20.02.2018

Spannend und ernüchternd

In ihrem packenden Kriminalroman beschreibt die in Kerala geborene und in Bangalore lebende Autorin, wie die indische Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne, Oben und Unten bedrohlich auseinanderdriftet.

Anita Nair: Gewaltkette. Argument-Verlag mit Ariadne, Hamburg 2017, 352 Seiten, 19 Euro
Ein reicher Anwalt wird erschlagen aufgefunden. Gleichzeitig verschwindet ein Mädchen spurlos: die zwölfjährige Tochter der Haushälterin des mit den Mordermittlungen betrauten Inspektors Borei Gowda. Von seinen Untergebenen vergöttert, von seinen Feinden wegen seiner Konsequenz und seines aufbrausenden Gebarens gefürchtet, macht sich Gowda an die Arbeit.

Das Buch bietet alles, was man von einem ordentlichen Krimi erwartet: vom etwas schrulligen Ermittler, der mit seinem Motorrad, einer alten Royal Enfield Bullet, durch die südindische Metropole Bangalore düst, über feindselige Vorgesetzte und falsche Verdächtige bis hin zu der Erkenntnis, dass die Polizei gegen Korruption, Kastenwesen und Patriarchat schlussendlich machtlos ist. Und natürlich haben beide Fälle am Ende etwas miteinander zu tun.

Der Held der Geschichte, Inspektor Gowda, ist ein moderner Mann. Er treibt neuerdings Sport und grübelt darüber nach, ob er seiner Vaterrolle ausreichend gerecht wird. Auch hat er  immerhin ein schlechtes Gewissen, dass er sich neben seiner Ehefrau, einer erfolgreichen Ärztin, eine Geliebte leistet. Einen Mitarbeiter, der sich bei Gowda durch ein Lob für dessen Kastenzugehörigkeit einschmeicheln will, weist er rüde zurück. Gowda gehört zu den Wohlhabenden, die in bewachten Anlagen wohnen, westliches Essen schätzen und jeden erdenklichen technischen Schnickschnack besitzen. Dem gegenüber stehen die modernen Sklaven, häufig Kinder, die aus ihren Heimatorten in ganz Indien verschleppt und zur Arbeit oder gar Prostitution gezwungen werden.

Es erscheint zunächst schwierig, die zahlreichen Erzählstränge, die sich innerhalb von neun Tagen immer weiter verzweigen, in der Hand zu behalten. Dranbleiben lohnt sich aber, spätestens im letzten Drittel wird vieles klarer. Der Roman überzeugt mit einer schnörkellosen, aber dennoch runden Sprache, auch die Spannung und eine Prise Humor kommen nicht zu kurz.

Für ihr Buch recherchierte Nair zwei Jahre lang und arbeitete bei der nichtstaatlichen Organisation Bosco mit, die sich um Kinderarbeitssklaven kümmert und in dem Krimi auch eine Rolle spielt. Die Übersetzerin Karen Witthuhn hat dem Roman ein Glossar beigefügt, das die indischen Ausdrücke erläutert, die sich nicht übersetzen lassen, sowie eine Linkliste zu den Themen Menschenhandel, Kastensystem und Kinderarbeit.

Anita Nairs Geschichte zeigt auf literarische Art, dass sich die Bemühungen indischer Behörden, verschleppte Kinder wiederzufinden, in bescheidenen Grenzen halten. Ihr ernüchterndes Fazit: Für jedes wiedergefundene Kind verschwinden etliche andere.

 

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