Von Echnaton bis zu al-Sisi

Der US-amerikanische Journalist und ehemalige Ägyptenkorrespondent Peter Hessler erlebte das Scheitern des Arabischen Frühlings hautnah. In seiner Analyse der aktuellen Militärdiktatur zieht er eine Linie von der autoritären Pharaonenzeit in die Gegenwart.

Bei der Niederschlagung des Arabischen Frühlings in Kairo sind 2013 mehr Menschen zu Tode gekommen als während des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China 1989, betont Peter Hessler. Er findet es erstaunlich, dass sich das Ereignis in China ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat, während das Wüten der Putschisten von General Abdel Fattah al-Sisi in Ägypten fast nur noch in Fachkreisen Beachtung findet.

Hessler war von 2011 bis 2016 Korrespondent in Kairo. Am Anfang hoffte er zu erleben, wie sich ein autoritär regiertes Land in eine moderne Demokratie wandeln würde, doch er wurde schnell enttäuscht. Nach dem Abgang des langjährigen autoritären Präsidenten Hosni Mubarak konnten die Muslimbrüder mit Mohammed Mursi als Präsident das Land nicht aus der wirtschaftlichen Misere führen. Weite Kreise der Bevölkerung waren unzufrieden, neue Proteste wurden gewaltsam unterdrückt. 

Die Muslimbrüder, die zuvor selbst jahrzehntelang verfolgt worden waren, hatten nur wenig politische Erfahrung. In der Hoffnung, sich wenigstens die Armee gewogen zu machen, ernannte Mursi im August 2012 General al-Sisi zum Verteidigungsminister. Das war fatal, denn der General putschte sich nach knapp einem Jahr an die Macht. Mursi und viele seiner Gefährten landeten wieder im Gefängnis, Proteste ließ al-Sisi blutig niederschlagen. Seitdem hat sich Ägypten zu einer brutalen Militärdiktatur gewandelt, die das Mubarak-Regime noch übertrifft.

Peter Hessler schildert die Ereignisse nicht nur aus der Perspektive des ausländischen Korrespondenten. Er hatte von Anfang an Sprachunterricht genommen, was ihm ermöglichte, in das Leben der Menschen einzutauchen. Die politischen Ereignisse verbindet er mit humorvollen Anekdoten aus dem Alltag. Das macht sein Buch nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam. Hessler bleibt bei solchen Berichten aber immer respektvoll und wohlwollend, auch wenn er Kritisches anzumerken hat. Und er nimmt durchaus kein Blatt vor den Mund. So beklagt er immer wieder die patriarchalische Struktur der Gesellschaft, in der die Jugend nicht zum Zug kommt, und prangert die untergeordnete Rolle der Frauen als Entwicklungshindernis an.

Eine Zeittafel am Anfang des Buches erleichtert das Verständnis der Episoden über archäologische Ausgrabungen und Ereignisse aus der fünftausendjährigen Geschichte des Landes, die der Autor immer wieder einflicht. Das befremdet zunächst ein wenig, erweist sich aber im Laufe der Lektüre als angemessen und hilfreich. Hessler zieht eine gerade Linie von der autoritären Pharaonenzeit in die repressive Gegenwart und er führt das Scheitern der Revolution implizit auf das Bedürfnis der Bevölkerung nach Ordnung und Beständigkeit zurück. Fraglich ist allerdings, ob er dabei nicht die Macht der Gewehre und der allgegenwärtigen Korruption unterschätzt. Unerwähnt lässt er auch, dass die USA Ägypten jährlich in Milliardenhöhe militärisch unterstützen und dass al-Sisi ausgezeichnete Kontakte zum Pentagon hat.

Die hervorragende Übersetzung von Thomas Pfeiffer und Andreas Thomsen sowie das sorgfältige Lektorat tragen dazu bei, das Buch zu einem spannenden und lehrreichen – aber nicht belehrenden – Lesevergnügen zu machen.

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