Äthiopien: Den Verbrenner überspringen

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Äthiopischer Regierungsbeamter steht in Addis Abeba an der Ladesäule einer E-Tankstelle neben seinem silbergrauen E-Auto.
Jonas Gerding
Ayele Sirga ist Regierungs­beamter und kann sich als einer der Wenigen in Äthiopien ein E-Auto leisten. Hier kämpft er an der Ladesäule mit der Bezahlfunktion der App.
E-Mobilität
Äthiopien hat die Einfuhr von Verbrennern verboten, damit sich E-Autos durchsetzen. Die meisten Menschen sehen das gelassen, weil sie sich gar kein Auto leisten können. Aber das Land könnte so die Phase der fossil betriebenen Autos auslassen.

Fahrer von E-Autos treffen in Äthiopien auf manche Probleme, die man auch bei uns kennt. Ayele Sirga hat seinen Kleinwagen, einen silbergrauen BYD e2, an die Ladesäule angeschlossen. Aber auf der Smartphone-App wird kein Guthaben angezeigt, obwohl er genug Geld eingezahlt hat. Er versucht es wieder und wieder. Nichts. „Das passiert mir hier zum ersten Mal“, sagt er. 

Sirga ist Regierungsbeamter und nach Feierabend auf eine E-Tankstelle in der Hauptstadt Addis Abeba abgebogen. Eigentlich hatte er heute Glück und kam sofort an die Reihe. „Normalerweise brauche ich hier eine Stunde zum Laden. Wenn ein anderes Auto vor mir ist, kann es insgesamt auch mal zwei Stunden dauern.“ Jetzt verzögert die App alles. Sirga, noch im Office-Look mit Jackett und Hemd, bringt das nicht aus der Ruhe. Er versucht es weiter, beratschlagt sich mit dem Fahrer an der benachbarten Ladesäule. 

Sirga hat sein E-Auto erst vor vier Monaten gekauft. Davor ist er einen Benziner gefahren. In Äthiopien soll plötzlich alles ganz schnell gehen mit der E-Mobilität. Das Land am Horn von Afrika hat als erstes auf der Welt einen drastischen Schritt gewagt: Seit dem Januar 2024 dürfen keine Verbrenner mehr importiert werden, hat die Regierung unter Premierminister Abiy Ahmed beschlossen. 

Addis Abeba: Nach dem Vorbild asiatischer Städte umgekrempelt

Noch ist von der Verkehrsrevolution wenig zu sehen. In Addis Abeba rauschen vor allem Benziner und Dieselfahrzeuge an einem vorbei. Aber die Innenstadt wird derzeit nach dem Vorbild von asiatischen Städten wie Singapur umgekrempelt: Bürogebäude und Konferenzzentren werden aus dem Boden gestampft, Straßen verbreitert, mit Wegen für Radfahrer und Fußgänger an den Rändern. Da passt es ins Bild, dass seit kurzem auch vermehrt E-Autos vorbeischnurren. Die kleinen klapprigen Sammelbusse, deren Auspuffe Abgaswolken hinter sich herzogen, sind aus dem Stadtzentrum verbannt und durch größere und neuere Busse ersetzt worden. Für die Großstädter sind sie das wichtigste Verkehrsmittel. 

An der Peripherie der Metropole, die heute mehr als sechs Millionen Einwohner zählt, sind die Veränderungen noch nicht angekommen, ganz zu schweigen von abgelegenen Regionen auf dem Land. Fast die Hälfte der etwa 130 Millionen Menschen Äthiopiens lebt nach wie vor in extremer Armut, von weniger als etwa drei US-Dollar am Tag.

Autos sind in Äthiopien ein Luxusgut

Autor

Jonas Gerding

ist freier Journalist und lebt in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo. Er berichtet vor allem über den Klimawandel, die Energiewende und dafür nötige Rohstoffe.

Doch die Pflicht, beim Kauf eines Neuwagens ein E-Auto zu wählen, gilt für alle. Während sich in Europa und den USA Teile der Bevölkerung lauthals beschweren über teure E-Autos und eine Verkehrswende, die sich angeblich nur die Reichen leisten können, nehmen die Äthiopier ihr radikales Verbrenner-Aus gelassen bis gleichgültig hin. 

Denn einen Großteil der überwiegend armen Bevölkerung interessiert es herzlich wenig, ob sich in Addis Abeba die Wohlhabenden E-Autos statt Diesel-SUVs zulegen, erklärt der äthiopische Wirtschaftsexperte Samson Berhane. „Wenn ein Landwirt zu Geld kommt, dann wird er sich eher einen Lkw kaufen, um seine Produkte zu transportieren und Gewinn zu machen. Die Leute auf dem Land fahren keine Autos.“ Tatsächlich sieht man in den Provinzen vor allem dreirädrige Autorikschas und Busse. „Autos sind in Äthiopien ein Luxusgut“, sagt Berhane.

So hat die Verbreitung von E-Autos in Äthiopien wenig mit einer Mobilitätswende zu tun, wie sie in Europa beschworen wird. Was sich hier vollzieht, ist ein Technologiesprung. Zurzeit besitzen nur etwas mehr als ein Prozent der Menschen in Äthiopien ein Auto. Aber wenn sich jemand überhaupt eines leisten kann, dann ist dies zukünftig ein E-Fahrzeug. 

Ayele Sirga schätzt vor allem den Komfort seines E-Autos

Sirga gehört zu den Wohlhabenden im Land, einer kleinen Gesellschaftsschicht. Ihm gefällt es, wie Äthiopien in Sachen Mobilität voranschreitet. Für ihn persönlich war Klimaschutz jedoch nicht der Grund für den Kauf. „Es ist komfortabler“, sagt er über sein E-Auto, das mit der neuesten Elektronik ausgestattet ist. 

Klar, der Kaufpreis war nicht ganz ohne: 3,2 Millionen äthiopische Birr, das sind umgerechnet etwa 17.500 Euro. Mit derlei Preisen ist die in Äthiopien beliebte chinesische Marke BYD aber durchaus konkurrenzfähig mit neuen Verbrennern, die vor dem Importstopp eingeführt wurden. Zudem hat der Staat mit Steuererleichterungen Anreize für den Kauf geschaffen. In seiner Familie war Sirga der erste, der sich ein E-Auto zulegte. Der Preis – das war es, wonach die meisten ihn gefragt hätten, nicht die Reichweite oder Ladezeiten, erzählt er. 

Der Minister für Transport und Logistik sieht große Fortschritte

Aus den Fenstern des Büroturms kann Dhenge Boru auf die sich rasant wandelnde Hauptstadt blicken. Eine Straße weiter fährt eine Tram auf einer Hochtrasse über den Köpfen, bereits vor mehr als zehn Jahren mit chinesischem Geld finanziert. In Sachen Transport und Mobilität denkt Äthiopien voraus, sagt Boru, Staatsminister im Ministerium für Transport und Logistik. Aus seiner Sicht wurden bereits große Fortschritte gemacht: Zählten die Behörden im Jahr 2022 noch 7000 E-Autos, seien es heute bereits mehr als 100.000. Aus jetzt etwas mehr als 100 Ladestationen sollen in den kommenden zehn Jahren mehr als 2000 werden, so das Ziel seines Ministeriums. Zuerst in Großstädten wie Addis Abeba, darauf folgen Stationen entlang der großen Verkehrsachsen. Zukünftig soll auch das Busfahren grüner werden. Einzelne E-Busse gibt es bereits, mit Gas betriebene Modelle sind in Planung.

Boru holt weit aus, erzählt von Klimaschutz, zukünftigen Generationen, für die man verantwortlich sei: „Wir müssen die Welt retten“, sagt er. Im Jahr 2027 wird der Weltklimagipfel in Äthiopien ausgerichtet, Hotels- und Konferenzräume werden über Wochen ausgebucht sein. „Wir verfügen über einen Vorteil gegenüber anderen Ländern: Wir haben große Mengen an günstigeren erneuerbaren Energien“, sagt der Staatsminister und nennt neben der Wasserkraft – der Grand Renaissance Staudamm, das größte Wasserkraftwerk in Afrika, wurde im September 2025 eingeweiht – diverse Solar-, Wind- und Geothermieprojekte. „Wir haben keine fossilen Brennstoffe und sind diesbezüglich von Importen abhängig.“ 

Heimischer Strom statt Kraftstoff-Import schont die Devisenreserven

Berhane, der äthiopische Wirtschaftsexperte, meint, dass seine Regierung vor allem ökonomische Interessen verfolgt: „Sie wollen nicht allein die klimaschädlichen CO2-Emissionen reduzieren. Es geht ihnen um die Devisenreserven des Landes.“ Um die Wirtschaft anzukurbeln, bräuchte es dringend mehr ausländische Devisen. Vor allem mit US-Dollar werden wichtige Importgüter gekauft, darunter auch Maschinen, Rohstoffe und andere Produkte für die Industrie. „Aber der Import von Kraftstoffen war einer der größten Posten, der Devisen verschlang“, sagt Berhane. E-Autos wiederum lassen sich mit heimischem Strom versorgen. Deshalb die Politik des Verbrenner-Aus.

Anfangs gab es einiges an Skepsis im Land. „Aber mittlerweile hat der Markt sich daran gewöhnt“, sagt Berhane. In kurzer Zeit sind neue Werkstätten entstanden, die sich ganz auf E-Autos eingestellt haben. Holprige Wege führen zu einer von ihnen in einem wenig glamourösen Vorort von Addis Abeba. Vor allem BYDs stehen im Innenhof verteilt, etwa zwei Drittel, sagt der Leiter der Werkstatt.

Benzin: Zu teuer, selbst für eine Bankerin

Eine der Kundinnen ist Ridet Dagarege. Sie ist Bankerin, aber ein neues E-Auto im gehobenen Segment wäre für sie sehr teuer gewesen. So hat sie einen gebrauchten Stromer der Marke Honda von einem Bekannten gekauft und nun einmal durchchecken lassen. Alles gut so weit. Dagarege macht sich über das Klima Gedanken. Schließlich habe sie Kinder, sagt sie. Aber dies sei nicht ausschlaggebend für den Kauf gewesen: „Die Preise für Kraftstoffe waren der Grund, weshalb ich meinen Benziner ausgetauscht habe. Sie waren in den vergangenen drei, vier Jahren immer weiter gestiegen. Ich kann mir das einfach nicht mehr leisten.“ 

Ende 2025 kam eine Erhöhung der Steuern auf Kraftstoffe um 30 Prozent dazu. Dagarege verdient gut. Sie hat sich den Umstieg zum E-Auto leisten können, zumal es ein gebrauchtes war. Aber sie macht sich Sorgen um Menschen, die nicht ihre finanziellen Mittel haben. „Die Steuererhöhung ist keine gute Idee. Wenn hier in Äthiopien der Ölpreis steigt, werden alle anderen Kosten auch erhöht. Auch die für Nahrungsmittel. Das wird große Auswirkungen auf die Gesellschaft haben“, sagt sie.

Mit teuren Spritpreisen muss sich Ayele Sirga nicht mehr herumschlagen. Er hat mit der App zu kämpfen, mit der er die Ladung seines E-Autos bezahlen möchte. Nach einigem Hin und Her erscheint sein Guthaben in der Anzeige, und er kann die Zahlung tätigen. Während der Ladung macht er es sich in den komfortablen Sitzen bequem und scrollt durch sein Smartphone. Das Auto als Rückzugsort in der turbulenten Großstadt – für die meisten in Äthiopien ist das ein unerreichbarer Luxus. Ganz unabhängig davon, ob es ein E-Auto oder Verbrenner ist.

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erschienen in Ausgabe 2 / 2026: Die dritte Gewalt
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