40 Kilometer hinter Nirgendwo

P. Sainath
Armut – ein gutes Geschäft.
Reportagen aus Indien
Draupadi Verlag, Heidelberg 2012,
304 Seiten, 19,80 Euro 

Nein, nicht alle lieben eine gute Dürre. Das Geschäft mit der Armut machen skrupellose Wucherer, reiche Großgrundbesitzer, clevere Zwischenhändler und korrupte Regierungsbeamte sowie die eine oder andere eigens für diesen Zweck gegründete „Hilfsorganisation“. In zahlreichen Reportagen beschreibt der indische Journalist P. Sainath die Lebensbedingungen in den ärmsten Distrikten Indiens. In seinem Buch „Everybody Loves a Good Drought“ (so der englische Originaltitel) stehen die Ärmsten der Armen im Mittelpunkt – diejenigen, bei denen die „dritte Ernte“, die Katastrophenhilfe bei „guter Dürre“, nur selten ankommt.

„Rund 40 Kilometer hinter Nirgendwo“ liegt das Dorf Meesal im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu, ähnlich wie andere Orte in Madhya Pradesh, Bihar und Orissa, die P. Sainath besucht hat. Anfang der 1990er Jahre verbrachte er etwa zwei Jahre in den Dörfern und schrieb Reportagen für die „Times of India“. P. Sainath war nah bei den Menschen, hat mit ihnen geredet und zugehört. Die Geschichten machen deutlich: Armut und Hunger im ländlichen Indien sind eine komplizierte Angelegenheit. So manches vielleicht sogar wohlgemeinte Entwicklungsprojekt verläuft im Sande oder erweist sich als Bumerang, der den „Begünstigten“ mehr schadet als nützt.

Selten werden die, um die es eigentlich gehen sollte, einbezogen. Meist sind es Adivasis, Angehörige von Stammesgesellschaften, oder Dalits, die in der indischen Gesellschaft noch unterhalb des Kastensystems angesiedelt sind.
Diese Menschen leben auf Land, das wenig abwirft, in Gegenden, die kaum erschlossen sind, ohne Strom, ohne sauberes Trinkwasser, ohne Schulen, ohne Gesundheitsversorgung. Der Autor beschreibt, wie Ärzte und Quacksalber sich am nicht funktionierenden staatlichen Gesundheitssystem bereichern. „Alphabetisierung“ werde den Menschen als Ersatz für wirkliche Bildung verkauft. Denn an politischer Teilhabe der Armen hätten die Eliten kein Interesse – sie verlören dann womöglich ihre „Sänftenträger“. Durch Staudämme, den Bergbau und andere Großprojekte werden im Namen der „Entwicklung“ Menschen vertrieben – mit verheerenden Auswirkungen auf das Leben der entwurzelten Familien und auf ihre Gemeinschaft, die ihnen einst Sicherheit und Halt gab.

„Einige der besten Berichte über Armut“, stellt Sainath fest, „dramatisieren sie als Ereignis.“ Das „wahre Drama“ aber liege in ihren Ursachen. Man könne von den Medien nicht erwarten, dass sie die Realität verändern. Doch sie könnten dazu beitragen, das Verständnis der Probleme zu vertiefen. Dazu brauche es jedoch analytischer Sorgfalt. Die Resonanz auf sein Werk gibt ihm Recht. Im Januar wurde die englische Fassung in ihrer 35. Auflage in Indien zu einem „Klassiker“ des Verlags Penguin erklärt.

Den Geschichten ist eine Einführung mit aktuelleren Daten zur Armut in Indien vorangestellt. Denn viele der von Sainath genannten Zahlen beziehen sich auf die frühen 1990er Jahre. Doch auf die Zahlen kommt es in diesem Buch weniger an als auf die Menschen. Ihre Lage hat sich bis heute nicht wesentlich verbessert. Und so sind die Reportagen noch immer aktuell. Christina Kamp

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