Träume und Traumata in Indiens Coaching-Stadt

epd-bild/Antje Stiebitz
Die Jugendlichen und ihre Familien nehmen für die Aufstiegsversprechen viel in Kauf: Rund 1500 Jugendliche werden im Januar 2026 bei der Einführungsveranstaltung des Coaching-Zentrums Motion in Kota (Indien) auf das Lernen eingeschworen.
Bildung
Im indischen Kota hat sich eine millionenschwere Bildungsindustrie etabliert, die Hunderttausende Jugendliche für die Aufnahmetests der Elite-Universitäten vorbereitet. Viele Studierende leiden unter dem Konkurrenzkampf und Erfolgsdruck - nicht erst seit der sogenannten Cockroach-Bewegung, die sich gegen geleakte Prüfungsergebnisse und Korruption stellt.

Kota - „Sollten meine Eltern jemals Tränen in den Augen haben, wird das nicht aus Kummer, sondern wegen meines Erfolgs sein. Das gelobe ich!“ Mit diesen Worten schwört das Coaching-Zentrum Motion in Indien rund 1.500 Jugendliche auf das Lernen ein. Die Jugendlichen sitzen in Reih und Glied auf Plastikstühlen. Alle tragen ein rotes Sweatshirt und ihre Blicke hängen an Lippen des Geschäftsführers Nitin Vijay, ehrfürchtig „NV-Sir“ genannt.
Der zugleich empathische und unerbittliche Nitin Vijay erklärt: „Wir können den Schülern die Herausforderungen des realen Lebens nicht verheimlichen.“ Gutes Coaching, betont er, vermittle kein reines Faktenwissen, sondern vor allem die Fähigkeit zu lebenslangem Lernen.

Hohe Gebühren

Die Stadt Kota im indischen Bundesstaat Rajasthan liegt rund fünf Zugstunden südwestlich der Hauptstadt Delhi. Sie gilt in ganz Indien als „Hauptstadt des Coachings“. Was vor vier Jahrzehnten als private Nachhilfe mit einigen Schülern begann, hat sich zu einer Ausbildungsindustrie entwickelt. Rund 150 Coaching-Zentren erwirtschaften im Jahr umgerechnet geschätzte 350 bis 600 Millionen Euro. Großinstitute wie Allen, Akash, Motion, Vibrant oder Bansal dominieren den Markt. Ihr Ziel: Die Jugendlichen möglichst schnell durch die harten Aufnahmetests der Elite-Universitäten für Technik (IIT) und Medizin (NEET) zu schleusen.

In den Klassenräumen des Bansal-Coaching-Zentrums sitzen 16-Jährige an Holzpulten, nach Geschlecht getrennt. Einer von ihnen ist Kashif Ali Ansari, der aus dem 1.000 Kilometer entfernten Ranchi angereist ist. „Die Unterrichtserfahrung der Lehrer und der Lehrstoff in Kota ist einmalig. Das gibt es sonst nirgends in Indien“, sagt er. Der Student weiß, wovon er spricht: Er hat andere Coaching-Zentren ausprobiert, bevor er nach Kota kam.

Obwohl es keine offiziellen Zahlen gibt, wird geschätzt, dass 25 bis 33 Prozent der hiesigen Prüflinge die Tests bestehen. Für die Eltern ist das Grund genug, Geld zu investieren. Ein Jahr Coaching kostet umgerechnet zwischen 700 und 2.000 Euro. Hinzu kommen bis zu 1.650 Euro für die Unterkunft. Nicht selten verkaufen Familien dafür ihr Land oder nehmen Kredite auf.

Erfolgsdruck und Konkurrenzkamp

Der finanzielle Einsatz der Eltern entwickelt sich für die Jugendlichen oft zu einer psychologischen Last, dazu kommen Konkurrenzkampf und Erfolgsdruck. Verschärft wird die Dynamik durch ein Einstufungssystem: Wer in Tests versagt, rutscht von der A-Kategorie in schlechtere Gruppen ab, kann sich aber durch gute Resultate wieder nach oben arbeiten.

Wie groß der Druck auf den jungen Menschen lastet, hat jüngst auch der Aufstand der sogenannten Cockroach-Bewegung gezeigt. Hintergrund waren geleakte Prüfungsergebnisse für die Aufnahme an medizinischen Elite-Hochschulen, wodurch 2,2 Millionen Anwärter gezwungen waren, ihre Prüfungen zu wiederholen.

Amit Jain, der seit zwei Jahrzehnten Chemie in Kota unterrichtet, weiß um die Nöte der Studierenden: „Erwartungen und Vergleiche sind ein langsames Gift, das der eigenen Persönlichkeit schadet.“ Er rät den jungen Menschen dazu, sich nicht mit anderen zu vergleichen. Doch die zunehmende Kommerzialisierung führe dazu, dass die Klassengrößen zunehmen und damit auch die Konkurrenz, beklagt der Pädagoge.

Der Ruf von Kota ist angekratzt

Zu Kotas besten Zeiten haben sich im Jahr 250.000 Studierende eingeschrieben. Doch seit 2022 brachen die Zahlen um 30 bis 40 Prozent ein. Studierende entscheiden sich zunehmend für Online-Unterricht, zudem eröffneten viele Coaching-Institute Filialen in anderen indischen Städten. Und: immer wieder kommt es zu Suiziden unter den jungen Menschen, 58 in den vergangenen drei Jahren. Der Ruf Kotas ist dadurch angekratzt.

Die Stadt versucht, sich an die Bedürfnisse der Studierenden anzupassen, möchte ihre Sicherheit gewährleisten. Naveen Mittal vom Kotaer Wohnheim-Verband verweist auf Kontrollmaßnahmen: Verlasse ein Jugendlicher das Wohnheim, werde das biometrisch registriert. Die Eltern würden sofort auf dem Smartphone informiert. Zudem soll speziell geschultes Personal gestresste Studierende erkennen und ihnen Hilfe anbieten.

Für viele Eltern bleibt die Bildungsmaschinerie trotz der Probleme alternativlos. Denn reguläre Schulen können die schweren Prüfungsfragen nicht abdecken. Die Orientierungsveranstaltung im Motion-Institut zeigt, dass es an Nachwuchs nicht fehlt. Auf den Gesichtern der Neuankömmlinge spiegelt sich Freude, denn eins wissen alle: Wer Kota erfolgreich übersteht, dem winkt eine glänzende Zukunft.

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