18.12.2019

Eine Ode an tapfere Frauen

Ein „tropisches Melodram“ nennt der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz sein Familienepos, das in satten Farben vom Leid der Frauen in der patriarchalischen brasilianischen Gesellschaft der 1950er Jahre erzählt. Es ist zugleich ein packendes Plädoyer gegen den Machismo.

Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão. Brasilien/Deutschland 2019, Regie: Karim Aïnouz, 139 Minuten. Kinostart: 26. Dezember 2019
Die 18-jährige Eurídice und ihre zwei Jahre ältere Schwester Guida sind unzertrennlich. 1950 leben sie mit ihren konservativen Eltern Manuel, einem Bäckermeister, und Ana, einer Hausfrau, in Rio de Janeiro. Während die schwärmerische, hochbegabte Eurídice davon träumt, Konzertpianistin zu werden, hofft die romantische Guida, die große Liebe zu finden. Hals über Kopf verliebt sie sich in den griechischen Matrosen Giorgos und brennt mit ihm nach Athen durch. Ihrer Schwester schreibt sie bald sehnsuchtsvolle Briefe, die Eurídice aber nie erreichen. Denn der enttäuschte Vater, der die Familienehre beschmutzt sieht, fängt die Briefe ab.

Als Guida Monate später schwanger heimkehrt, verbannt er sie aus dem Haus und erzählt ihr, dass Eurídice zum Konservatorium in Wien abgereist sei und keinen Kontakt mehr wolle. Gegenüber Eurídice, die inzwischen Antenor, den Sohn eines Geschäftspartners, geheiratet hat, verschweigt Manuel die Rückkehr der Tochter. So leben die Schwestern fortan in derselben Stadt, ohne sich je wieder zu begegnen. Guida schlägt sich als alleinerziehende Mutter eines Sohnes mit einem Job auf einer Werft durch und bildet mit der ehemaligen Prostituierten Filomena eine Ersatzfamilie. Eurídice wird ebenfalls schwanger und muss am Ende ihren Traum von einer Pianistinnenkarriere begraben. Erst Jahrzehnte später stoßen Eurídice und ihre Nachfahren in einer vergessenen Kiste aus dem Keller auf die Briefe Guidas.

Das Drehbuch beruht auf dem Roman „Die vielen Talente der Schwestern Gusmão“  von Martha Batalha aus dem Jahr 2015. Das Buch faszinierte den brasilianischen Regisseur Karim Aïnouz, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, nach eigenem Bekunden vor allem, weil ihn die Geschichte an die eigene Kindheit erinnert. Er ist in einem Haushalt im konservativen Nordosten seines Heimatlandes aufgewachsen, in dem wegen der häufigen Abwesenheit der Männer die Frauen das Sagen hatten, sozusagen „eine matriarchalische Familie im Kontext des Hypermachismo“.

Wie patriarchalische Denkstrukturen und überkommene Moralvorstellungen das Leben von Frauen prägen und beschädigen können, ist das zentrale Thema des siebten Films von Aïnouz. In einer kunstvollen, alternierenden Montage verfolgt der Film wichtige Stationen im harten Leben der Protagonistinnen, die sich trotz aller Rückschläge nie unterkriegen lassen. So weigert sich Guida trotz ihrer finanziellen Not, jemals wieder an der Tür des Elternhauses anzuklopfen. Und Eurídice, die ebenfalls ungewollt schwanger wird und ein Mädchen zu Welt bringt, erträgt tapfer das Leben an der Seite eines langweiligen Mannes und hält so lange wie möglich an ihrem Lebenstraum fest.

Die Regie zeigt viel Mut zur Sentimentalität, auch durch die wehmütige Musik. Sie balanciert das aus durch unterschwellige Kritik an Intoleranz und Doppelmoral, wobei sie sich auf grandiose Darstellerinnen stützen kann. Carol Duarte und Julia Stockler spielen die Schwestern mit großer Hingabe. Als Karim Aïnouz zeigt, wie die Kinder von Eurídice und Guida einmal im gleichen Restaurant kurz miteinander spielen, ohne sich zu kennen, und die Schwestern sich trotzdem nicht begegnen, erreicht das Melodram seinen herzzerreißenden Höhepunkt.

Der Film erhielt bei den Filmfestspielen in Cannes im Jahr 2019 den Hauptpreis der Sektion „Un certain regard“ und wurde von Brasilien für den Oscar eingereicht. Außerdem wurden die Produzenten Viola Fügen und Michael Weber auf dem Filmfest München mit dem Preis für die beste internationale Koproduktion mit deutscher Beteiligung ausgezeichnet.
 

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