26.08.2019

Im politischen Sumpf

Der Roman von Juan Gabriel Vásquez entführt seine Leser in eine Welt voller politischer Gewalt und Verschwörungstheorien. Was Fakt ist und was Fiktion, bleibt weitgehend offen. Oder?

Juan Gabriel Vásquez: Die Gestalt der Ruinen. Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main, 2018, 525 Seiten, 26 Euro
Zwei Knochen spielen in diesem Roman eine zentrale Rolle: ein Rückenwirbel des ermordeten liberalen Politikers Jorge Eliécer Gaitán und die Schädeldecke des ebenfalls ermordeten liberalen Generals Rafael Uribe Uribe. Der Protagonist, Carlos Eliécer Carballo, will nachweisen, dass der folgenschwerste politische Mord in der Geschichte Kolumbiens nicht die Tat eines geistig verwirrten Fanatikers gewesen sein kann.

Jorge Eliécer Gaitán, ein begnadeter Redner und aussichtsreicher Politiker, wird am 9. April 1948 im Zentrum von Bogotá erschossen. Als Täter wird kurz darauf der Steinmetz Juan Roa Sierra identifiziert – und von einer wütenden Menge gelyncht. Das Militär und Scharfschützen auf den Dächern ersticken das Treiben des Mobs und töten dabei rund 3000 Menschen. Das Massaker, das als Bogotazo in die Geschichte einging, löste einen neunjährigen Bürgerkrieg zwischen Liberalen und Konservativen aus, der 200.000 Menschen das Leben kostete und bis heute im politischen Leben präsent ist. Die Hintergründe des Attentats gegen den aussichtsreichen liberalen Politiker sind noch immer nicht aufgeklärt.

Der Icherzähler, der den Namen und auch weitgehend die Biografie des Autors teilt, lernt Carlos Eliécer Carballo bei einem Freund kennen, der als Arzt in Besitz eines angeschossenen Rückenwirbels Gaitáns ist – der Vater hatte einst als Gerichtsmediziner die exhumierte Leiche obduziert. Obwohl Carballo dem Erzähler unangenehm ist, lässt dieser sich von dessen Hang zu Verschwörungstheorien und Spekulationen immer weiter in die Geschichte Kolumbiens hineinziehen, die reich an politischer Gewalt ist und viel Raum für Verschwörungstheorien aller Art bietet. So befasst sich Carballo auch ganze Tage und Nächte mit dem geheimnisvollen Mord an dem liberalen General und Senator Rafael Uribe Uribe. Der wurde im August 1914 auf offener Straße von zwei Tischlern mit Äxten erschlagen. Da Polizei und Staatsanwaltschaft anscheinend kein Interesse daran hatten, den Fall aufzuklären, beauftragte ein Bruder des Ermordeten den jungen Juristen Marco Tulio Anzola mit eigenen Nachforschungen. Über unzählige Zeugen sammelte dieser Indizien für eine Konspiration, die vom Polizeichef über die oligarchischen konservativen Familien bis zum Jesuitenorden reichte. Das Buch, in dem er seine Erkenntnisse veröffentlichte, wurde von der Presse als Enthüllungswerk gefeiert. Doch als er vor Gericht Beweise für seine Anschuldigungen liefern sollte, verhedderte sich Anzola in Widersprüche und wurde schließlich selbst verhaftet. Ob er einem Hirngespinst nachjagte oder seinerseits Opfer von Verschwörern wurde, bleibt offen, im Roman wie in der Realität.

Einen der Schlüsselsätze des Romans liefert der Arzt Benavides: „Die Verschwörungstheorien sind wie Schlingpflanzen, Vásquez, sie krallen sich an allem fest, wollen emporklettern und klettern immer weiter, wenn man ihnen nicht den Halt entzieht.“ Die Leiche von Gaitán sei exhumiert worden, damit man einen zweiten Schützen ausschließen könne.

Juan Gabriel Vásquez gelingt es, die Leser in diesen politischen Sumpf hineinzuziehen, in dem  Konservative und Liberale einander über viele Generationen belauert und in Schach gehalten und  politische Kontroversen mit der Waffe ausgetragen haben. Auch der Altmeister der kolumbianischen Literatur Gabriel García Márquez kommt zu Wort, beispielsweise als seine Schilderung des Bogotazo als Beleg für eine Verschwörung herangezogen wird. „Die Gestalt der Ruinen“ wird zu Recht von der Kritik als Meisterwerk der lateinamerikanischen Literatur gepriesen.

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