23.01.2019

Neuer Marshallplan oder Schuldenfalle?

Der Politikwissenschaftler Uwe Hoering blickt auf Potenziale und Risiken des chinesischen Projekts einer neuen Seidenstraße: Was bedeutet es für die betroffenen Länder?

Uwe Hoering: Der lange Marsch 2.0 . Chinas neue Seidenstraßen als Entwicklungsmodell. VSA-Verlag, Hamburg 2018, 160 Seiten, 14,80 Euro
Polen, die Mongolei, Pakistan, Kasachstan, die Türkei und auch Deutschland – diese und noch weitere Länder will China im Rahmen seiner „Belt and Road“-Initiative mit neuen Seidenstraßen verbinden. Um seine Transportwege über Land und Meer auszubauen, wirbt das Reich der Mitte mit Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur der Partnerländer und mit dem Versprechen neuer Arbeitsplätze und lukrativer Geschäftsbeziehungen. Das Angebot gilt, wie Uwe Hoering schreibt, in strukturschwachen Ländern bereits als Alternative zu herkömmlichen westlichen Entwicklungskonzepten: Keine Einmischung in die Innenpolitik und eine vergleichsweise schnelle und unkomplizierte Kreditvergabe machen die Projekte dort attraktiv.

Gleichzeitig hoffe man, dass die Anbindung an vielgenutzte Zugnetze und Seewege die Wirtschaft ankurbelt. Doch während die einen das Projekt bereits als zweiten Marshallplan feiern, weisen Kritiker – und sie lässt der Autor ausführlich zu Wort kommen – auf die Gefahr hin, dass Staaten sich mit Krediten aus China hoch verschulden und ein chinesisches Infrastrukturimperium entsteht. Zudem seien Sozial- und Umweltauflagen der Bauprojekte mangelhaft – da etwa Standards für angemessene Arbeitsbedingungen nur auf dem Papier bestünden und in der Praxis nicht überprüft würden.

Uwe Hoering wirft einen Blick auf die historischen Wurzeln der „Belt and Road“-Initiative, die Demütigung Chinas durch die Kolonialmächte nach den Opiumkriegen sowie das Scheitern Maos mit seinem Konjunkturprogramm „Der große Sprung nach vorn“. Dann geht er auf die komplexen außenpolitischen Verflechtungen der jeweiligen Länder ein und zeigt anhand von Beispielen wie dem Hafenausbau im griechischen Piräus den Fortschritt des Vorhabens auf, das mehrheitlich noch eine große Baustelle ist. Damit schafft er einen guten Überblick über das Gesamtprojekt, widmet einzelnen Bauvorhaben jedoch kaum mehr als eine Seite.

Eine detailliertere Vorstellung eines charakteristischen Einzelprojekts wäre an dieser Stelle informativer gewesen als ein kurzer Überblick über möglichst viele. So bleiben zahlreiche Beschreibungen abstrakt und das Buch eine geballte Ansammlung von Fakten – etwas aufgelockert durch vier Experteninterviews. Thematisch eignet es sich besonders für Interessierte aus Wirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit oder Logistik. Ein Literaturverzeichnis mit zahlreichen aktuellen Quellen, darunter Artikel, Publikationen und Websites, erleichtert eine tiefere Beschäftigung mit dem Thema.

 

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