Kaum Fortschritt im Kampf gegen Hunger

Der Anteil der Hungernden weltweit ist seit 1990 um rund ein Viertel zurückgegangen, vermerkt der neueste Welthunger-Index. Doch noch immer haben fast eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen. Und ihre Zahl steigt wieder. Hilfsorganisationen beklagen, die Politik tue zu wenig gegen die Spekulation auf Nahrungsmittel und das so genannte „Land Grabbing“. Verstöße gegen das Recht auf Nahrung müssten wirksamer geahndet werden.

122 Länder listet der Welthunger-Index auf, den Klaus von Grebmer vom Washingtoner Forschungsinstitut für Ernährungspolitik IFPRI in Berlin vorstellte. In 26 von ihnen sei die Situation „sehr ernst“ bis „gravierend“ – besonders Afrika sowie Indien blieben zurück. Nicht einmal das eher wenig ambitionierte Ziel der UN, den Anteil der weltweit Hungernden bis 2015 zu halbieren, werde erreicht, klagte von Grebmer. Die Deutsche Welthungerhilfe, die den Report mit herausgibt, nennt als Ursachen hohe und stark schwankende Nahrungsmittelpreise, zunehmende Spekulation mit Agrarland und Nahrungsmitteln, Anbau von Energiepflanzen, Dürren und Überflutung als Folgen des Klimawandels sowie hausgemachte Probleme, darunter wenig effektive Anbaumethoden, ungenügender Marktzugang, schlechte Regierungsführung und kriegerische Konflikte.

Autor

Johannes Schradi

war bis Frühjahr 2013 Berlin-Korrespondent von „welt-sichten“.

Aber was tun, um besser voranzukommen? „Unschuldsmythen – Wie die Nahrungsmittelspekulation den Hunger anheizt“ überschreibt die Hilfsorganisation Misereor eine Untersuchung, vorgestellt zum diesjährigen Welternährungstag am 16. Oktober. Verfasst hat sie der frühere Börsenmakler Dirk Müller. „Pervers“ nennt Müller es, wenn Banken nicht nur mittels Derivaten auf Rohstoffe spekulieren, sondern zunehmend Getreide tatsächlich in Silos horten, um es künstlich zu verknappen, zu verteuern und dann mit hohem Gewinn wieder zu verkaufen. Beides schlägt, in Zeiten der Knappheit, unmittelbar auf die Nahrungsmittelpreise in den armen Ländern durch. Müller fordert für solche Geschäfte eine höhere Eigenkapitalquote, die bisher oft bei nur wenigen Prozenten liegt.

Banken horten Getreide, um die Preise hochzutreiben

Wer heute das Menschenrecht auf Nahrung verletzt, geht meistens straffrei aus, klagen derweil Brot für die Welt und die Menschenrechtsorganisation FIAN. Firmen wie Regierungen, die dieses Recht missachten, müssten strikter zur Rechenschaft gezogen werden, fordern sie in ihrem neuen Jahrbuch zum Menschenrecht auf Nahrung und schließen in diese Kritik auch viele Entwicklungsländer ein. So würde etwa in Kenia mit dem Segen der Regierung für riesige Agrarexportprojekte Platz gemacht und zugleich der traditionelle, auf Eigenversorgung angelegte Nahrungsmittelanbau zerstört. Hinzu komme das Exportdumping europäischer Agrarprodukte in Afrika. Nationale Institutionen und Gerichte müssten dringend befähigt werden, Verstöße gegen das Recht auf Nahrung zu ahnden.

Und die Politik? Zumindest die gegenwärtige Hungerkrise in Ostafrika sei nicht durch Spekulation verursacht, sondern durch „Fundamentalereignisse“ wie Dürre, Bürgerkrieg und ungenügende Infrastruktur, ließ jüngst das Entwicklungsministerium (BMZ) die Linkspartei auf eine parlamentarische Anfrage wissen. Es komme darauf an, die Partnerländer zu ertüchtigen, ihre Ernährungsprobleme selbst zu lösen: durch gute Regierungsführung und die Verbesserung der Infrastruktur, durch effizientere landwirtschaftliche Anbaumethoden, geordnete Bodenrechte und besseren Zugang zu Land und Märkten, heißt es im BMZ. Die deutschen Agrarexportsubventionen sollen bis 2013 auslaufen, notfalls im EU-Alleingang, so Minister Niebel.

Im Übrigen unterstütze man die Bemühungen auf EU- und G20-Ebene, spekulative „Störungen und Manipulationen“ der Agrarmärkte zu unterbinden. Und was das strittige Thema Biosprit angeht: Da komme es darauf an, von der Grundhaltung der Gefahrenabwehr zu einer „aktiven Gestaltung von Optionen“ zu kommen, heißt es in einem jüngst vorgestellten BMZ-Papier. Der oft beschworene Zielkonflikt zwischen Tank und Teller sei lösbar – wenn die Rahmenbedingungen für den Anbau von Biopflanzen stimmten, etwa die gängigen Nachhaltigkeits- und Sozialstandards (ILO, OECD) eingehalten würden. Gegen ein stärkeres privatwirtschaftliches Engagement aus den Geberländern sei dann nichts einzuwenden.

erschienen in Ausgabe 11 / 2011: Nigeria: Besser als sein Ruf

Neuen Kommentar schreiben