Somalische Frauen erhalten während der Hungersnot 2011 Lebensmittel und Öl von einer türkischen Hilfs­organisation. Die Türkei engagiert sich stark in dem afrikanischen Land, in dem fast nur Muslime leben.

Im Zeichen des Halbmonds

Die Türkei hat ihre Entwicklungszusammenarbeit in den vergangenen Jahren stark ausgebaut. Und sie nutzt sie ganz offen, um ihren politischen Einfluss in der islamischen Welt zu vergrößern.

An vielen Straßenecken in der afghanischen Hauptstadt Kabul stehen kaum noch lesbare, von vorbeirollenden Autos eingestaubte Schilder. Manche lehnen nur an einer Wand. Sie verkünden Bau- oder Renovierungssarbeiten, die längst stattgefunden haben – oder auch nicht. Und sie tragen das Logo von TIKA, der Türkischen Agentur für Zusammenarbeit und Koordination. TIKA selbst und ihre Arbeit scheint fast ebenso von einem Schleier umgeben wie ihre rostigen Schilder. Sie hat ein Koordinationsbüro in der Stadt mit Telefonnummern, auch eine E-Mail-Adresse. Doch niemand hebt den Hörer ab, niemand beantwortet Mails.

Ein europäischer Diplomat, der kürzlich in der türkischen Botschaft in Kabul einen TIKA-Verantwortlichen getroffen hat, berichtet, dass die Organisation  an einer Zusammenarbeit offenbar wenig interessiert ist. So habe sie es abgelehnt, sich zu den Richtlinien zur Vergabe von Hilfsgeldern beraten zu lassen, die die internationale Gemeinschaft auf der Afghanistan-Konferenz in Tokio 2012 beschlossen hat. Tatsächlich ist TIKA bisher nicht durch Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungsorganisationen aufgefallen. Doch sie ist sehr aktiv – zumindest in bestimmten Teilen der Welt: In den zentralasiatischen Turkstaaten, in muslimischen Nahoststaaten, allen voran im Gaza-Streifen, und mittlerweile auch in afrikanischen Ländern, in denen Muslime leben. Dort übernimmt TIKA viele kleine Projekte.

Dass die Empfänger der türkischen Entwicklungshilfe eine eng definierte Gruppe sind, liegt in der Entstehungsgeschichte der Organisation begründet. Als Ende 1991 die Sowjetunion zusammenbrach und quasi über Nacht 15 neue Staaten entstanden, kamen türkische Politiker rasch zu der Auffassung, dass diese Entwicklung der Türkei beste Chancen bot, ihren politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Einfluss in Richtung Zentralasien auszuweiten. In Turkmenistan oder Usbekistan, aber auch in Kasachstan und selbst in Russland leben zahlreiche Turkvölker. Sie sprechen verschiedene türkische Dialekte und sind Muslime. Das macht sie zu natürlichen Partnern für die Angebote aus Ankara.

Autor

Cem Sey

ist freier Journalist und lebt in Kabul. Er arbeitet vor allem für deutsch- und türkischsprachige Medien, darunter die Deutsche Welle und die „tageszeitung“.

Die Türkei gehörte zu den ersten Staaten, die die neuen muslimischen Turkrepubliken anerkannten. 1992 wurde die türkische Entwicklungsagentur gegründet, laut Selbstdarstellung mit dem Ziel, diese Länder „im gesunden Aufbau ihrer eigenen sozialen Strukturen und Identität, in der Entwicklung der kulturellen und politischen Rechte und im Beheben der Mängel der technologischen Infrastruktur“ zu unterstützen. Zehn Jahre später verhalf ein anderes Ereignis, diesmal in der Türkei selbst, der Agentur zu neuer Größe und veränderte sie grundlegend. Die AKP, die Partei der Gerechtigkeit und Entwicklung des amtierenden Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, siegte überraschend bei den Wahlen 2002 und konnte ihre Vormachtstellung in zwei weiteren Wahlen ausbauen. Mit diesem Erfolg verbreitete sich auch die Ideologie des Neo-Osmanismus. Die wird getragen von erfolgreichen anatolischen Unternehmern und politischen Führungspersönlichkeiten, deren wichtigste Vertreter aus den Imamschulen des Landes stammen. Beide Gruppen neigen dazu, das untergegangene Osmanische Reich zu idealisieren; auf der Grundlage dieses Erbes wollen sie den politischen Einfluss der Türkei wieder ausdehnen.

Die AKP-Regierung leitete diese Politik gleichzeitig mit ihren zunächst ernst gemeinten Bemühungen ein, Mitglied in der Europäischen Union zu werden. Während die Signale aus Europa schwächer wurden, schien die Öffnung zur islamischen Welt immer vielversprechender. Außenminister Ahmet Davutoglu, ein Professor der Geopolitik, dem oft Neo-Osmanismus vorgeworfen wird, spielte dabei eine entscheidende Rolle.

TIKA kommt in dieser als „vielseitige proaktive Friedenspolitik“ beschriebenen Außenpolitik eine tragende Rolle zu. Die Agentur renoviert zum Beispiel alte osmanische Gebäude und weckt bei der Bevölkerung dieser Empfängerländer Erinnerungen an das Osmanische Reich. TIKA tritt mit muslimischen Politikern auf der ganzen Welt in Kontakt und bildet so „die Vorhut“ der türkischen Diplomatie.  Man kann auch sagen, TIKA ist in sich bereits eine vertrauensbildende Maßnahme.

Bei der Entwicklungszusammenarbeit will die Türkei „im Wettbewerb mit anderen Ländern bestehen“

Premier Erdogan macht kein Geheimnis aus dieser Politik. Im vergangenen Jahr sagte er bei einer von TIKA organisierten Konferenz, man werde „in jede Ecke dieser Welt eindringen“ und „die Türkei wird überall dort sein, wo es Menschen mit Problemen gibt“. Türkische Politiker sehen TIKA in erster Linie als Konkurrenten, nicht als Kooperationspartner anderer Entwicklungsorganisationen. Der stellvertretende Ministerpräsident Bekir Bozdag formuliert es im entwicklungspolitischen Jahresbericht 2011 so: TIKA stärke vor allem die historische und kulturelle Bindung zu „unseren Volksgenossen und anderen Völkern“. Um deren Erwartungen zu erfüllen und um die strategische Bedeutung der Türkei zu erhöhen, „müssen wir unsere Entwicklungszusammenarbeit auf ein Niveau bringen, das uns erlaubt, im Wettbewerb mit anderen Ländern zu bestehen“.

Den Konkurrenzgedanken beschreibt TIKA-Direktor Serdar Cam in einem Interview mit der islamischen türkischen Zeitschrift „Aksiyon“. Gefragt nach den Aktivitäten in Afghanistan erzählt der renommierte Außenwirtschaftsexperte, wie die afghanischen Behörden sich immer wieder bei TIKA bedankten. Viele Länder böten ihnen Hilfe an, aber „keiner hilft ohne eigene Interessen, wie es die Türkei tut“. Cam unterstreicht: „Wir gehen eben hin, um den Menschen auf der Erde zu dienen und nicht für die Reichtümer, die unter der Erde versteckt sind.“

Wie wichtig die Entwicklungsorganisation für Ankara ist, zeigen auch die Personalentscheidungen der Regierung. Bis 2011 leitete Hakan Fidan die türkische Agentur für internationale Zusammenarbeit,  ein in der türkischen Öffentlichkeit mittlerweile sehr bekannter Bürokrat mit militärischem Hintergrund. Fidan ist Erdogans enger Vertrauter, er wechselte schließlich direkt zum Geheimdienst des Landes, dem MIT. Dort führte er als Direktor die ersten Geheimverhandlungen mit der kurdischen Guerilla mit dem Ziel, das wichtigste Problem der Türkei zu lösen. Fidans Nachfolger Serdar Cam ist ebenfalls ein Erdogan-Vertrauter. Der Sohn eines Botschafters war zuvor sieben Jahre lang Büroleiter des Premiers im türkischen Parlament und kümmerte sich dort um Außenwirtschaftspolitik.

Auch finanziell wird TIKA kräftig aufgebaut. Das Budget der Organisation entsprach laut Jahresbericht 2011 mit rund 1,3 Milliarden US-Dollar 0,17 Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung. Damit erhöhte sich ihre Finanzkraft in nur einem Jahr um rund 30 Prozent. TIKA operiert mittlerweile in mehr als hundert Ländern – die meisten davon, gemäß Auftrag, islamisch. Zu den Mitteln, die aus dem Staatshaushalt zur Verfügung gestellt wurden, kamen weitere 879 Millionen US-Dollar direkte Investitionen türkischer Firmen und 199 Millionen von türkischen nichtstaatlichen Organisationen (NGO).

TIKA bündelt die Aktivitäten des Privatsektors und der NGO in der Entwicklungszusammenarbeit. Auffallend ist, dass die Unternehmen und die Hilfsorganisationen, die mit TIKA kooperieren, oft ihr islamisches Gesicht in den Vordergrund stellen. Den Löwenanteil der Hilfen für NGOs erhält die umstrittene Organisation IHH. Sie hatte vor drei Jahren die Gaza-Hilfsflotte organisiert, die dann im Mittelmeer von der israelischen Armee gewaltsam gestoppt wurde. IHH ist in Israel und den Niederlanden als Terrororganisation verboten. Auch die USA sind ihr gegenüber misstrauisch.

Im vergangenen Jahr ging die türkische Entwicklungshilfe vor allem nach Pakistan, Syrien, Afghanistan, Somalia, Kirgisistan, Libyen, Kasachstan, Irak, Aserbaidschan und Palästina. Fast die Hälfte floss nach Süd- und Zentralasien, der Nahe Osten folgte mit 23,87 Prozent, Afrika mit 22 Prozent und der Balkan mit 6,3 Prozent. Auf der Liste der Empfänger tauchen mit kleineren Beträgen aber auch Staaten auf, deren Bevölkerung mehrheitlich Christen sind. Allerdings sind die Nutznießer in diesen Ländern meist muslimische Minderheiten.

Die türkische Entwicklungshilfe fördert vor allem Bauvorhaben

In Afrika wird TIKA immer präsenter, gemäß der zielstrebigen Afrika-Politik der türkischen Regierung. 2008 fand der erste Türkisch-Afrikanische Gipfel statt, für dieses Jahr ist der zweite geplant. TIKA, unterstützt von Privatfirmen und islamischen NGOs, ebnet auch auf dem neuen Boom-Kontinent den Weg für die türkische Diplomatie. Sie dringt selbst in Regionen vor, die für westliche Organisationen nur unter großen Risiken zu erreichen sind: die von Paschtunen besiedelten und umkämpften Khaiber-Paschtunkhwa in Pakistan und das vom Bürgerkrieg gezeichnete Somalia, in dessen Hauptstadt Mogadischu TIKA mittlerweile ein Koordinierungsbüro errichtet hat. Die türkisch-muslimische Herkunft der TIKA-Vertreter schützt sie offenbar vor Aggressionen örtlicher Milizen.

Die türkische Entwicklungshilfe fördert vor allem Bauvorhaben – allen voran Schulen und Krankenhäuser. Im vergangenen Jahr kam ein neues Gebiet der klassischen Entwicklungszusammenarbeit dazu: Vor allem in Afrika, aber auch in Südasien bohrten türkische Ingenieure in Auftrag von TIKA Hunderte von Brunnen. Die Wasserknappheit nehme zu und TIKA werde künftig aktiv dagegen vorgehen, heißt es offiziell.

Trotz ihrer eingestaubten Schilder ist TIKAs Arbeit und deren Wirkung in Afghanistan beispielhaft für die Organisation. Insgesamt hat sie dort seit 2004 mehr als 800 Projekte verwirklicht. Allein in den vergangenen beiden Jahren waren es 114 Projekte, vor allem der Bau und die Renovierung von Schulen, Straßen, Brücken und Krankenhäusern. Für 2013 ist der Bau von drei Waisenhäusern, vier Markthallen, 30 Brunnen und eines Krankenhauses geplant. Damit trägt die Organisation wesentlich zu dem guten Image der Türkei in Afghanistan bei. Unter den mehr als 50 Nationen, die in Afghanistan Entwicklungshilfe leisten, sind die Türken laut einer Umfrage sowohl unter den Politikern als auch bei der Bevölkerung die beliebtesten. Selbst die Taliban halten sich mit Kritik und Drohungen zurück.

Im vergangenen Jahr übernahm TIKA zudem Verantwortung in der Flüchtlingshilfe: Mehr als 230.000 Menschen sind vor dem syrischen Bürgerkrieg in die Türkei geflohen. Die türkische Entwicklungsorganisation koordiniert gemeinsam mit anderen die Hilfen für sie. Auch in der Katastrophenhilfe, etwa bei den Überflutungen in Pakistan 2011, wird sie tätig. Mit jedem Jahr wird die Organisation erfahrener – und offener. So übernimmt sie auch Aufgaben im Rahmen internationaler Maßnahmen: In einem Programm des NATO-Russland-Rates hat sie afghanische Polizisten im Kampf gegen den Drogenhandel ausgebildet. Vor kurzem habe es auch Gespräche in Deutschland gegeben, um Möglichkeiten einer Kooperation in Afrika mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) auszuloten, hieß es seitens TIKA. Schließlich soll die türkische Entwicklungsorganisation in jede Ecke dieser Welt vordringen – und das geht schneller und besser zusammen mit anderen. 

erschienen in Ausgabe 3 / 2013: Neue Geber: Konkurrenz stört das Geschäft

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