Staat und Religion: Ein vielschichtiges Verhältnis

Religionsgemeinschaften sind oft abhängiger vom Staat als gedacht. Die britische Politikwissenschaftlerin Karrie J. Koesel ist den Verflechtungen in China und Russland nachgegangen.

Glaubensgemeinschaften und besonders Kirchen gelten in autokratischen Staaten oft als Schutzräume für die Opposition. Doch auch dort kooperieren sie laut Karrie J. Koesel meist mit Behörden. Ihr vielschichtiges Verhältnis zum Staat hat die Politikwissenschaftlerin an Fallstudien in je zwei Städten Russlands und Chinas vergleichend untersucht. Überall, so findet sie, haben Lokalbehörden und Religionsgemeinschaften pragmatisch eine Verständigung gesucht. Das liege an gemeinsamen Interessen wie dem sozialen Frieden und daran, dass beide von der Zusammenarbeit profitieren könnten. Religionsgruppen erhielten Schutz und in manchen Fällen Geld, etwa für sakrale Gebäude. Und Politiker sicherten ihre Macht. Die beruht auch in Diktaturen nicht nur auf Zwang, sondern auch auf Akzeptanz.

Doch die Vergleichsstudien zeigen auch wichtige Unterschiede. So ist Chinas politisches System autoritärer und daher der Spielraum für Religionen geringer als in Russland. Eine Koalition von Minderheiten ist dort zum Beispiel nicht möglich. In Russland können Lokalbehörden flexibler auf Religionsgruppen eingehen, während ihnen in China die Zentrale engere Grenzen setzt. Die Zentralregierung kann lokale Kooperationen auch beenden, wie es Peking im Fall von Falun Gong 1999 getan hat. Auch zwischen den Religionsgruppen findet Koesel Unterschiede: „Insider“ kollaborierten besonders oft und profitierten davon am meisten – insbesondere die Russisch-Orthodoxe Kirche. In China gibt es keine entsprechende „Insider“-Religion, aber laut Koesel werden etwa Tempel bevorzugt, die touristischen Wert besitzen, oder eine Kirche, die ein Krankenhaus unterhält.

Das Buch liest sich etwas zäh, unter anderem weil der Gang der Untersuchung öfter resümiert wird. Doch es macht gut deutlich, dass einige pauschale Annahmen über religiöse Vereinigungen und generell Gruppen der Zivilgesellschaft nicht haltbar sind: Sie sind nicht per se demokratisch, konkurrieren oft untereinander, sind abhängiger vom Staat als meist gedacht und stützen oft dessen Macht – zum Teil ungewollt. Bernd Ludermann
 

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