Die Lust auf Liebesromane

Nigeria hat eine lange Lese- und Literaturtradition und kann sich mit mehreren renommierten Schriftstellern schmücken. Trotzdem werden im Land selbst kaum Bücher von einheimischen Autoren herausgegeben. Der Verlag Cassava Republic will das ändern. Das ist nicht leicht, aber die Verleger lassen sich von den Hindernissen nicht abschrecken.

Chinelo Onwualu hat es sich auf einem großen, hellbraunen Sofa bequem gemacht. Auf ihren Knien liegt in violettem Einband der Roman „InDependence“ von Sarah Ladipo Manyika. Hinter dem Titel versteckt sich ein Wortspiel, das die Geschichte um die beiden Hauptpersonen Tayo und Vanessa wohl nicht besser beschreiben könnte. Sie beginnt kurz nach der Unabhängigkeit Nigerias im Jahr 1960, als im Land Aufbruchsstimmung herrschte, als der Hunger nach Bildung groß war und die Nigerianer auf der Suche nach der eigenen Identität waren. Gleichzeitig ist das Buch ein Roman über die Abhängigkeit zweier Menschen voneinander, die sich lieben und doch nicht zueinander finden.

Autorin

Katrin Gänsler

ist freie Journalistin in Westafrika. Sie lebt in Lagos und Cotonou und berichtet für deutschsprachige Tageszeitungen, Magazine und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Der Roman ist bereits 2008 in England erschienen, aber erst seit kurzem in Nigeria erhältlich. Chinelo Onwualu ist sichtlich stolz darauf. Denn sie und ihre Kollegen vom Verlag Cassava Republic haben die Rechte für „InDependence“ gekauft. Für die 30-Jährige, die seit knapp einem Jahr als Lektorin bei dem Verlag arbeitet, gehört das Buch zu den großen Entdeckungen der vergangenen Jahre. Es unterscheidet sich von den üblichen Romanen aus und vor allem über Afrika. „Schriftsteller, die außerhalb Afrikas erfolgreich sein wollen, müssen ein ganz bestimmtes Bild bedienen“, sagt Chinelo Onwualu, die einige Jahre in den USA gelebt und dort studiert hat. Und das besteht oft aus Kriegen, Krankheiten und gerade in Nigeria auch aus Korruption. Alltagserlebnisse oder Liebesgeschichten hatten bislang so gut wie keinen Platz in der afrikanischen Literatur.

Afrikanische Perspektive

Das will der kleine Verlag ändern, der mit fünf fest angestellten Mitarbeitern seinen Firmensitz in der Hauptstadt Abuja hat. „Wir planen eine neue Reihe, in der es sich um Liebe und Beziehung dreht“, verrät die Lektorin. Im Mittelpunkt stehen nigerianische Charaktere, die nicht abgedreht, kitschig oder überzeichnet sind, sondern zu Identifikationsfiguren in ihrer Heimat werden sollen. „Wir wollen unsere Geschichten auf unsere Art und Weise erzählen und nicht aus europäischer Perspektive.“ Chinelo Onwualu ist überzeugt, dass die Serie ein Erfolg wird: „Der Hunger auf Populärliteratur ist riesengroß.“ In den vergangenen fünf Jahren hat der Verlag 33 Bücher verlegt. Neben einer selbst aufgelegten Kinderbuchreihe der Autorin Fatima Akilu versuchen die Mitarbeiter Rechte für bereits veröffentlichte Romane und Kurzgeschichtensammlungen von Autoren aus anderen afrikanischen Ländern zu kaufen, damit diese in Nigeria erscheinen können. Besonders beliebt sind aber die Werke einheimischer Schriftsteller, die den dritten Schwerpunkt von Cassava Republic bilden.

Steigende Auflagen zeigen, dass die Nachfrage vorhanden ist. Häufig, so die Lektorin, sei die Erstauflage mit 3000 bis 5000 Exemplaren schnell vergriffen. Eine Zweit- oder sogar Drittauflage innerhalb weniger Monate sei nicht ungewöhnlich. Dazu trägt sowohl die enorme Leselust als auch der relativ niedrige Preis bei. Die Bücher kosten zwischen 1000 und 1600 Naira – umgerechnet zwischen fünf und acht Euro. In einem Land, in dem laut der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef fast zwei Drittel der Bevölkerung von weniger als einem Euro täglich leben muss, ist das für die Mehrheit der Bevölkerung zwar unerschwinglich. Dazu kommt die hohe Zahl der Analphabeten: Schätzungen zufolge können bis zu 30 Prozent der 150 Millionen Einwohner nicht lesen und schreiben. Doch andererseits hat Nigeria auch eine gut ausgebildete Mittelschicht und zahlungskräftige Kunden. Außerdem sind die in Afrikas Riesenstaat gedruckten Romane häufig noch günstiger als zerfledderte Second-Hand-Bücher, die aus den USA oder Großbritannien ins Land gebracht werden.

Vor knapp fünf Jahren haben die Nigerianerin Bibi Bakare-Yusuf und ihr Partner Jeremy Weate Cassava Republic gegründet. Bibi Bakare-Yusuf war 2003 aus Großbritannien zurückgekommen, um in ihrer Heimat als Hochschuldozentin zu arbeiten. Hier stellte sie fest, dass die Bücher vieler nigerianischer Autoren nur im Ausland erhältlich sind. „Ich wollte wenigstens, dass meine Studenten sie hier kaufen und lesen können.“ Ein Unternehmen wollte sie aber auf keinen Fall aufbauen. Ein Verlag, der fast ausschließlich Romane herausgibt? Alle winkten ab und sagten: „Das funktioniert nie.“ Doch ihr blieb keine Wahl.

Riskantes Geschäft

Bibi Bakare-Yusuf und Jeremy Weate hatten weder als Verleger Erfahrung noch als Unternehmer. Doch sie hatten einen Traum: erschwingliche Bücher von Afrikanern für Afrikaner. „Wir haben uns alles im Internet angelesen und begonnen“, erinnert sich Bibi Bakare-Yusuf. Ein finanziell riskantes Unterfangen, weshalb die Verlegerin auch heute noch vorsichtig mit Zahlen und Prognosen ist. Denn noch ist der Verlag winzig, als Büro und Lagerraum dienen zwei Zimmer in ihrem Wohnhaus. Ob sie jemals wirtschaftlich erfolgreich sein werden, mag sie nicht einschätzen.

Trotzdem hatte die Verlegerin vor zwei Jahren zum ersten Mal das gute Gefühl: Wir haben es geschafft. Damals musste sie mit einer Freundin zur Polizei und wurde, wie so oft auf nigerianischen Wachen, nicht besonders freundlich behandelt. Bis ihre Freundin die Polizisten fragte, ob sie überhaupt wüssten, mit wem sie es zu tun hätten. Ihr selbst war die Situation eher peinlich. „Und mal ehrlich: Nigerianische Polizisten und Bücher? Das passt doch nicht zusammen“, sagt sie und kichert. Doch als der Name Cassava Republic fiel, horchten die Polizisten auf. „Ihr habt Helon Habila nach Nigeria gebracht“, sagte der Leiter der Polizeistation. Und er berichtete, wie er gemeinsam mit Kollegen bei einer Lesung des Schriftstellers war. Helon Habila gehört zu den nigerianischen Autoren, deren Bücher nur dank Cassava Republic in ihrer Heimat verkauft werden.

Nigeria hat eine lange Lese- und Literaturtradition. Weltweit bekannt wurden ab den frühen 1960er Jahren Chinua Achebe und Wole Soyinka, der 1986 als erster Afrikaner den Literaturnobelpreis erhielt. Danach ist die höchste Auszeichnung für Schriftsteller nur noch zweimal nach Afrika gegangen, 1991 an Nadine Gordimer und 2003 an J.M. Coetzee. Beide stammen aus Südafrika.

Die Autoren, die kurz nach der Unabhängigkeit anfingen, ihre Romane, Kurzgeschichten und Gedichte zu veröffentlichen, hatten allerdings einen entscheidenden Vorteil gegenüber ihren Kollegen heute. Denn zeitgleich entstand in Nigeria eine große Verlagsszene. Davon ist heute nichts mehr übrig geblieben. Die meisten Häuser mussten während der Wirtschaftskrise in den 1980er Jahren schließen und haben nie wieder einen Neustart versucht. Nur wer heute Schulbücher herausgibt, kann mit einem einigermaßen stabilen Umsatz rechnen.

Ein weiteres Problem ist die Vertriebsstruktur. Mit wenigen Ausnahmen in der Wirtschaftsmetropole Lagos und der Hauptstadt Abuja gibt es so gut wie keine Buchhandlungen. Und die „Christian Bookshops“ – die christlichen Buchhandlungen – in den Kirchen haben vor allem Bibeln und die Broschüren ihrer jeweiligen Prediger im Angebot. Vor den unzähligen Moscheen im Land gibt es im Gegenzug den Koran und Heftchen mit dem Titel „Wie werde ich ein guter Muslim?“ zu kaufen.

Deshalb beobachtet Bibi Bakare-Yusuf genau, was sich auf dem Markt für elektronische Bücher tut. „In Nigeria hat zwar längst nicht jeder einen Computer. Aber sehr viele Menschen besitzen Handys.“ Doch ein einfaches Modell, das nur zum Telefonieren taugt, reicht häufig nicht mehr. Wer es sich leisten kann, kauft ein Smartphone, das sich immer stärker zu einem Mini-Laptop entwickelt. Und das könnte sich auch gut als elektronisches Mini-Buch nutzen lassen. „Für lange Romane ist das sicherlich nicht geeignet, für Kurzgeschichten aber sehr wohl“, meint Bibi Bakare-Yusuf und denkt schon über ihre nächste Geschäftsidee nach.

erschienen in Ausgabe 11 / 2011: Nigeria: Besser als sein Ruf

Neuen Kommentar schreiben