Reise in eine blutige Vergangenheit

Der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez erzählt von den seelischen Verletzungen, die aus den Jahren des Konflikts mit den Drogenkartellen von Medellín und Cali herrühren.

Kleine Ursache, große Wirkung: Da wird eines Tages gemeldet, dass die aus dem früheren Privatzoo des Drogenbosses Pablo Escobar entflohenen Nilpferde erschossen worden seien. Zwar ist Escobar schon seit über eineinhalb Jahrzehnten tot, die Erinnerung an jene Zeit wirkt beim Ich-Erzähler Antonio Yammara jedoch stark nach. Der kurze Zeitungstext aus dem Sommer 2009 schickt ihn auf eine gedankliche Reise in die heiße Phase des Drogenkriegs, der Bandenkriminalität und der alltäglichen Gewalt in Bogotá. Ein weiteres Mal beschäftigt er sich mit dem Tod seines Bekannten Ricardo Laverde. Der wurde auf offener Straße erschossen, während Antonio schwerverletzt mit dem Leben davonkam.  

Bereits Ende der 1990er Jahre hatte sich Antonio nach Monaten existenzieller Verunsicherung gemeinsam mit Laverdes Tochter Maya Fritts an die Aufgabe gemacht, das Leben des Ermordeten zu rekonstruieren. Davon ausgehend entfaltet sich eine Familiengeschichte, die bis ins Kolumbien der 1930er Jahre zurückreicht. Der aus mehreren zeitlichen Ebenen bestehende Handlungsaufbau erscheint komplex und ambitioniert, ist jedoch glänzend ausgearbeitet und wirkt beim Lesen völlig ungezwungen. Vásquez erzählt von der Beschäftigung der heute 40- bis 50-Jährigen – einer Generation, der er selbst und seine Protagonisten angehören – mit den oft unbewältigten Traumata aus den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und er konstruiert eine Lebens- und Liebesgeschichte, die zeigt, wie Kolumbien zu einem immer gewaltsameren Ort des Anbaus und Umschlags von Drogen für den nordamerikanischen Markt wurde.

Es stellt sich heraus, dass Ricardo Laverde lange Zeit als Drogenkurier in den USA inhaftiert war, ehe er in seine südamerikanische Heimat zurückkehren durfte. Seine Ehefrau Elaine, einst eine freiwillige Helferin der US-Entwicklungshilfeorganisation Peace Corps, hatte ihn verlassen. Bevor die beiden sich erneut begegnen konnten, kam Elaine bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Dessen Ursache bleibt unklar. Antonio und Maya tauschen ihre Informationen aus – und sie lernen, dass sie die Erfahrungen von Angst und Vertrauensverlust miteinander teilen. Seine Generation wolle sich vergewissern, „dass wir nicht alleine sind, wollen es erträglicher machen, dass wir während dieses Jahrzehnts erwachsen wurden, wollen das Gefühl der Verwundbarkeit dämpfen, das uns seitdem begleitet“, so Antonio.

So liefert Juan Gabriel Vásquez‘ lesenswerter Roman nicht nur eine aufschlussreiche Geschichtsstunde. Er ist auch ein Plädoyer, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Selbst wenn das zu Entfremdungen führt, weil die Nachgeborenen das Ausmaß der seelischen Verletzungen in der Hochphase des Drogenkriegs nicht nachvollziehen können. 

Thomas Völkner

 

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