Dieser Artikel ist zuerst auf Französisch bei Afrique XXI erschienen.
Ein junges Mädchen geht auf einem Deich entlang, auf dem Kopf ein Waschzuber. Hinter ihr zieht ihr kleiner Bruder einen leeren Kanister; er will ihn gleich mit Wasser füllen. Auf der einen Seite des Deichs reihen sich die Zelte der Vertriebenen, auf der anderen erstreckt sich das Wasser bis zum Horizont – seit Jahren zieht es sich nicht mehr zurück. Wir sind in Bentiu im Bezirk Rubkona, mitten im Bundesstaat Unity im Norden des Südsudan.
Das Lager, das mittlerweile zu einer Dauereinrichtung geworden ist, entstand im Dezember 2013 auf dem Gelände der Mission der Vereinten Nationen im Südsudan (UNMISS). Denn 2011, kaum zwei Jahre nach der Unabhängigkeit des jüngsten Staates der Welt, brach eben dort ein Bürgerkrieg aus, der inzwischen über 400.000 Tote und Millionen von Vertriebenen gefordert hat. Tausende Zivilisten haben in der Basis der UNMISS Zuflucht gefunden. Der Südsudan ist bis heute ein fragiler Staat, in dem es kaum öffentliche Dienstleistungen gibt und in dem das Überleben weitgehend von humanitärer Hilfe abhängt.
Heute leben hier in Bentiu über 140.000 Menschen. Ständig kommen Tausende weitere aus dem benachbarten Sudan hinzu, vertrieben vom Krieg, der auch dort seit drei Jahren tobt. Für viele gibt ohnehin es keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren könnten: Anhaltende Überschwemmungen haben seit 2020 die Dörfer und Weideflächen verschlungen, zu denen sie einmal zurückzugehen hofften.
Die Fische im See sind kontaminiert
Nur der Deich trennt das Lager von der überschwemmten Ebene. Aus der Luft sieht das Gebiet, das aus Sicherheitsgründen nur mit dem Flugzeug erreichbar ist, wie eine künstliche Insel aus – in einer Region, die sich in einen See verwandelt hat. Ein Großteil des hiesigen Straßennetzes verschwindet mehrere Monate im Jahr im Wasser. In der Nähe legen einer nach dem anderen mit Fisch beladene Einbäume an. Andere Einbäume werden von schweißtriefenden Männern mit großen Säcken voller kleiner getrockneter Fische befüllt, die für die Märkte der Umgebung bestimmt sind.
Der rund vierzigjährige Simon Gatkuoth hebt eine Schubkarre voller Fische an. Auf seiner breiten Stirn sind die Gaar zu sehen, die traditionellen horizontalen Narben, die ihn als Angehörigen des Volks der Nuer kennzeichnen, der zweitgrößten ethnischen Gruppe des Südsudan. Er kam 2015 hierher, nachdem er in Uganda gelebt hatte. „Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, zu fliehen – immer wieder hinaus und herein in ein neues Heimatland, das wir uns so sehr gewünscht hatten“, berichtet er. Simon sagt, das Gewässer nordwärts sei verschmutzt, die dort gefangenen Fische würden auf dem Markt zu einem niedrigeren Preis verkauft. „Jeder weiß, dass sie kontaminiert sind. Das ist Lueng“, sagt er. „Wenn man sie kocht, riecht die Suppe manchmal nach Penicillin. Aber wir haben keine Wahl. Man muss ja etwas essen.“ In der Sprache der Nuer bezeichnete das Wort Lueng etwas Verfaultes oder Verdorbenes. Heute wird es verwendet, um die Verschmutzung von Wasser und Böden zu beschreiben.
Das Öl bringt mehr als 90 Prozent der Staatseinnahmen
Etwa dreißig Kilometer nördlich liegt das Unity-Ölfeld, eines der wichtigsten im Südsudan. Es wird seit den 1990er Jahren ausgebeutet. Der Ort Bentiu liegt im Block 2, dessen Ölförderung als eine der rentabelsten des Landes gilt. Von dort verläuft die über 1600 Kilometer lange Greater Nile Oil Pipeline bis nach Port Sudan im benachbarten Sudan. Das Öl bringt mehr als 90 Prozent der Staatseinnahmen und macht fast die gesamten nationalen Exporte aus.
Dieses Gebiet gehört zum Sudd, einem der größten Feuchtgebiete der Erde. Hier waren die saisonalen Hochwasser des Weißen Nils in der Vergangenheit Teil eines natürlichen Kreislaufs: Jahr für Jahr kam das Wasser, zog sich wieder zurück und hinterließ fruchtbares Weideland. Seit 2020 ist dieses Gleichgewicht gestört. Die Regenfälle sind intensiver und länger geworden, so dass das Wasser der Erde keinen Platz mehr lässt. Aus der saisonalen Flut ist ein Dauerzustand geworden.
Mehr als eine Million Menschen sind von Überschwemmungen betroffen
Nach Angaben der Vereinten Nationen waren 2025 mehr als eine Million Menschen im Südsudan von Überschwemmungen betroffen. Der Bundesstaat Unity stand zu 70 Prozent unter Wasser, was zu neuen Spannungen zwischen Hirtengemeinschaften führte, die sich um die wenigen noch trockenen Flächen stritten. Es könnte sich um eines der weltweit ersten Beispiele für Bevölkerungsgruppen handeln, die infolge des Klimawandels dauerhaft vertrieben wurden.
Die Fluten sind das Ergebnis einer Kombination von aus dem Oberlauf kommendem Wasser mit extremen Niederschlägen. „Im Jahr 2020 warnten uns die ugandischen Behörden, dass der Pegel des Viktoriasees steige und große Mengen Wasser in den Weißen Nil abgelassen würden“, erklärt die südsudanesische Umweltschützerin Nyamach Hoth Mai. „Aber unser Land hat weder Staudämme noch ein effizientes Wassermanagementsystem.“ Sie fährt fort: „Wir können nicht vorhersagen, wann sich das Wasser wieder zurückziehen wird. Für dieses Jahr wird ein neues El-Niño-Ereignis erwartet. Wenn die Regenfälle wie bisher anhalten, glaube ich nicht, dass diese Gebiete jemals wieder so werden wie früher.“
Das Wasser wird durch das Öl vergiftet, sagen die Menschen
Auch Bentiu ist ständig von Überschwemmungen bedroht. Die Luft ist schwül und feucht. Auf den Straßen sieht man verrostete Autowracks, Strommasten, an denen die Kabel seit Jahren herunterhängen, und verfallene Gebäude. Vor der Unabhängigkeit war Bentiu eine kleine, funktionierende Stadt. Der Bürgerkrieg hat sie in die Knie gezwungen.
Gabriel Mayoi, einer der wenigen verbliebenen Viehzüchter, treibt eine Herde magerer Zebus vor sich her. „Das ist alles, was mir geblieben ist, mein Reichtum“, sagt er. Vor einiger Zeit verlor er etwa zehn Tiere, die Wasser getrunken hatten, das er als „vergiftet“ beschreibt. Die Einwohner sagen, dass die Wasserfluten Ölquellen und unzureichend gesicherte Abwasserrückhaltebecken überschwemmt haben. Die giftigen Substanzen hätten sich verteilt, in Sedimenten abgelagert und seien in den Boden gesickert. Wasser und Nahrung könnten giftig sein.
„Viele Tiere sterben an den Folgen dieser Verschmutzung, dieses berühmten Lueng. Auch viele Menschen leiden unter Symptomen, die sie darauf zurückführen. All das ist sichtbar. Aber wir haben noch keine ausreichenden Beweise oder epidemiologischen Studien, um es zu belegen“, erklärt der Forscher Marko Gatkuoth. Er stammt aus der Region und untersucht das Phänomen seit mehreren Jahren. Im vergangenen Jahr hat er die ersten Ergebnisse in einer Studie für das Rift Valley Institute veröffentlicht. „Die Lebensbedingungen meines Volkes sind wirklich katastrophal“, sagt er.
Besorgniserregende Blei- und Bariumwerte in Wasser und Haaren
Mehrere Studien und unabhängige Analysen bestätigen den Grund zur Sorge. 2020 veröffentlichte die deutsche Organisation Hoffnungszeichen einen Bericht, der auf der Grundlage von Wasser- und Haarproben besorgniserregende Blei- und Bariumwerte im Bundesstaat Unity aufzeigte. Sie schätzte, dass dem etwa 600.000 Menschen ausgesetzt sein könnten. Kurz darauf wurde die Organisation des Landes verwiesen, und es wurde keine größere unabhängige Umweltuntersuchung mehr durchgeführt.
In Bentiu ist es nicht schwer, mutmaßliche Opfer dieser Verschmutzungen zu finden. Das Krankenhaus ist ein kleiner Komplex aus niedrigen Gebäuden mit verblassten gelben Wänden und Blechdächern. Sie stehen leicht erhöht auf Betonpfeilern, um vor dem Jahr für Jahr weiter vordringenden Wasser geschützt zu sein. Patienten warten auf provisorische Betten unter Bäumen.
Fehlbildungen bei Neugeborenen
Innen sitzt im Halbdunkel der Entbindungsstation eine junge Mutter auf einem Metallbett, ihr Baby fest an sich gedrückt. Die 19-jährige Nyapuka Nios kommt aus Rotriak im Bezirk Budang. Vor einigen Tagen hat sie auf dem Weg zum Krankenhaus ihr Kind am Straßenrand zur Welt gebracht. Das Neugeborene hat sichtbare Fehlbildungen an den Händen und der Oberlippe. „Ich habe Angst, dass es nicht überleben wird“, flüstert sie. Dann senkt sie den Blick: „Es ist Gottes Wille. Gott hat ihn mir so geschenkt.“
Laut dem Pflegepersonal wurden in den letzten Monaten Dutzende ähnlicher Fälle beobachtet und mehr als hundert aus verschiedenen Orten des Unity State in den vergangenen Jahren. Einige der beunruhigendsten Fälle kommen laut dem medizinischen Personal aus Gebieten nahe der Ölförderanlagen.
Dorgan Patai, der Leiter des Gesundheitswesens im Bezirk Rubkona, bestätigt das anhand einer Karte der Gebiete um Budang, wo Rotriak liegt. „Seit den Überschwemmungen im Jahr 2020 beobachten wir mehr Fehlgeburten und mehr Kinder, die mit Missbildungen zur Welt kommen“, erklärt er. In den letzten Jahren hätten auch die Fälle von chronischem Durchfall und hartnäckigen Hautinfektionen zugenommen. „Wenn diese Kontamination andauert, befürchten wir langfristige Folgen, insbesondere einen Anstieg von Unfruchtbarkeit und Krebserkrankungen. Umfangreiche Untersuchungen wären erforderlich.“
Chinesische und indische Investoren dominieren die Ölförderung
Die Straße B58 nordwärts nach Rotriak, kaum mehr als ein Damm aus gestampftem Erdreich, verschwindet in der Regenzeit monatelang unter Wasser. Am Eingang der Piste durch das riesige Unity-Ölfeld senkt ein bewaffneter Soldat ein zwischen zwei Pfosten gespanntes Seil und lässt das Fahrzeug passieren. Das Gebiet ist eines der am stärksten militarisierten des Landes. Es ist flach, trocken und karg mit einigen verkümmerten Bäumen.
Nach und nach tauchen Ölförderanlagen auf: große Metalltanks, Bohrlöcher, aus denen Leitungen ragen, Container, Tanklastwagen und Stacheldrahtzäune. Ölpipelines verlaufen neben der Piste. In der Nähe der Anlagen wurden riesige Auffangbecken für die Produktionsrückstände gegraben. Weiße Schilder mit dem Kürzel GPOC für Greater Pioneer Operating Company kennzeichnen die Betriebsbereiche und die Nummern der Bohrlöcher. Das Konsortium GPOC kontrolliert die Ölförderung im Unity State; es wird von chinesischen und indischen Investoren dominiert, die südsudanesische staatliche Nilepet hält einen Anteil von fünf Prozent.
Während des Bürgerkriegs kamen viele Menschen nach Unity
Etwa zehn Kilometer führt die Straße an Dutzenden Bohrlöchern vorbei, von denen viele weder eingezäunt noch vor Überschwemmungen geschützt sind. Dann tauchen die ersten Behausungen aus Plastik und Blech auf. Kleine Kioske verkaufen Zigaretten und Artikel des täglichen Bedarfs; mit Holzkohle beladene Motorräder wirbeln Staubwolken auf.
Während des Bürgerkriegs von 2013 bis 2018 suchten Tausende Menschen einen relativ sicheren Ort und fanden ihn mitten im Unity-Ölfeld, das streng vom hier tätigen Ölkonzern kontrolliert wird. So wuchs Rotriak innerhalb weniger Jahre von fast nichts zu einer Ortschaft mit mehr als 30.000 Einwohnern. Nach den beispiellosen Überschwemmungen verstärkte sich der Zustrom weiter, weil sowohl Menschen, die vor den Fluten flohen, als auch Vertriebene aus dem Krieg im benachbarten Sudan herkamen.
Die Menschen werden krank von dem Wasser, das sie trinken
Ölpipelines ragen aus dem Boden, Kinder spielen zwischen den verrosteten Rohren. In einer Senke, in der dunkles Wasser steht, waschen Frauen ihre Wäsche. Früher diente sie als Auffangbecken für das Abwasser aus der Ölförderung. Nicht weit entfernt steht ein aufgegebener Brunnen offen und ungeschützt da.
Anna Nyashing Bul hat sich gerade mit ihrer Tochter für die Messe fertiggemacht: grün-weißes Kleid, Ohrringe, Armbänder und ein Rosenkranz aus weißen Perlen um den Hals. Die große, schlanke Frau lebt hier mit ihren fünf Kindern, ihrem behinderten Ehemann und mehreren Verwandten, die Waisen sind. Fünfzehn Menschen teilen sich zwei Hütten. „Wir sind hierhergekommen, weil dies der einzige Ort war, der noch trocken war“, erzählt sie. Vor den Überschwemmungen bewirtschaftete sie Land in ihrem Dorf.
„Wir wussten nicht, dass dieser Ort verschmutzt war“, sagt sie. Jeden Morgen sammelt sie mit anderen Frauen Seerosen aus dem Wasser und Wurzeln aus nahegelegenen Gebüschen, um die Kinder zu ernähren. Das Wasser, das sie verwenden, ist nicht aufbereitet. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen“, sagt sie und zeigt auf ein Gebiet ganz in der Nähe. „Auf der Oberfläche lag ein schwarzer Film. Aber wir hatten nichts anderes zu trinken.“ Nachdem sie dieses Wasser getrunken hatten, waren sie und ihre Tochter mehrere Tage krank.
Auch die Ölförderanlagen wurden überflutet
Die Organisation PAX for Peace hat 2023 gezeigt, dass im Ölblock Nr. 2, der Bentiu und Rubkona umfasst, 159 Ölquellen 2021 überflutet wurden, etwa zwei Fünftel der Förderinfrastruktur. Für diese Untersuchung hat PlaceMarks über 400 Ölbohrlöcher im Bundesstaat Unity kartiert und über 50 identifiziert, die seit den Überschwemmungen von 2021 überflutet waren. Die meisten davon stehen noch heute unter Wasser. Und ein Großteil der Ölförderanlagen im Unity State war schon vor den großen Überschwemmungen veraltet und nicht dafür ausgelegt, längere Zeit unter Wasser zu stehen. Beschädigte Rohrleitungen, offene Auffangbecken, häufige Leckagen, Bohrlochbrände und Ölaustritte sind gemeldet worden.
„Der Krieg hat nicht nur die Infrastruktur beschädigt. Er hat auch unabhängige Kontrollen und systematische Sanierungsmaßnahmen verhindert“, erklärt der Forscher Bul Duot Kuer, der 2026 zwei Studien zur Schadstoffbelastung veröffentlicht hat. In den Flüssen Nahm und Abuk bei Bentiu und Rotriak hat er anhaltende Überschreitungen der gesundheitlich unbedenklichen Werte festgestellt – bei Kohlenwasserstoffen etwa um mehr als das Fünffache des empfohlenen Grenzwerts. „Am stärksten ist das Wasser verschmutzt“, betont Kuer. „Die Regierung und die Ölkonzerne kümmern sich nicht um die Gesundheit der Bevölkerung.“
„Niemand zählt die Toten“
Im Vertriebenenlager von Bentiu erklärt Kuon Duop, der Vertreter der Gemeinschaft, dass nicht erst seit gestern Alarm geschlagen wird. „Wir haben die Probleme von Umweltverschmutzung und Krankheiten immer wieder den Vereinten Nationen gemeldet. Die haben die Informationen an die Regierung weitergeleitet. Aber es gab nie eine Reaktion“, sagt er. „Es gibt keine Krankenwagen, keine medizinische Versorgung. Niemand zählt diese Toten.“
Vertreter der UN und von Gesundheitsorganisationen bestätigen, dass die Klagen seit Jahren bekannt sind. Vor kurzem hätten Datenerhebungen zu Geburten mit Fehlbildungen begonnen, die seien ein „besorgniserregendes Muster“. Doch ohne klares Mandat der Regierung bleiben die Interventionsmöglichkeiten begrenzt. Mehrere Quellen erklären zudem, dass die Präsenz internationaler Organisationen in der Region politisch heikel ist und sie wiederholt unter Druck geraten.
Auch einige südsudanesische Politiker versuchen seit langem, auf die Situation aufmerksam zu machen. In ihrem Haus in Juba erklärt die Abgeordnete Ayen Mijok Kiir, sie habe bereits 2012 Parlamentsanträge dazu eingereicht. „Ich habe Präsident Salva Kiir Fotos von Neugeborenen mit Missbildungen gezeigt. Er sagte mir, es werde etwas unternommen. Bis heute hat sich nichts geändert“, erklärt sie.
Korruption und Klientelismus sind im Südsudan tief verwurzelt
2019 wurde auf Druck des Parlaments eine Umweltprüfung in den Ölfördergebieten eingeleitet. Der Bericht wurde jedoch nie veröffentlicht, „genauso wenig wie der Anteil der Öleinnahmen, der eigentlich für die Entwicklung der Region vorgesehen war“, sagt ein Politiker aus dem Bezirk Koch im Bundesstaat Unity am Telefon. Aus Angst vor möglichen Repressalien will er anonym bleiben. Das Gesetz sieht vor, dass zwei Prozent der Öleinnahmen an die Förderstaaten abgeführt werden und dort das Gesundheitswesen, das Bildungswesen und Maßnahmen zur Begrenzung der Umweltfolgen der Ölförderung finanzieren. Laut einem Bericht des Sudd Institute, eines unabhängigen südsudanesischen Forschungszentrums, von 2018 waren den Ölförderregionen bereits mindestens 305 Millionen US-Dollar vorenthalten worden.
Das überrascht kaum in einem Land, in dem Klientelismus und Korruption tief verwurzelt sind. Ein Bericht der UN-Menschenrechtskommission für den Südsudan vom September dokumentiert das Ausmaß der systemischen, institutionalisierten Korruption und die Plünderung nationaler Ressourcen durch die politisch-militärischen Eliten, die seit der Unabhängigkeit 2011 an der Macht sind. So seien von 2021 bis 2024 unter dem Programm „Oil for Roads“ 2,2 Milliarden US-Dollar zugunsten regierungsnaher Netzwerke veruntreut worden, während der Großteil der versprochenen Straßen nie gebaut wurde.
„Das Öl tötet unsere Kühe und macht unsere Kinder krank“
Die Ölförderung hat kürzlich 170.000 Barrel pro Tag überschritten und damit wieder einen Höchststand erreicht. Aber niemand scheint Verantwortung für die Umwelt- und Gesundheitsfolgen in den Fördergebieten zu übernehmen. Die GPOC hat auf Anfragen nach einer Stellungnahme nicht reagiert.
Der 73-jährige Samuel Gadit Biel sitzt auf einem Hocker im Halbdunkel seines Hauses in Rubkona und spricht langsam. Er gilt als einer der angesehensten Ältesten unter den Vertriebenen der Gemeinde. Für einen Moment leuchten seine Augen, als er von der Zeit erzählt, da er fast zweihundert Stück Vieh besaß. „Unser Reichtum waren die Kühe. Wir kannten nicht einmal Geld“, sagt er mit einem flüchtigen Lächeln. Seitdem sind die Herden verschwunden und mit ihnen die Welt, zu der sie gehörten. Als das Öl entdeckt wurde, hofften Samuel und seine Familie auf etwas Neues: Schulen, Gesundheitszentren, Trinkwasser und eine bessere Zukunft für ihre Kinder. „Nichts davon ist eingetreten. Das Öl hat uns nichts gebracht. Es tötet unsere Kühe und macht unsere Kinder krank.“
Aus dem Französischen von Bernd Ludermann.
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