Zum Schutz vor Stürmen werden vor der Küste der indonesischen Hauptstadt Jakarta Mangroven gepflanzt.

„Die Lebensgrundlagen auf Gottes Erde erhalten“

Die ACT Alliance hilft Menschen im globalen Süden, ihre Widerstandskraft gegenüber den Folgen der Erderwärmung zu erhöhen. Generalsekretär John Nduna erklärt, warum in Sambia das Leben in den vergangenen Jahrzehnten härter geworden ist und weshalb die Energiewende in Deutschland gar nicht schnell genug gehen kann.

Der Sambier John Nduna ist Generalsekretär der ACT Alliance, eines Zusammenschlusses von mehr als 160 kirchlichen Hilfswerken mit Sitz in Genf. Der Verbund leistet Not- und Entwicklungshilfe weltweit. Deutsche Mitglieder sind die Diakonie Katastrophenhilfe und „Brot für die Welt“.Marc Engelhardt

Anfang November haben wir live im Fernsehen miterlebt, wie der Sturm Sandy weite Teile New Yorks und der umliegenden US-Ostküste lahmgelegt hat. Was haben Sie gedacht, als sie die Bilder gesehen haben?


Ich war sehr wütend. Natürlich ist tragisch, was in New York passiert ist: die Zerstörungen, die Toten. Aber der gleiche Sturm hat vorher weite Teile Kubas und Haitis verwüstet, auch dort kamen viele Menschen ums Leben – und davon war in den Medien kaum irgendwo die Rede. Da wird mit zweierlei Maß gemessen, obwohl die Folgen des Klimawandels vor allem Länder im globalen Süden treffen.

Welche Folgen des Klimawandels sind auf der Südhalbkugel heute schon sichtbar?

Die Folgen sind massiv. Nehmen wir Afrika: Wir beobachten Dürren, wo es vorher keine gab. Das Wetter ist so unberechenbar geworden, dass die Produktion von Nahrungsmitteln zum Riesenproblem geworden ist. Viele Menschen können sich wegen der gestiegenen Preise schlicht kein Essen mehr leisten. Wenn ich meinem Vater zuhöre, der mittlerweile 94 Jahre alt ist, wird mir immer wieder bewusst, wie sehr das Leben in Afrika sich verändert hat. Er war immer in der Lage, seine Familie zu ernähren und auf den Feldern genug Überschuss zu erwirtschaften, um uns Kindern eine gute Schulbildung zu ermöglichen. Das, sagt er, wäre heute unmöglich. Und ich sehe bei meinen Besuchen zu Hause auch selbst, dass Flüsse, in denen ich als Jugendlicher geschwommen bin, versiegt sind. Das Überleben in Afrika ist auf drastische Weise schwieriger geworden. Und das gilt überall im globalen Süden.

Wie kann diese Situation verbessert werden?

Wir brauchen Anpassungsmaßnahmen, die die Folgen des Klimawandels auffangen und damit das Leben der Menschen in den armen Ländern verbessern. Einer der wichtigsten Schritte ist es, die Risiken von Naturkatastrophen zu vermindern und ihre Folgen abzumildern. Dazu gehören Mangroven, die unsere Partner auf den Inseln Ozeaniens pflanzen, ebenso wie moderne technologische Lösungen. Die Widerstandskraft der Menschen in den Entwicklungsländern muss erhöht werden, damit ein Naturereignis nicht zwangsläufig in einer Katastrophe endet.

Dafür wird Geld benötigt. Woher soll das kommen?

Für mich ist klar, dass die Industrieländer, die den Klimawandel zu verantworten haben, für die Kosten aufkommen müssen. Sie müssen die Technologie liefern und die nötigen Maßnahmen finanzieren.

Mit welcher Summe kalkulieren Sie da?

Es gibt Industrieländer, die halten schon eine Milliarde US-Dollar für zu viel. Aber denen muss klar sein, dass die Kosten zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels in, sagen wir, zehn Jahren deutlich höher sein werden als heute. Ich halte eine Summe von 100 Milliarden US-Dollar bis 2020 für eine realistische Größe, um ein Adaptionsprogramm im globalen Süden durchzuführen.

Halten Sie es für wahrscheinlich, dass eine solche Summe beim Klimagipfel Anfang Dezember in Doha bereitgestellt wird?

Ich hoffe sehr, dass der in Durban gestartete Grüne Klimafonds mit ausreichenden Mitteln ausgestattet wird. Im Moment haben wir nur eine Hülle ohne Geld, das kann nicht so bleiben. Die Entwicklungsländer kommen nicht als Bettler nach Doha, es geht ihnen darum, das einzufordern, was dem globalen Süden rechtmäßig zusteht.

Was können die Kirchen tun, um den Opfern des Klimawandels zu helfen?

Die Kirchen im globalen Norden rufe ich dazu auf, mit ihren Regierungen noch deutlichere Worte zu sprechen als bisher. Gleichzeitig können die Kirchen ihren großen Einfluss nutzen, um die Forderung nach Hilfen für die Klimaopfer im globalen Süden in die Gemeinden, in die Haushalte zu tragen. Eine Möglichkeit wäre, verstärkt Klimazeugen aus dem Süden in den Norden zu holen, damit das existenzielle Ausmaß des Problems klar wird. Ich habe das einmal in Berlin erlebt. Dort hat bei einer Veranstaltung eine alte Kenianerin mit eigenen Worten beschrieben, wie sich ihr Leben durch den Klimawandel verändert hat. Das hat alle Anwesenden sehr beeindruckt. Und ja, die Kirchen im Norden können auch helfen, mehr Ressourcen für Anpassungsmaßnahmen im Süden zu sammeln.

Und was können die Kirchen im globalen Süden beitragen?

In Afrika sagt man: am Ende jedes Weges steht eine Kirche. Die Kirchen stehen mitten in der Gesellschaft, und ihre Rolle müssen sie dazu nutzen, um Anpassungsprogramme anzuführen, die das Leben der Menschen verbessern. Es reicht nicht aus, Gottes Wort zu predigen - unsere Aufgabe ist es auch, dafür zu sorgen, dass die Lebensgrundlagen auf Gottes Erde erhalten bleiben.

Tun die Kirchen denn insgesamt genug?

Man darf nie zufrieden sein. Natürlich gibt es auch viele andere Probleme, um die die Kirchen sich kümmern müssen. Aber der Klimawandel berührt die Lebensgrundlagen: Nahrung, Wasser, Unterkunft. Als die ACT Alliance 2010 in Arusha ihre erste Vollversammlung abgehalten hat, war das Urteil ganz eindeutig: Es gibt viele Themen, derer wir uns annehmen müssen, aber Klimawandel ist das Thema Nummer eins.

Wie geht denn das mit dem Wunsch nach mehr Entwicklung zusammen?

Natürlich sorgt die Globalisierung dafür, dass grüne Technologie heute kurz nach ihrer Einführung auch in armen Ländern verfügbar ist. Aber nicht alle diese Techniken sind auf die Bedingungen in Entwicklungsländern ausgelegt. Ich glaube deshalb nicht daran, dass die Länder im globalen Süden bestimmte Entwicklungsstufen überspringen können. Wenn man sich arme Länder wie Tansania oder Sambia ansieht, ist mir unklar, woher das Potenzial dafür kommen soll. Solche Länder brauchen für ihre Entwicklung dringend Industrie. Die Entwicklungsländer müssen Schritt für Schritt ihre eigene Entwicklung vollziehen, bis sie sagen können: In unseren Ländern sind allen Menschen zumindest die grundlegenden Menschenrechte auf Nahrung, Wasser, Unterbringung garantiert.

Und wie soll dann eine Senkung der Treibhausgasemissionen erreicht werden?

Indem die Menschen in den Industrieländern ihren Lebensstandard senken, anders wird es nicht gehen. Ich weiß, das ist keine einfache Botschaft, aber eine, bei deren Übermittlung die Kirchen gerade deshalb eine wichtige Rolle spielen können.

In Deutschland wird darüber diskutiert, ob die klimaneutralen erneuerbaren Energien womöglich zu schnell eingeführt werden, wegen der damit verbundenen Kosten.

Aber das kann doch gar nicht schnell genug geschehen! Schließlich ist es ein weiter Weg zur Verringerung der Treibhausgasemissionen. Auf gar keinen Fall sollte man langsamer machen, im Gegenteil, alle anderen Länder sollten Deutschlands Beispiel folgen. Natürlich muss man dabei beachten, dass die Armen nicht auf der Strecke bleiben – das gilt im Norden wie im Süden.

Das Gespräch führte Marc Engelhardt.

erschienen in Ausgabe 12 / 2012: Leben mit dem Klimawandel

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