dieses Großprojekt zur Verbindung der Energiemärkte Afrikas und Europas hauptsächlich von Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Mit Theologie gegen den Dschihadismus
Zum anderen spielt die Bekämpfung des Extremismus eine zentrale Rolle. Dschihadisten destabilisieren seit Jahren vor allem Burkina Faso und Mali. Aber auch Marokko ist von Extremismus bedroht. Im Jahr 2003 verübten Dschihadisten einen Anschlag mit mehr als vierzig Toten und vielen Verletzten ausgerechnet in der Wirtschaftsmetropole Casablanca, einer Stadt, die stolz ist auf ihren kosmopolitischen Geist. In Casablanca leben Franzosen, Araber, Spanier, Berber, Christen, Juden und Muslime seit jeher Tür an Tür. Der Terroranschlag war ein Schock für die Gesellschaft und für das Regime, das seither versucht, die Ausbreitung des fundamentalistischen Islam unter anderem mit theologischen Mitteln einzudämmen. Dazu fördert es einen unpolitischen Islam, der ihm nicht gefährlich werden kann.
Denn es gibt neben dem Dschihadismus in Marokko auch gewaltlose Strömungen des politischen Islam, die sich kritisch gegenüber dem Königshaus positionieren. So konnte das Regime die von 2011 bis 2021 regierende gemäßigte islamistische Partei PJD ins System integrieren. Hingegen lehnt die derzeit nur geduldete islamistische Organisation Al-Adl wal Ihsan (Gerechtigkeit und Spiritualität) das Königshaus ab, bestreitet seine religiöse Legitimation und sucht Zustimmung unter Marginalisierten.
Nach den Terroranschlägen von Casablanca hat der König Institutionen aufgebaut, um das religiöse System des Landes stärker zu kontrollieren. Er gründete das Institut Mohammed VI de formation des Imams (Institut Mohammed VI. zur Ausbildung von Imamen) in Rabat mit mehr als tausend Studienplätzen. Es soll angehenden Imamen das nötige Rüstzeug an die Hand geben, um den Extremisten theologisch Paroli zu bieten und die Jugend gegen den Extremismus zu immunisieren.
Rabat bildet auch Imame für Sahelländer aus
Am Institut stehen neben klassischen Koranstudien auch Sozialwissenschaften, vergleichende Religionswissenschaften und Persönlichkeitsbildung auf dem Lehrplan. Reformtheologische Ansätze werden hingegen nicht gelehrt. Das Institut bildet auch Frauen aus, allerdings nicht zu Imamen, sondern zu „Morchidate“, einer Art Sozialarbeiterinnen in Moscheegemeinden. In dieser Rolle leisteten sie wichtige Arbeit etwa bei der Alphabetisierung, sagt die prominente islamische Feministin Asma Lamrabet. Jedoch stellten sie eine männlich geprägte Koraninterpretation nicht infrage. „Marokkos staatlicher Islam ist nicht in der Lage, auf die Fragen der jungen Generation einzugehen“, kritisiert Lamrabet. Sie hat die Grenzen des Systems selbst erfahren: Als sie 2018 mit anderen eine Reform des islamischen Erbrechts forderte, verlor sie ihren Job an der „Rabita al Mohamadya des Oulémas“, einer Art Think Tank für einen modernen Islam.
Auch Marokkos Nachbarn wie Mali, die Elfenbeinküste und Gabun lassen Imame am Institut in Rabat ausbilden. Mehr als 500 malische Imame haben mittlerweile ihr Abschlussdiplom erhalten. „Sie haben eine Ausbildung gegen den Extremismus und seine gewalttätigen Auswüchse erhalten“, sagte Mamadou Koné, Minister für religiöse Angelegenheiten in Mali, bei der Verleihung von Diplomen im Februar 2025. Die Gefahren von Dschihadismus und Islamismus verbinden die Region, Marokko will das Gegengift dafür liefern.
Doch trotz seiner erfolgreichen Afrika-Strategie steht Marokko unter enormen Spannungen, die sich im vergangenen September in Jugendprotesten entluden. Mit einem Wirtschaftswachstum von 4,4 Prozent für 2025 steht Marokko nach Angaben des Internationalen Währungsfonds derzeit auf Platz 5 der wirtschaftlich stärksten Länder Afrikas. Gleichzeitig liegt die Jugendarbeitslosigkeit in den Städten bei über 40 Prozent, das Bildungs- und das Gesundheitssystem sind in einem desolaten Zustand und die soziale Schere öffnet sich weiter. Diese Probleme lassen sich nicht allein durch die staatliche Kontrolle über den Islam lösen.
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