Kulturkampf um sexuelle Selbstbestimmung

Anders als der Titel „Queer Wars“ und das Gay-Liberation-Poster auf dem Cover vermuten lassen, haben die Autoren kein aktivistisches, sondern ein eher wissenschaftliches Buch über die globale Bewegung lesbischer, schwuler und transgender Menschen geschrieben. Darin geht es mehr um Politik als um Geschichten über Menschen.

Dennis Altman, Jonathan Symons: Queer Wars. Erfolge und Bedrohungen einer globalen Bewegung. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017, 160 Seiten, 18 Euro
Gewaltige Fortschritte, aber auch herbe Rückschläge bescheinigen die beiden australischen Politikwissenschaftler Dennis Altman und Jonathan Symons dem weltweiten Kampf um sexuelle Selbstbestimmung. Erschwert wird er in ihren Augen dadurch, dass er polarisiert: Sowohl von den Befürwortern als auch von den Gegnern sexueller Rechte werde der Einsatz dafür zunehmend als Kulturkampf zwischen den westlichen Demokratien und dem „Rest“ der Welt interpretiert.

Solange die USA auf der Seite der Konservativen standen, sei die internationale Debatte über sexuelle Rechte nicht vorangekommen, erläutern die Autoren. Die Supermacht und ein Netzwerk konservativer Länder des globalen Südens hätten eine informelle Allianz gebildet. Unter Obama jedoch habe sich das geändert: Nun propagierten die USA international Homosexuellenrechte und bauten zusammen mit anderen Staaten eine starke Allianz dafür auf; die Geberländer bezögen sexuelle Rechte verstärkt in ihre Entwicklungspolitik ein.

Genau dies aber sei im globalen Süden auf Widerstand gestoßen: Afrikanische, karibische und pazifische Staaten etwa verlangten 2010 während der Neuverhandlung eines Handelsabkommens von der Europäischen Union, sie solle sich im Hinblick auf Homosexualität „aller Versuche enthalten, ihre Werte anderen Ländern aufzuzwingen“. Schon in den 1990er Jahren war Homosexualität in mehreren Ländern des südlichen Afrikas als Zeichen eines westlichen Kulturkolonialismus verurteilt worden. In vielen Fällen hätten Versuche, Homosexuellenrechte durchzusetzen, unterdrückerischen Regimes eher in die Hände gespielt, meinen die Autoren. Sozialen Gemeinschaften, die sich immer noch von den Ungerechtigkeiten des Kolonialismus erholen, dürfe man nicht erneut westliche Vorstellungen aufdrängen. Nachhaltiger gesellschaftlicher Fortschritt könne sich letztlich nur aus den Gesellschaften selbst entwickeln.

Unter dem Eindruck von Donald Trumps Wahlsieg und einer wachsenden Verfolgung sexueller Minderheiten beispielsweise in Tschetschenien, Indonesien und Ägypten appellieren Dennis Altman und Jonathan Symons zum Schluss dann aber doch wieder an die Solidarität westlicher Regierungen. Da sie vorher äußeren Druck kritisch bewerten und ihre Hoffnung auf Aktivisten in den jeweiligen Ländern selbst setzen, wirkt das eher inkonsequent und hilflos.

Dennoch sind die Fragen, die sie in ihrem Buch aufwerfen, inte­ressant. Wer sich für eine Analyse internationaler Beziehungen mit besonderem Fokus auf das Verhältnis der Staaten und Kulturen zu Homosexualität interessiert, findet in dem Buch reichlich Material. Auch als Sachbuch über die Situation von Schwulen und Lesben in verschiedenen Ländern ist das Werk gut lesbar. Einblicke in das Leben und die Kämpfe von Menschen, deren Geschlechtsidentität von ihrem biologischen Geschlecht abweicht, bieten die Autoren allerdings nicht – um Transgender  geht es nur ganz am Rande.
 

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