30.08.2016

Ferien im Slum

Ferien im Slum sind angesagt. Jährlich reisen rund eine Millionen Touristen in die Townships und Favelas von Südafrika, Indien oder Brasilien. Gleichzeitig haftet diesen Reisen ein schlechtes Image an: Sie sind als Elendstourismus verschrien und gelten als unmoralisch. Diese Haltung ist dem Politikwissenschaftler Fabian Frenzel zu einseitig.

Fabian Frenzel: Slumming it. The Tourist Valorization of Urban Poverty. Zed Books, London 2016, 224 Seiten, ca. 25 Euro
In seinem Buch untersucht er die gesellschaftlichen Ursachen des Slumtourismus. Zunächst macht er klar, dass das kein neues Phänomen ist. Schon im 19. Jahrhundert tingelten die reichen Westend-Bewohner Londons in die Armenviertel der Stadt. Von der „morbiden Faszination des Armutstourismus“ sei aber kaum noch etwas übrig, meint Frenzel. Slums würden heute eher als Raum wahrgenommen, der sich gemeinsam und frei gestalten lässt. Der Staat hat dort wenig zu sagen.

Das verleitet Frenzel zu der These, dass Slumtourismus auch als politische Rebellion gegen gesellschaftliche Missstände zu verstehen ist – gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen die zunehmende Gentrifizierung in Großstädten und gegen eine Städtebaupolitik, die keine Rücksicht auf die Ärmeren nimmt. Frenzel belegt das mit Fallstudien aus verschiedenen Ländern. Dafür hat er unter anderem in Rio, Johannesburg und Mumbai mit Urlaubern, Reiseführern, Freiwilligen und Einheimischen gesprochen. Diese Berichte sind besonders aufschlussreich und lesen sich besser als die anderen, teils etwas umständlich geschriebenen Kapitel.

Er schließt seine Untersuchung mit einem Beispiel aus seiner Studienstadt Berlin. Dort wurde im September 2014 die als „Berlins Favela“ bekannte Zeltstadt in der Kreuzberger Cuvry-Brache unsanft geräumt. Ein schlechtes Vorbild, findet Frenzel: Gerade Deutschland kritisiere die Räumung von Slums in anderen Ländern scharf, vor allem dann, wenn die Bewohner reichen Bauinvestoren weichen müssen. Vor allem aber zeige der wachsende Slumtourismus, dass solche Viertel als Teil einer neuen, modernen und selbstbestimmten Urbanität statt als Schandfleck betrachtet werden müssten.
 

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