In Wirtschaftsfragen Analphabeten?

Wie halten es nichtstaatliche Organisationen (NGO) mit der Wirtschaft? Diese Frage wirft ein Buch auf, das im Juli in Wien erschienen ist. Fazit der Autorin: Oft haben entwicklungspolitische Organisationen von Ökonomie keine Ahnung.

Weil viele Menschen Hemmungen hätten, sich mit als „sperrig“ betrachteten Fragen der Ökonomie auseinanderzusetzen, betreibt Eva Klawatsch-Treitl in ihrem Buch ein wenig Wirtschaftsalphabetisierung. Denn schließlich habe Wirtschaft mit unseren Lebensgrundlagen zu tun. Die Scheu vor Wirtschaftsthemen hat die Autorin auch in entwicklungspolitischen Organisationen erlebt, in einem Biotop, in dem sie selbst viele Jahre tätig war. Sie stößt sich an der in vielen Organisationen geäußerten Ansicht, man müsse entwicklungspolitische und nicht wirtschaftliche Perspektiven einnehmen. „Ich erachte eine solche Sicht für problematisch, da Wirtschaft einen ganz wesentlichen Bereich von Entwicklungspolitik und -zusammenarbeit darstellt: Es geht um (Über-)Lebensfragen von Menschen“, schreibt Klawatsch-Treitl.

Autor

Ralf Leonhard

ist freier Journalist in Wien und ständiger Korrespondent von "welt-sichten".

In einem empirischen Teil durchleuchtet die Wirtschaftspädagogin die Programmatik von fünf entwicklungspolitischen Institutionen (Care Österreich, Frauensolidarität, Horizont3000, Volkshilfe und die ARGE Weltläden) auf ihre Positionen zu Ökonomie und Markt. Ergebnis: Nichtstaatliche Organisationen verstehen sich nicht als ökonomische Akteure, obwohl sie selbst zunehmend herausgefordert seien, betriebswirtschaftlich zu handeln. Zwar streben die meisten Organisationen Wachstum an – auch der Spendenmarkt ist ein Markt –, gehen betriebswirtschaftlich aber oft dilettantisch vor.

Das Buch stützt sich nur auf Informationen aus dem Netz

Erwartungsgemäß stieß Klawatsch-Treitl bei den entwicklungspolitischen Organisationen auf ökonomische Leitbilder wie Sorgen und Teilen sowie Gerechtigkeit. Zudem scheine Wissen einen zentralen Stellenwert für die NGOs zu haben. Klawatsch-Treitl empfiehlt den Organisationen, sich stärker mit komplizierten ökonomischen Fragen zu beschäftigen und sich als Teil der Wirtschaft zu verstehen.

Andrea Wagner-Hager, Geschäftsführerin von Care-Austria, bedauert, dass die Autorin ihre Analyse nur auf Informationen von der Website stützt. Hätte sie mal nachgefragt, hätte sie wahrgenommen, dass „unser zentrales Anliegen die Armutsbekämpfung ist“. Der aus der Gründungszeit stammende fürsorgende Charakter sei längst den neuen Gegebenheiten angepasst worden.

Eva Klawatsch-Treitl gibt sich im Buch erstaunt darüber, dass in den von ihr analysierten Dokumenten „kaum spezielles Fachwissen oder spezifische Positionen in Hinblick auf Ökonomie sichtbar wurden, am ehesten wurden betriebswirtschaftliche Kenntnisse kommuniziert“. Zudem mangele es den Standpunkten der entwicklungspolitischen Organisationen häufig an Kohärenz. Einige Organisationen stellten in ihren Grundsatzpapieren Handelsliberalisierung, Armutsbekämpfung und Menschenrechte als Leitlinien für die entwicklungspolitische Arbeit gleichberechtigt nebeneinander. Ihrer Meinung nach müsse man sich aber entscheiden: entweder für Liberalisierung oder für Armutsbekämpfung.

Von dieser Kritik fühlt sich die CARE-Geschäftsführerin nicht angesprochen: „Menschenrechte und Armutsbekämpfung gehören zusammen. Für Handelsliberalisierung fühle ich mich nicht zuständig.“ Sie bestätigt aber, dass marktwirtschaftliches Denken sowohl in Projekten als auch beim Management einer Hilfsorganisation eine wichtige Rolle spiele. Aber: „Zwischen Turbokapitalismus und sozialer Marktwirtschaft gibt es eine ziemliche Bandbreite.“ CARE stehe für die soziale Marktwirtschaft.

Eva Klawatsch-Treitl
Entwicklungspolitische NGOs zwischen Markt und Staat
Mandelbaum Verlag, Wien 2011,
270 Seiten, EUR EUR 24,90

erschienen in Ausgabe 9 / 2011: Rüstung: Begehrtes Mordgerät

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