Im Brennpunkt

Zwietracht im jungen Staat

Der Südsudan kommt nicht zur Ruhe
Der Südsudan kommt nicht zur Ruhe

Im Februar haben die Konfliktparteien im Südsudan erneut einen Waffenstillstand beschlossen. Jérôme Tubiana von der International Crisis Group fürchtet, dass auch dieses Abkommen nicht lange halten wird. Der Südsudanspezialist berichtet in der neuen „welt-sichten“-Ausgabe von einem Bürgerkrieg, in dem die beiden Hauptgegner längst die Kontrolle verloren haben.   

Die Frontlinie des Krieges zwischen der südsudanesischen Regierung und ihren Gegnern ist im Bundesstaat Unity schwer auszumachen. In vielen Kriegen in Afrika bilden Truppen oft keine feste Verteidigungslinie, sondern bewegen sich vor und zurück auf der Suche nach Beute. Auf der Schotterstraße in Richtung Guit, einem Dorf knapp 25 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Bentiu, sieht es trotzdem aus wie an einer Kriegsfront.

Als wir uns dem Dorf nähern, sehen wir einen ausgebrannten Panzer. Truppen der Opposition hatten ihn während eines Angriffs der Regierungstruppen im Mai erbeutet, konnten ihn aber selbst nicht nutzen. Damit die Regierungssoldaten ihn nicht zurückbekämen, haben sie ihn angezündet. Als wir uns das Wrack genauer ansehen, tauchen rund 30 Uniformierte aus dem Dickicht neben der Straße auf. Sie kommen auf uns zu, Sturmgewehre auf dem Rücken. Wir sind nicht sicher, auf welcher Seite sie kämpfen. 

Im Juni 2014 bin ich mit zwei Oppositionssoldaten und zwei Forschern hierher nach Unity gereist, um zu verstehen, warum in der Region erneut Krieg herrscht. Wir hatten den Bürgerkrieg im Sudan verfolgt, der 2005 endete und zur Teilung des Landes im Jahr 2011 führte. Dann brach kurz vor Weihnachten 2013 im neuen Staat Südsudan der gegenwärtige Krieg aus. Er begann mit Kämpfen innerhalb der Präsidentschaftsgarde: Soldaten von der Volksgruppe der Dinka, die loyal zu Präsident Salva Kiir standen, versuchten ihre Kollegen vom Volk der Nuer zu entwaffnen. Sie warfen ihnen vor, einen Putsch im Namen des ehemaligen Vizepräsidenten Riek Machar zu planen. Machar gehört zu den Nuer und war von Präsident Salva Kiir, einem Dinka, ein paar Monate zuvor entlassen worden.

Seitdem sind mehrere Waffenstillstände und Friedensverträge ausgehandelt worden, die alle sofort gebrochen wurden. Es scheint, dass die Führer Einfluss auf ihre Truppen verloren haben und diese beschlossen, weiter zu kämpfen. Auch die jüngste Vereinbarung droht zu scheitern. Die verfeindeten Führer haben sie im Februar in Äthiopien unterzeichnet und zugestimmt, sich die Macht zu teilen: Kiir soll Präsident bleiben und Machar erneut als Vize eingesetzt werden. Dabei herrschen zwischen beiden weiter schwere Differenzen und ebenso zwischen ihnen und Mitgliedern der Regionalorganisation IGAD, die den Waffenstillstand überwacht hatte.

"Es war schwierig, die Soldaten, die auf uns zielten, zuzuordnen"

Nur eine Woche vor dem Friedensschluss im Februar hatten Kiir und Machar in Tansania zugesagt, die gespaltene Regierungspartei Sudanesische Volksbefreiungsbewegung (Sudan People’s Liberation Movement, SPLM) wieder zusammenzuführen. Ausgerechnet der Sudan, der die SPLM im Unabhängigkeitskrieg bekämpft hatte, präsentiert sich jetzt als Friedensvermittler zwischen den SPLM-Fraktionen. Dabei wird Khartum vorgeworfen, die Machar-Fraktion zu unterstützen, weil Uganda – ein Rivale des Sudan – die Regierung Kiir unterstützt.

Es war schwierig, die Soldaten, die auf uns zielten, zuzuordnen. Im Unabhängigkeitskrieg waren Kämpfer beider Seiten Kameraden gewesen. Alle tragen noch immer die gleichen Uniformen, obwohl die Truppe sich gespalten hat – im Wesentlichen entlang der Grenze zwischen den Volksgruppen. Unsere beiden südsudanesischen Freunde versteckten sich im Auto und schlugen vor, wir sollten uns als weiße Zivilisten zu erkennen geben.

„Wer seid ihr?“, rufen die Bewaffneten, als wir näherkommen. „Kommt ihr aus Bentiu?“ Wir zögern. Die Hauptstadt von Unity wird von der Regierung gehalten; sie hat sie im Mai 2014 zurückerobert, nachdem die Rebellen sie zwei Wochen in ihrer Gewalt gehabt hatten. Wir kommen aus Leer, einer Stadt 150 Kilometer südlich von Bentiu, die von Rebellen besetzt ist. Am Ende sagen wir die Wahrheit. Die Lage entspannt sich: Die Soldaten sind auf Seiten der Opposition.

Sie führen uns auf einem Trampelpfad zu ihrem Camp. Es besteht aus einem Kreis von Hütten mit muschelförmigen Strohdächern. Es ist halb Dorf, halb Aufständischenlager; hier leben Kämpfer Seite an Seite mit Zivilisten. Alle gehören zu den Nuer – von den Hirten, meist Kinder, bis zum Anführer General Carlo Kuol, dem zweithöchsten Kommandanten der Oppositionellen.

Kuol hat zuvor bereits im Unabhängigkeitskrieg gekämpft. Allerdings nicht für die Rebellen im Süden: Er und andere bildeten damals Milizen, die von der sudanesischen Regierung in Khartum unterstützt wurden und gegen ihre Landsleute im Südsudan kämpften – gegen Dinka ebenso wie Nuer. Das Ziel war, die Ölfelder von Kämpfern und Zivilisten frei zu bekommen.

Er glaubt, der Krieg jetzt sei anders. „Es war von Anfang ein Stammeskrieg“, sagt er. Er hat vielleicht recht: Machar streitet ab, einen Putsch geplant zu haben, und behauptet, Kiir habe mit gezielten Tötungen von Nuer in der südsudanesischen Hauptstadt  Juba seine Macht festigen wollen. „Nur Nuer wurden getötet“, bestätigt Kuol. „Ich gehörte damals zur Regierungsseite und sagte ihnen, dass das falsch sei. Darüber waren sie nicht froh, und so musste ich mich den Oppositionsgruppen anschließen. Ich musste meinem Volk zur Seite stehen.“ Seitdem verüben Nuer auch Racheangriffe auf Dinka-Zivilisten.

Nach dem Tag in Kuols Lager fülle ich am nächsten Morgen meine Wasserflasche an der nahen Pumpe. Hunderte Kühe werden von bewaffneten Kindern vorbeigetrieben – ein vertrauter Anblick in beiden Sudan-Kriegen. Die Hirtenvölker, bekannt als „Weiße Armee“, werden nun erneut bewaffnet, um gegen die Dinka zu kämpfen.

Der Donner ferner Explosionen zerreißt die Stille. Dutzende Aufständische aus dem Camp eilen in Richtung der Schüsse los, einige mit ihren Flip-Flops in den Händen, damit die nicht im Schlamm stecken bleiben. „Die Regierung beschießt die andere Seite des Flusses mit Granaten“, sagt mir ein Soldat, der bei der Pumpe stehengeblieben ist. Kuol erklärt, die Regierung habe den Waffenstillstand gebrochen; das gebe ihm das Recht auf einem Gegenschlag.

Dem Rost zum Opfer gefallen: Dieses Fahrzeug haben Soldaten der Regierung nahe Guit ­zurückgelassen.Jérôme Tubiana
Tatsächlich wurde der Waffenstillstand in Unity und den angrenzenden Bundesstaaten Upper Nile und Jonglei immer wieder von beiden Seiten verletzt, obwohl das wiederholt international verurteilt wurde. Im Mai und Juli 2014 verhängten die USA und die EU Sanktionen gegen Peter Gadet, einen General der Opposition, dem Kuol direkt untersteht. Aber das hat wenig bewirkt: Reiseverbote und das Einfrieren von Vermögen treffen Kommandanten wie Gadet und Kuol nicht – sie fliegen nicht nach Europa oder halten Bankkonten in den USA.

Der Beschuss geht weiter, der Himmel färbt sich bleigrau, und wir wollen das Dorf verlassen, bevor der Regen kommt. Unser Auto, das die Rebellen vermutlich einer nichtstaatlichen Organisation gestohlen haben, hat keinen Zündschlüssel und muss mit Starterkabel und Anschieben in Gang gebracht werden. Auf dem schlammigen Grund sinkt es immer wieder ein. 15 Kämpfer und viele Stunden Mühe sind nötig, es wieder heraus zu hieven. Als wir losfahren, stimmen die Männer ein Kriegslied der Nuer an, aber John, unser Übersetzer, weigert sich, es zu übersetzen – er findet es anstößig. Es schildert, dass Präsident Kiir Sex mit einem seiner Generäle hat, und endet mit: „Zwischen uns und den Dinka gibt es keine Versöhnung, keine Entschuldigung!“ John sieht das nicht so. Er will Lehrer werden, sagt er uns, damit er „der neuen Generation beibringen kann, die Stammeskriege zu vergessen und einfach Südsudanesen zu sein“.

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