Im Brennpunkt

Weltfremder Klimaschutz

Bei vielen Vorkämpfern des Klimaschutzes ist das Streben nach Wohlstand verpönt. Sie begnügen sich damit, abstrakte CO2-Bilanzen zu erstellen und Minderungsziele zu fordern – in der Regel ohne darauf zu achten, ob das mit der Idee von einem guten Leben in reichen und in armen Ländern vereinbar ist, kritisiert „welt-sichten“-Redakteur Tillmann Elliesen.

Das Engagement für den Klimaschutz treibt zuweilen sonderbare Blüten. Zum Beispiel in Gestalt einer neuen Studie der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem Titel „Carbon Majors Funding Loss and Damage“. Darin plädieren die beiden Autorinnen, man solle große Energieversorger, die ihr Geld unter anderem mit Kohle, Gas und Öl verdienen, sowie Firmen aus energieintensiven Branchen wie der Zementherstellung für ihren Beitrag zur Erderwärmung haftbar machen und zur Kasse bitten. Als Grundlage für einen solchen Schritt könnten internationale Vereinbarungen dienen, die regeln, wer bei einer Ölpest oder einer Atomkatastrophe zahlen muss.

Zwar weisen die Autorinnen auf das Offensichtliche hin, nämlich dass es sich bei einer geborstenen Ölleitung oder einem havarierten Atomkraftwerk um außerplanmäßige Unfälle handelt. Aber die Botschaft ist klar: Für die Böll-Stiftung ist es letztlich dasselbe, ob aus einer BP-Pipeline wochenlang Öl ins Meer fließt oder ob ein Unternehmen wie RWE Kohle verbrennt, um Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen; ob aus der Atomruine in Fukushima ungehindert Radioaktivität entweicht oder ob eine Firma wie HeidelbergCement das Material herstellt, aus dem überall auf der Welt Häuser, Brücken und andere Infrastruktur gebaut werden. Das eine wie das andere schadet der Umwelt und dem Klima und muss deshalb bestraft werden.

Diese Art Weltfremdheit ist symptomatisch für eine besonders rigorose Variante des Umwelt- und Klimaschutzes. In dieser Variante kommt der Mensch, der Energie braucht und verbraucht, nicht mehr vor. Stattdessen wird „die Industrie“ an den Pranger gestellt und so getan, als sei die Förderung von Öl, Kohle und Gas reiner Selbstzweck, als gehe es dabei nur um Profit.

Diese Sorte Klimaschutz begnügt sich damit, in Studien und auf Konferenzen abstrakte CO2-Bilanzen zu erstellen und Minderungsziele zu fordern – in der Regel ohne darauf zu achten, ob das mit dem Streben nach Wohlstand und der Idee von einem guten Leben von Milliarden Menschen in reichen und in armen Ländern vereinbar ist.

Das Streben nach Wohlstand ist bei vielen Vorkämpfern des Klimaschutzes ohnehin verpönt. Wenn sie sich ausnahmsweise doch einmal mit dem  Menschen beschäftigen, dann mit dem westlichen Konsumfetischisten, der auf Kosten der Armen in den Entwicklungsländern im Überfluss lebt und gedankenlos Dinge kauft, die er nicht braucht.

Das Interesse am Klimawandel ist deutlich gesunken

In Deutschland ist das öffentliche Interesse am Klimawandel laut Umfragen deutlich gesunken, und eine Ursache dafür ist dieser anklagende Ton in der Klimadebatte. Er lässt den Bürger ratlos mit der Gewissheit zurück, dass sein ganz normales Leben aus der Perspektive globaler Gerechtigkeit eine Zumutung ist: So sehr er sich auch anstrengt, im Rahmen seiner Möglichkeiten umweltbewusst zu leben, im Vergleich mit dem durchschnittlichen Afrikaner oder Südasiaten hat er sein CO2-Guthaben längst aufgezehrt und dürfte eigentlich gar keine Energie mehr verbrauchen, sofern sie nicht aus erneuerbaren Quellen stammt.

Die Politik muss die Rahmenbedingungen für Klimaschutz setzen, aber in einer Demokratie muss die Gesellschaft die Politik mittragen. Wer Klimaschutz will, muss sich deshalb um die „hearts and minds“ der Bürger bemühen. Ralf Fücks, der Chef der Böll-Stiftung, hat Recht, wenn er in seinem Buch „Intelligent wachsen“ schreibt, dass das nicht gelingt, wenn man den Leuten Verzicht predigt.

Mit anderen Worten: Ein Klimaschutzprogramm, das den Leuten den Wohlstand nimmt, den sie sich erarbeitet haben oder noch erarbeiten wollen, funktioniert nicht – weder in den alten noch in den neuen, aufstrebenden Industrieländern.

Gefordert ist deshalb nicht ein Rückbau, sondern ein Umbau der Industriegesellschaften. Und da hat sich bereits eine Menge getan. Der Anteil der erneuerbaren Energien weltweit lag im vergangenen Jahr bei knapp einem Fünftel, die Produktion von Solarenergie ist in den vergangenen zehn Jahren von vier auf 139 Gigawatt um mehr als das Dreißigfache gestiegen, die von Windkraft seit dem Jahr 2000 um fast das Zwanzigfache. Das sind Riesenschritte in die richtige Richtung.

Aber wahrscheinlich ist das trotzdem nicht genug, um die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Alles vergebens also? Natürlich nicht. Der Wirtschaftsautor Wolf Lotter schrieb vor zwei Jahren im Magazin „brand eins“ zum Thema Kapitalismus: „Menschen tun, was sie tun, weil es klappt, weil sie damit durchkommen, weil es geht. Wir tun, was wir können.“ Genau das ist unser Problem. Aber auch unsere Chance. Tillmann Elliesen

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Kommentare

Danke Herr Elliesen! Endlich mal ein Beitrag, der die Mitte zwischen utopischen Forderungen und realistischen Zielen findet. Wie ich in vielen Kommentaren schrieb, ist unser westlicher Lebenstil untrennbar mit dem Verbrauch von fossiler Energie verbunden. Teil unseres Wohlstands ist es, uns mit Vehikeln aller Art sooft wir wollen fortzubewegen, Strom verbrauchende Geräte zu benutzen und zu essen, was uns schmeckt. Wer das für umweltschädlich hält, kann gern für sich entscheiden, zu einem Status vor hundert Jahren zurückzukehren. Mehrheitsfähig ist das nicht. Schneller Verzicht auf fossile Energie im gesamtwirtschaftlichen Umfang bedeutet Rückkehr der Armut. Kein vernünftiger Mensch kann sich ernsthaft mit "Rückbau" beschäftigen, Umbau ist angesagt und der findet schon statt. Der wird Jahrzehnte dauern und wird ohne fossile Energie nicht zu machen sein. Bisher wird alle Technik zur Gewinnung regenerativer Energie weitestgehend mit fossiler Energie hergestellt. Nicht aus dem Blick verlieren dürfen wir auch, Deutschland als Vorreiter beim Thema "Weg von Fossil" stellt etwa 1% der Weltbevölkerung. Damit ist auch schon unser direkter Einfluss auf die weltweiten CO2- Emissionen umrissen

Ich empfehle Herrn Tillmann Elliesen das Buch "Damit gutes Leben einfacher wird - Perspektiven einer Suffizienzpolitik" von Uwe Schneidewind (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) und Angelika Zahrnt (Ehrenvorsitzende BUND). Dort geht es um Ermöglichungspolitik und nicht ums Vorschreiben.

Hallo Jörn,

besten Dank für den Literaturtipp. Mein Urlaub rückt näher, da nehme ich das empfohlene Buch gern als Lesefutter mit.

Ich habe auch zwei Buchtipps: Zum einen das schon in meinem Kommentar erwähnte Buch von Ralf Fücks "Intelligent wachsen", zum anderen "Selbst denken" von Harald Welzer. Eine Rezension finden Sie hier: http://www.welt-sichten.org/tipps-und-termine/13649/abgrund-oder-rettung

Viele Grüße,

Tillmann Elliesen

Lieber Herr Elliesen,

Sie sprechen mir in vielem aus der Seele, vielen Dank. Ich lebe in einem aufstrebenden Entwicklungsland und merke hier jeden Tag, wie vergeblich der Ruf nach Konsumverzicht ist, wenn die Menschen nach jahrelanger Entbehrung nun endlich mal konsumieren können. Leider meinen viele, mit mehr Konsum sei auch schon mehr Entwicklung erreicht. So überwiegt der Status, ein eigenes Auto zu besitzen, das stundenlange Stehen im Stau in verstopften Gassen. Auf noch freien Flächen in Lima werden Einkaufszentren gebaut, anstatt öffentlicher Grünflächen. Das ganze Land präsentiert sich nach außen als eine große Verkaufsfläche und gilt dementsprechend in den einschlägigen Medien auch als südamerikanischer Vorzeigestaat, in dem man gut geschäften kann.

Allerdings ärgert mich die Doppelmoral, die ich oft in Deutschland erkenne: Die deutsche Industrie und die deutschen Arbeitsplätze leben ja nicht vom internen Konsum öko-schicker Produkte, sondern vom Export ihrer traditionellen und so gar nicht umweltfreundlichen Produkte. Die Autos, die den Deutschen die Arbeitsplätze erhalten, verpesten die Luft und die Straßen eben nicht in Deutschland, sondern dann in Lima oder Schanghai. Und machen die Peruaner glauben, ihr Land sei bereits entwickelt, weil sie jetzt - dank der Freihandelsverträge - auch in einer der vielen neuen Shopping-Malls Gummibärchen, Milkaschokolade und Sauerkraut kaufen können. Es ist schön, dass sich Deutschland um die eigene Öko-Bilanz in seinen Gefilden sorgt. Aber bitte vertuscht nicht, dass das gute Leben in Deutschland nur mögich ist, weil die Umweltbelastung exportiert wird. Getreu nach Wolf Lotter: Wofür ich einen Käufer finde, das verkaufe ich auch.

Frau Willer, Ihr aus dem wirklichen Leben geschöpfter Beitrag öffnet den Blick auf die Lebensumstände in einem "aufstrebenden Entwicklungsland". Das ist den meisten Deutschen nicht möglich und trübt die Urteilsfähigkeit. Es ist in der Tat nutzlos, von der Warte des satten Mitteleuropäers vom Rest der Welt Mäßigung einzufordern. Für Menschen, die im Überfluss leben, ist Verzicht eine leichte Übung, für jene, die ein Leben lang verzichtet haben, ist diese Forderung eine Frechheit. Wir sind umgeben von aufstrebenden Entwicklungsländern, die mit Recht ihren Anteil am Wohlstand einfordern. Welche Nachteile ein überwiegend auf Warenproduktion erblühter Aufschwung mit sich bringt, werden die Nachzügler noch erleben. Jedes Land geht den Weg, den man dort für richtig hält. Und in jedem Entwicklungsland gibt es Minderheiten, die schon jetzt die Fehlentwicklungen erkennen und angepasst handeln wollen. Die gilt es zu ermutigen und mit Wort und Tat zu unterstützen. Wortreiche Schlaumeierei unserer akademischen Entwicklungshelfer dient nur der Selbstbeweihräucherung.

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