02.01.2019

Persönliche Grenzerfahrung

In einer Mischung aus Reportage und Tatsachenbericht, Autobiografie und Entwicklungsroman setzt sich der Autor mit der Grenze zwischen Mexiko und den USA auseinander.

Francisco Cantú: No Man’s Land. Leben an der mexikanischen Grenze. Hanser-Verlag, München 2018, 240 Seiten, 22 Euro
Die stacheldrahtbewehrte Grenzlinie durchzieht die Seele des modernen Menschen, ob er nun diesseits oder jenseits derselben lebt, schrieb der Schweizer Psychiater C. G. Jung in den 1950er Jahren mit Blick auf den Eisernen Vorhang. Francisco Cantú zitiert diesen Satz in seinem Buch, in dem es um eine heutige Grenze geht: die zwischen den USA und Mexiko. Der Autor hat sie aus nächster Nähe kennengelernt, denn nach seinem Politikstudium verdingte er sich zunächst bei der US-amerikanischen Grenzpolizei.

Den roten Faden bildet seine innere Auseinandersetzung mit der Grenze, die auch seine Seele durchzieht. Cantús Großvater war mexikanischer Einwanderer, die Großmutter hatte deutsch-irische Vorfahren und hielt Mexikaner für unordentlich, verlogen und faul – entsprechend kurz hielt ihre Ehe. Es scheint, als seien es Cantús eigene widersprüchliche Prägungen und Identifikationen, die er ergründen will, als er auszieht, „die Grenze zu verstehen“. Buchwissen allein reicht ihm dabei nicht. Er will „vor Ort sein, die Praxis erleben, den realen Alltag an der Grenze“.

Der ist hässlich und brutal. Gefährlich für Polizisten, wenn sie mit Drogenkartellen konfrontiert sind. Tödlich für viele Menschen, die die Grenze illegal überqueren wollen. Cantú schaut den Toten ins Gesicht, im wahrsten Sinne des Wortes – einem jungen Mann etwa, der, mit Koffeinpillen und Zuckerrohrschnaps im Magen, auf dem Marsch durch die Gluthitze zusammengebrochen ist. „Die Augen waren geschlossen, die Haare lang und dunkel, sahen schon wie die eines Toten aus. Zwischen den geöffneten Lippen war weißer Schaum hervorgetreten, viele kleine rote Ameisen wanderten in ordentlichen Linien dorthin.“ Der Grenzschützer Cantú übt einen gnadenlosen Job aus und ist doch immer wieder voller Mitgefühl für die, die er jagt. Für die von der anderen Seite der Grenze, denen er sich doch auch zugehörig fühlt.

Gerade weil er selbst so gespalten ist, macht die Arbeit ihn krank. Schließlich quittiert er den Dienst und studiert wieder, Kreatives Schreiben diesmal. Dabei verarbeitet er auch seine Erlebnisse. Entstanden ist dabei sein preisgekröntes Buch, das an die Nieren geht. Doch während der Autor sich darin auf eine Lösung seines inneren Grenzkonflikts zumindest zuzubewegen scheint („The line becomes a river“, so der Titel der Originalausgabe), stellt sich die Situation für José, einen Migranten, mit dem er sich angefreundet hat, anders dar. Der Mexikaner wurde abgeschoben, doch seine Kinder leben in den USA. Er will um jeden Preis zu ihnen zurück: „Ich werde durch die Wüste laufen, fünf Tage, acht Tage, zehn Tage, so lange, bis ich bei ihnen bin. Ich werde mich von Gras, Blättern, Kakteen ernähren. Ich werde schmutziges Wasser trinken oder überhaupt nichts trinken. … Sie können mich ins Gefängnis stecken, aber ich werde immer wieder versuchen, über die Grenze zu kommen.“ Ein lesenswertes Buch über fast unüberwindbare Grenzen und fast unaufhaltsame Versuche, diese zu überqueren.

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