Terror aus dem Westen

Noam Chomsky, Andre Vltcheck
On Western Terrorism
From Hiroshima to Drone Warfare
Pluto Press, London 2013, 192 Seiten, 16,99 Euro

Noam Chomsky und Andre Vltcheck sprechen über Verletzungen der Menschen- und Völkerrechte durch die USA und den Westen. Das wirkt deprimierend, lässt aber Zeichen der Hoffnung aufscheinen.

Wir fühlen uns von Terrorismus bedroht und suchen uns davor zu schützen, manchmal  mit fragwürdigen Mitteln. Da erscheint es gar nicht abwegig, an den Terror zu erinnern, der in der Geschichte von uns ausgegangen ist, von uns unterstützt oder geduldet wurde.

Darum geht es den Autoren. Vor dem Hintergrund des Kolonialismus und der Dezimierung indigener Bevölkerungen in Süd- und Nordamerika handelt dieses Buch von den Verbrechen des von den USA angeführten Westens.

Zwei prominente US-Amerikaner – der 85-jährige Linguistikprofessor Noam Chomsky und der 50-jährige Journalist und Filmemacher Andre Vltcheck – führen einen Dialog über die Verstrickung ihres Landes in grobe Verletzungen der Menschen- und Völkerrechte in den vergangenen siebzig Jahren. Auf eine ausführliche Diskussion über die Motive dieser Verbrechen (wie Weltmachtstreben, Kampf um Rohstoffe, Krieg der Kulturen oder das Dogma des liberalen Kapitalismus) lassen sie sich dabei nicht ein.

Das Buch lädt den Leser zur Klärung und Verarbeitung neuerer Geschichte ein. In der Nachkriegszeit konnte man Ähnliches in Deutschland erleben, später in Russland und natürlich auch immer wieder in den Vereinigten Staaten. Dort stand die Auseinandersetzung über den Vietnamkrieg lange im Vordergrund. Dass das Gewissen der Amerikaner angerührt und wach gehalten wurde, ist nicht zuletzt ein Verdienst von Chomsky und seinen Mitstreitern.###Seite2###

In dem neuen Band wird etwa die Instruktion von Henry Kissinger an die Luftwaffe zur Bombardierung von Kambodscha zitiert: „Anything that flies against anything that moves.“ Für Chomsky war das die Aufforderung zum Völkermord, wie er ja dann auch tatsächlich stattfand. Die USA haben erst in der Endphase des Kalten Krieges im November 1988 die Konvention von 1948 gegen den Völkermord voll akzeptiert. Da versteht man, dass Bonner Studenten jetzt gegen die Einrichtung eines Kissinger-Lehrstuhls für Völkerrecht an ihrer Universität protestieren.

Abkehr früherer schlechter Sitten

Natürlich gibt es über den Westen nicht nur die dunkle Seite zu berichten. Selbst Chomsky weist hier und da auf die Abkehr von früheren schlechten Sitten hin. So entschied sich Präsident Bill Clinton 1999 für das Ende der indonesischen Besetzung von Ost-Timor, die von westlichen Nationen seit der Invasion von 1975 unterstützt worden war. Die indonesische Regierung gab sofort nach und beschloss den Rückzug. Vltcheck, der 1996 selbst in Ost-Timor verhaftet worden war und erst auf US-Intervention freikam, weiß allerdings auch zu berichten, dass Australien und die „internationale Gemeinschaft“ in den folgenden Jahren insbesondere in der Erdgasfrage Druck auf Ost-Timor ausübten.

Chomsky und Vltchek haben dem spontanen Gespräch den Vorzug vor einer systematischen Gliederung gegeben; die wurde, orientiert an der Geografie der Konfliktherde, nachträglich eingefügt. Dieses Manko wird zum Teil von dem sehr ordentlich gestalteten Anhang ausgeglichen, der 60 historische Eckpunkte von 1945 bis 2012 und einen ausführlichen Index enthält.

Etwas ärgerlich ist allerdings, wenn im Schlusskapitel „The Decline of U.S. Power“ vom Abstieg der Weltmacht nur kurz und andeutungsweise die Rede ist. BRICS, die junge Formation großer Schwellenländer, kommt hier gar nicht vor und wird vorher nur im Zusammenhang mit den Debatten in den UN über Interventionen in Libyen und Syrien erwähnt.

Viele Erkenntnisse der Autoren müssen deprimierend wirken. Aber sie berichten auch über „Hoffnung an den am stärksten verwüsteten Orten“ und  kommen am Ende zu dem Schluss, dass man jedenfalls versuchen muss, das Schlimmste zu verhindern. (Manfred Kulessa)

Erschienen in welt-sichten 4-2014


 

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