Die Transition-Town-Bewegung will regionale Wirtschaftskreisläufe beleben – so wie in diesem Bioladen in Bielefeld, der ersten deutschen Stadt, die sich der Bewegung angeschlossen hat.

Besser leben ohne Öl

Die Transition-Town-Bewegung will den Übergang von Kommunen in ein Zeitalter ohne Erdöl vorbereiten. In rund 80 Städten im deutschsprachigen Raum haben sich Bürger der weltweiten Bewegung angeschlossen. Sie stellen keine abstrakten politischen Forderungen, sondern richten sich in kleinen Schritten auf ein postfossiles Leben ein.

Transition ist ein Netzwerk von weltweit über tausend selbstorganisierten Initiativen in Dörfern, Städten und Regionen. Den Bürgern geht es dabei um mehr als Energiesparen: Sie wollen lokale Gemeinschaften stärken, mehr politische Verantwortung übernehmen und besser leben. Die Bewegung geht auf den englischen Hochschullehrer Rob Hopkins zurück. Hopkins glaubt nicht, dass die Politik allein die notwendige Kultur- und Energiewende hin zu einer postfossilen Gesellschaft schaffen kann. Um die sich verschärfende Rohstoffknappheit und die Auswirkungen des Klimawandels zu bewältigen, müssen die Bürger selbst aktiv werden. Der sogenannte „Peak Oil“, das Erdöl-Fördermaximum, ist nach Hopkins Ansicht bereits erreicht. Die Menge des weltweit geförderten Öls werde langsam zurückgehen, der Ölpreis deshalb steigen. Transition will Städte und Dörfer besser für diesen Wandel wappnen.

Transition Town ist weniger verbindlich als andere Initiativen

Ein zentrales Anliegen der Initiative ist die Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln. Als Alternative zu den weltweiten Lieferketten der Lebensmittelindustrie sollen urbane Gärten und Produkte aus der Region lokale Wirtschaftskreisläufe neu beleben. Daneben geht es auch um Energie und Mobilität, nachhaltigen Konsum oder Müllvermeidung. Manche Initiativen arbeiten mit Tauschringen oder Regionalwährungen zusammen – ihr Motto: Besser leben, statt mehr zu besitzen. 

Autorin

Claudia Mende

ist freie Journalistin in München und ständige Korrespondentin von „welt-sichten“. www.claudia-mende.de
Die einzelnen Projekte der Bewegung sind vielfältig und alltagsnah, wenig ideologisch, aber auch weniger verbindlich als bei anderen Umweltinitiativen oder der lokalen Agenda 21. Das soll sich in Deutschland in diesem Jahr mit einer eigenen Rechtsform für das Netzwerk ändern. „Wir verfolgen einen undogmatischen, breiten Ansatz“, sagt Gerd Wessling aus Bielefeld, inoffizieller Koordinator der Bewegung in Deutschland: „Eine Struktur bildet sich in Deutschland erst langsam heraus.“ Bielefeld hat sich als erste deutsche Stadt 2009 der Transition-Bewegung angeschlossen, das städtische Umweltamt unterstützt die Initiative. Andere Städte, in denen die kommunale Verwaltung hinter der Initiative steht, sind Witzenhausen in Hessen oder der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Seit 2006 hat sich die Bewegung von der britischen Stadt Totnes aus zunächst in der angelsächsischen Welt, dann in ganz Europa bis nach Brasilien, Südafrika und Asien ausgebreitet und verbindet Städte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Das Spektrum reicht von der Millionenstadt São Paulo in Brasilien bis zu einem Dorf in Slowenien. 2012 hat die Bewegung den Preis für „Soziale Innovation für ein nachhaltiges Europa“ des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses erhalten.

In Brasilien stehen die Themen Bildung und Gesundheit im Vordergrund. Die Initiativen, vor allem in der Region um São Paulo aktiv, setzen sich für ökologische Vielfalt und die Autonomie indigener Gemeinschaften ein. In Südafrika ist Transition in mehreren Provinzen verbreitet. In der Stadt Greyton in der Provinz Westkap entstand 2011 eine Transition-Organisation, Auslöser waren steigende Preise für Energie und Nahrungsmittel. Zusammen mit der kommunalen Verwaltung haben die Bürger sich das Ziel gesetzt, bis zum Ende des Jahrzehnts weitgehend auf Solarenergie umzusteigen. Urbane Gärten für Bedürftige sollen die gestiegenen Nahrungsmittelpreise auffangen und ein neues Bewusstsein für den Wert heimischer Produkte schaffen. 

erschienen in Ausgabe 2 / 2013: Ägypten: Aufruhr und Aufbruch

Kommentare

Mich freut der Bericht von Frau Mende. Schon 1994 hatte ich ein Auto, das ganz ohne fossilen Treibstoff auskam. Auch bin ich Mitglied eines Tauschkreises und kaufe keine Äpfel und Birnen aus China. Aber was nützt es? Es nützt wenig und nur wenigen. In einem Wirtschaftsystem, das bei Verschwendung am besten blüht und sie fördert, sind die sparsamen Alternativen eine skurrile Randerscheinung und das ist auch gut so. Als ich damals mein Auto einem Redakteur vorstellte, meinte dieser, er könne nur über Sachen schreiben, die von allgemeinem Interesse sind. Da es weder Salatöl noch Fritieröl für alle gibt, schrieb er nichts. Das tat dann ein anderer, der Münchner Merkur druckte- "Auto fährt mit altem Fett". Mir war und ist das egal, fest steht aber, dass ich seitdem 34 000 Liter Diesel nicht gekauft habe und mein Geld bei Bauern und Ölpressen in der Region blieb. Aber das gefällt dem Finanzminister nicht und den reichlich 10% in unserem Lande, die von Verschwendung profitieren und ohne eigene Arbeitsleistung von Vermögen und Kapitalerträgen leben. Wenn aber an der Basis nichts mehr zu holen ist, sind die Wohlhabenden dran. Autonome, autarke Gruppen sind eine Gefahr für das System. Tauschkreise generieren keine Umsatzsteuer. Wenn ein Sack Kartoffeln für eine Reparatur bewegt wird, schaut der Wasserkopf staatlicher Verwaltung in die Röhre. Der Ausblick gefällt ihm nicht. Eine Selbstversorgung mit Lebensmitteln wird heute noch geduldet, weil sie so minimal ist. Die Ruhe währt nicht mehr lang. Denn ruck-zuck wird schon bald mit bürokratischen Tricks dem alternativen Wachstum das Wasser abgegraben. Dazu braucht es nur eine Novellierung der Hygieneverordnung. Schon jetzt macht sich der Bauer strafbar, wenn er unkontrolliert seinen Treibstoff (Rapsöl) selbst anbaut und presst. Wegen des anschwellenden bürokratischen Aufwands bauen jedes Jahr weniger Landwirte Raps an, die Lücke wird durch Importe geschlossen. Das ist das Gegenteil von "Wertschöpfung in der Region". Auch wenn die Autonomen ihre Basis noch verbreitern können, wozu auch Bücher wie "A.Dill-Gemeinsam sind wir reich" beitragen, der Gegenwind wird stärker. Wer konsequent diesem "Abschöpfsystem" entgehen will, muss auswandern. Oder klein und unauffällig bleiben. Der Staatsapparat braucht steigende Preise, der Bürger will das Gegenteil. Wer also durch Selbstversorgung dem Staatsapparat Geld vorenthält, könnte schon bald zum Staatsfeind werden.

Guten Tag, Herr Lohmann, das haben Sie gut beobachtet. Allerdings sind solche Phänomene auch im Aktivistenmilieu zu beobachten. Es geht Staat wie Aktivisten in erster Linie um die eigene ethische Korrektheit, die als Wert über faktischen Verbesserungen in Gerechtigkeit oder Ressourcenschonung steht.
Ich sehe deshalb inzwischen den weitaus größeren Aufklärungsbedarf im Verständnis von Sozialkapital, nicht in immer neuen Spar- und Vermeidungsritualen mit ökologischen Rechtfertigungen.
Das wird aber noch für Jahrzehnte eine Minderheitenposition zwischen allen Stühlen sein. Dass Ökologie eine Funktion des Sozialen ist, hat sich noch nicht herumgesprochen.

Nach meiner Beobachtung ist nur eine Minderheit so oberflächlich, daß sie an der Wegmarke "ethische Korrektheit" stehen bleibt. Das stört nicht, denn auch die Mitläufer sind auf dem richtigen Weg. Ganz wichtig finde ich Ihren Hinweis auf das Verständnis von Sozialkapital und ich sehe in diesem Bereich echtes Wachstum. Zwar muss ich Ihrer Prognose zustimmen, Veränderungen in der Grundhaltung der Bürger werden erst nach Jahrzehnten wirksam. Das hängt auch damit zusammen, dass ein Kapitalstock, der aus laufenden Erträgen gebildet werden soll, nur langsam wachsen kann. Auch hier wird das Dilemma der Alternativen sichtbar. Sie müssen sich ohne staatliche Hilfe organisieren, weil der Staatsapparat beziehungsweise die in ihm handelnden Personen alle Änderungen des Systems fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn Pleitebanken ganz schnell Milliarden geschenkt bekommen, aber eine Bürgerinitiative, die auf privater Basis Kinder und Alte versorgen möchte nichts bekommt und in bürokratischen Auflagen und Hemmnissen ersäuft. Dabei ist seit Jahrzehnten untersucht und bekannt, was schiefläuft. Ein Blick in die verfügbaren Erkenntnisse ist hilfreich (Meinhard Miegel-- Die deformierte Gesellschaft und M.Miegel--Exit, Wohlstand ohne Wachstum). So ist schon jetzt erkennbar, dass die staatliche Pflegeversicherung ein Fass ohne Boden ist mit nur steigenden, niemals sinkenden Pflichtbeiträgen. Durch diese Zwangsabgabe, schlicht eine neue Steuer, wird die Bildung eines privaten Kapitalstocks gelähmt. Auf Einsicht oder gar Änderung des eingeschlagenen Weges zu warten, ist sinnlos. Dieser wenig effektiven Zwangsversorgung entkommt man nicht, außer man verlegt seinen Wohnsitz ins Ausland. Mir scheint bei dem Thema auch wichtig, den "Staat" gibt es gar nicht. Wir müssen uns stattdessen handelnde Personen vorstellen, die mächtig und unangreifbar sind. Sie haben andere Interessen als der Arbeitslose, die Rentner am Existenzminimum, die alleinerziehende Mutter oder der Mensch mit zwei Minijobs, die für ein Leben in Würde nicht reichen. Dieses Millionenheer der Unterprivilegierten könnte den Grundstock für Sozialkapital bilden, wenn es sich organisiert. Wer Geduld und Zeit hat, mag darauf warten. Die ganz Schlauen haben sich schon vom Acker gemacht.

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